Und jetzt gehört der See mir ganz allein

Ein Boot auf dem Zürichsee ist nur für die Reichen? Mitnichten. Eine Ausfahrt mit einem Miet-Motorboot.

Unser Kapitän: Patric Dal Farra tuckert mit Gorillaz und Hildegard Knef im Ohr. Fotos: Andrea Zahler

Unser Kapitän: Patric Dal Farra tuckert mit Gorillaz und Hildegard Knef im Ohr. Fotos: Andrea Zahler

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Das erste Andocken am Steg mit dem Poros, dem «kleinen sportlichen Flitzer ohne Führerscheinpflicht», gestaltet sich nicht so reibungslos wie erhofft. Ich steche zwischen zwei Jachten und ein paar Bojen Richtung Heimathafen und versenke den Bug im Steg. Da hilft es auch nicht, dass der Verleiher mit den Armen wedelt. Ich habe soeben zum ersten Mal ein Motorboot parkiert.

Nichts passiert, meint der Mann, «glücklicherweise nichts passiert», unterstreicht er diese Tatsache noch, und es wäre ja auch schade um die 250Franken Depot gewesen. 250 Franken als Garantie für das Motorboot – wenn man es unterwegs auf dem See verlieren sollte? Nein, wenn man es kaputt macht – beim Anlegen zum Beispiel.

Die Menschen von der «schönsten Bootsvermietung auf dem Zürichsee» sind freundlich, aber wie ihre Pedalos kurz angebunden. Beim informellen Surfen zu «Pedalo fahren auf dem Zürichsee» bin ich auf das Nautische Zentrum Zürich gestossen – und auf das Angebot, ein Motorboot ohne Führerschein mieten zu dürfen. Ja, dagegen kommt kein Pedalo an – nicht mal der Vierer mit Rutsche.

Einen Gang hat das Boot, acht See­pferdestärken, vier Sitzplätze, man kann damit vorwärtsfahren und zurück – und sein eigener Kapitän sein, damit ködern, nein, angeln sie die Kunden.

Wie damals auf der Tütschibahn

Ich wollte nicht unbedingt mein eigener Kapitän sein, aber ich hatte lange nicht mehr ein Fahrzeug mit Lenkrad manövriert, das letzte Mal in den 90er-Jahren an der Chilbi auf der Tütschibahn.

Mal wieder am Lenkrad: Unser Autor manövriert sein Motorboot wachsam über den Zürichsee.

Es ist heiss an diesem Mittwoch­nachmittag im Juli, und auf dem Weg zur Bootsvermietung raten mir alle, die ich treffe, ich solle mich gut eincremen. Ich habe aber keine Creme dabei, und mir wird klar, dass es schwierig werden würde, Schatten auf offener See zu finden. Ich könne ja einfach unter der Brücke haltmachen. Ist aber strengstens verboten. Das und in die Limmat reinzufahren und weniger als 150 Meter entfernt parallel zum Ufer zu fahren.

Ich steche also ein zweites Mal in den See, nachdem ich bei der ersten Ankunft den Steg gerammt habe. Meinen Temporärgast – die Fotografin – habe ich aber heil wieder aufs Festland be­kommen, und jetzt gehört der See mir ganz allein, die Welt steht mir offen bis Rapperswil.

Am 15. Juni 1775 schreibt Johann Wolfgang von Goethe ein Gedicht in sein Tagebuch. «Aufm Zürichersee» heisst der Eintrag, und entstanden ist er auf seiner ersten Schweizreise. Von ihm ­abgeändert und veröffentlicht wird es später als «Auf dem See». «Die Welle wieget unsern Kahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf», heisst es etwa darin. Für Goethe, ein Anhänger des Neptunismus, symbolisierte das Wasser die Quelle des Lebens.

«Lake Zurich» von den Gorillaz. Video: Youtube

Prominente Durchreisende haben sich vom Zürichsee schon inspirieren lassen; die Gorillaz haben 2018 mit «Lake Zurich» ein Popstück nach ihm benannt, in einem Lied der Chansonsängerin Hildegard Knef geht 1968 in «Die Welt ging unter am Zürichsee bei 30 Grad im Schatten» eine Beziehung am See bachab – und Goethe widmet ihm das «Auf dem See» in seiner Sturm-und-Drang-Zeit.

Aufreizend wartende Enten

Weder stürmisch noch dränglerisch geht es an diesem Mittag auf dem See zu und her. Es ist heiss in der Stadt, die Zahl der Menschen, die im Seebecken abtauchen wollen, ist aber überschaubar.

Trotzdem heisst es immer wachsam sein, denn man will keinen Ironman-Aspiranten im Training anfahren, und die Enten bleiben aufreizend lange im Wasser, bis sie vor dem antuckernden Boot Reissaus nehmen. Dass das Motorboot immerzu Geräusche macht, als hätte man gerade eine dieser Enten erwischt, ist ein bisschen blöd. Es tönt so wie die Tröten, die Jäger zur Entenjagd brauchen. Zudem gilt das Augenmerk den Kursschiffen, denn der Poros ist zwar klein, aber nicht so schnell.

Überhaupt fällt auf, dass man sehr wenige Kursschiffe sieht. Es fällt auch auf, dass alle wissen wollen, wer im vorbeifahrenden Boot sitzt. So, als könnte man denjenigen vielleicht kennen, als gäbe es eine Seeszene, wo «Seen und gesehen werden» gilt. Auch winkt man auf dem Wasser gerne anderen zu, was auf dem Land höchstens bei Töff­fah­rern und VBZ-Angestellten vorkommt. Die Parallele sehe ich gerade nicht.

Als Kind des linken Seeufers, der Pfnüselküschte, hat für mich der Zürichsee immer schon dazugehört. Und auch heute fahre ich an Tagen immer mal wieder eine kleine, eine mittlere, schon lange aber keine grosse Rundfahrt mehr auf dem See. Im Unterschied zum Kursschiff hältst du auf deinem Boot das Ruder in der Hand, entscheidest du über Route, Geschwindigkeit oder Dauer. Gut, bei 70 Franken auf die Stunde sollte man bei acht PS nicht probieren, Rapperswil zu erobern – aber man hat einen motorisierten Untersatz und eine grosse befahrbare Fläche.

Das wiederum ist ein kleines Stück Freiheit, auch wenn man sich beim Dahingleiten mit der Zeit ein schnelleres Boot wünscht – so ein «Miami Vice»-Speed­boot – und die Möglichkeit, an dem einen oder anderen lauschigen Plätzchen anzulegen, was aber ebenfalls verboten ist.

Das Mediterrane und der Motor

Und weil man weniger als auf der Strasse den Verkehr im Auge hat und alles doch ein wenig langsam ist auf dem See, gerät man mit dem Glitzern vom Wasser kombiniert mit dem Wiegen der Wellen und dem Arbeiten des Motors und dem Tröten der Entenjäger fast wie in einen Trancezustand. Erst wenn man vom Gas geht und der Motor ganz leise wird, wird es auch mediterran hier draussen. Man hört die Wellen, hört die Badenden, hört die Schiffe. Zu lange kann man sich in diesem kleinen Boot aber nicht wiegen lassen, weil es jede Welle nimmt. So stellt man wieder auf Vollgas voraus, und wenn dir das Wasser ins Gesicht spritzt und du über die Wellen von den anderen Booten hüpfst, dann ist das toll, und man zieht kurz die Anschaffung eines eigenen Motor­boots in Erwägung.

Wenn man sich also entscheidet, eine Zeit autonom auf dem See zu sein, kann man entweder Stand-up-Paddling machen, oder man entscheidet sich für Pedalo oder Motorboot. Das Pedalo ist gut für Kinder, Kollegen und Kitschknutschen. Wer aber mal nur für sich sein will auf dem Zürichsee und sich seine Auszeit mit Nicht-Pedalieren versüssen möchte, sollte in den Poros steigen und ins Alpenpanorama tuckern.

Erstellt: 25.07.2019, 21:58 Uhr

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