Unmöglich, aber wahr – das Busenplakat

Vielleicht hat Zürich deshalb keine U-Bahn: Ein Komitee warb einst mit nackter Frau und zotigem Slogan für deren Bau.

Führt eine Bahn in den Untergrund, wird manchmal auch die Werbung unterirdisch. Bild: Alamy Stock

Führt eine Bahn in den Untergrund, wird manchmal auch die Werbung unterirdisch. Bild: Alamy Stock

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Die Stadt Zürich ist auf einem Berg aus Geheimnissen errichtet. Wer zu graben beginnt, stösst ab und zu auf Gold, aber auch auf unschöne Dinge. Gemeint ist damit nicht das Netz der Zürcher Kanalisation, deren Zweck darin besteht, uns vergessen zu lassen, wie viel Mist wir erhabenen Kulturwesen generell so produzieren. Diese Geschichte beginnt in einem anderen Tunnel, unter dem Hauptbahnhof, wo heute die Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn ihre Endstation hat.

Hier sollte mal ein U-Bahnhof entstehen. Aber das Projekt für eine Zürcher U-Bahn scheiterte im Mai 1973 an der Urne. Es wurde beerdigt – und mit ihm eine sexistische Kampagne, von der man kaum glauben kann, dass es sie mal gab. Das war halt so eine Sache mit Tunneln und dem Sexualtrieb: Man muss annehmen, dass in den Köpfen nachkriegszeitlich geprägter Männer die Bremssysteme ausfielen, sobald so ein dunkles Loch am Horizont auftauchte.

Keine baumelnden Penisse

Das dürfte auch mit Sir Alfred Hitchcock zu tun haben. Der Erfolgsregisseur, laut Lieblingsschauspielerin Tippi Hedren ein Harvey Weinstein seiner Tage, überlistete 1959 die Hollywood-Zensur. Er zeigte in der letzten Szene seines Kassenschlagers «North by Northwest» das Heldenpärchen beim Kuss in einem Schlafwagen und schnitt dann auf eine Einstellung des Zugs, wie er in eine Tunnelröhre einfährt. Ziemlich penetrant und eindeutig zweideutig.

Die berühmte Szene im Hitchcock-Film. Video: Youtube

Genauso wurde 14 Jahre später in Zürich für den Bau einer U-Bahn geworben. Nur dass es mangels Zensur obendrauf ein eindeutig sexistisches Sujet gab: eine barbusige junge Frau, die durch ein grosses, silbernes U steigt. Dazu der Slogan: «Oben ohne Stossverkehr, wenn unten U- und S-Bahn wär». Oben ohne? Stossverkehr? Tunnel? Und nein, es gab kein Gegenkomitee, das mit dem Slogan «unten ohne» und baumelnden Penissen operierte. Nur eines, das eine «Denkpause» einforderte – mit nacktem männlichem Modell, das im Stil von Auguste Rodins «Denker» posierte, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale geschickt verdeckend.

Die Rache der Stimmbürgerinnen?

Auch wenn beide Seiten auf thematisch unpassende Nacktheit setzten, wirkt das Busenplakat um Welten billiger und entwürdigender. Der staunenden Nachwelt überliefert ist es dank eines Artikels im Magazin «Hochparterre», der sich auf einen Beitrag der «Schweizer Illustrierten» von 1973 beruft. Dort stand, dass die «U-Bahn-Fans» mit solchen Postern «den Zürcher Stimmbürger» umwerben würden. Die Stimmbürgerinnen wohl weniger – aber die durften damals ja auch erst seit kurzem politisch mitreden, daran musste man sich erst gewöhnen. Es wäre eine hübsche Pointe: Zürich hat heute keine U-Bahn, weil die Frauen sich rächten.

Aber ist es überhaupt denkbar, dass in Zürich 1973 wirklich Politplakate mit einer barbusigen Frau aufgehängt wurden? Zeitzeugen auf der TA-Redaktion zweifeln. Die Presse behandelte damals andere Kontroversen. Die SP etwa warf dem Stadtrat vor, mit Steuergeldern Plakate pro U-Bahn finanziert zu haben. Kein Wort von einem skandalösen Sujet. In alten Ausgaben der NZZ findet man zwar den zotigen Stossverkehr-Slogan, aber ohne Foto. Die alte Tante hatte halt ihre Prinzipien.

Oben ohne gab es auch in Wien

Hinter der Kampagne stand die private «Gesellschaft zur Förderung einer Zürcher U-Bahn». Ihr damaliger Präsident, der frühere EVP-Gemeinderat Otto Baumann, ist heute 83-jährig. Er mag sich (nach einem ermunternden Zwischenruf seiner Frau) zwar wieder entsinnen, wie sie damals in Zürich Plakate mit dem Stossverkehr-Slogan aufgehängt haben. Aber das Sujet? Nein, keine Erinnerung, das sei ihm entfallen. Den verantwortlichen Werber Peter Felix, einen LdU-Kantonsrat, kann man nicht mehr fragen, er ist gestorben. Genau wie der Journalist der «Schweizer Illustrierten».

Ergiebiger ist eine andere Spur. Sie führt ins Ausland, nach Frankfurt am Main, wo 1968 die ersten U-Bahn-Züge in Betrieb gingen. Und wie warb man dort um Verständnis für die Bauarbeiten? Wie bringt man verärgerten Autofahrern bei, dass es ohne Umleitungen keine U-Bahn gibt? Logisch: mit einem barbusigen Hippiegirl in Schlaghosen und dem Slogan: «Oben ohne».

Das dachte man sich auch in Wien, wo es 1969 mit dem U-Bahn-Bau losging. Das entsprechende Plakat schlummert heute in der Österreichischen Nationalbibliothek – immerhin darf die junge Frau dort ihre Brüste bedeckt halten. Insofern scheint recht plausibel, dass auch das Zürcher Plakat ernst gemeint war. Es stand in einer ikonografischen (Schmuddel-)Tradition, die man anderen abgeschaut hatte.

Das Plakat aus Wien erschien vor jenem in Zürich. Bild: ÖNB

Das Sujet stand noch in einer zweiten Tradition: jener des Ausverkaufs der sexuellen Revolution. In den 60er-Jahren war viel in Bewegung geraten, was der weiblichen Emanzipation zunächst zugutezukommen schien. Die unverblümten Sexualreporte wie jene von Alfred Kinsey entlarvten die bürgerliche Moral, die Antibabypille nahm dem Sex die Angst, und linke Revoluzzer propagierten sexuelle Befreiung als Schritt hin zu einer neuen Gesellschaft – sogar in Pornografie sahen sie emanzipatorisches Potenzial.

Gleichzeitig gab es aber eine Sexwelle in den (Boulevard-)Medien, die die gelockerten Moralvorstellungen kommerziell ausbeuteten. Mit Bildern nackter weiblicher Brüste, die sich als sehr verkaufsfördernd erwiesen – was im Ausland «Sun» oder «Bild» machten, kopierte hier der «Blick». Es zeigte sich auch, dass den Pornografiekonsumenten die politischen Programme der Sexualrevolutionäre ziemlich egal waren. Selbst Reportagen über die freie Liebe in den Kommunen bedienten primär voyeuristische Instinkte – woran die männlichen Protagonisten nicht ganz unschuldig waren, weil manche 68er die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Theorie reizvoller fanden als in der Praxis.

Ein blinder Fleck

Otto Baumannvon derlängst aufgelösten «Gesellschaft zur Förderung einer Zürcher U-Bahn» wundert sich, warum jetzt die Geschichte um dieses alte Plakat wieder ausgegraben wird. Vielleicht ist das die Antwort: weil es ein Stück Zeitgeschichte ist, das uns vor Augen führt, wie weit wir seither gekommen sind. Es entstand 1973, in einer Zeit der Katerstimmung, als prominente Feministinnen wie Alice Schwarzer ernüchtert feststellten, dass die Sexwelle den Frauen «nicht mehr Freiheit und Befriedigung, sondern mehr Selbstverleugnung und Frigidität» gebracht hatte. Und es wäre heute nicht mehr denkbar.

Man stelle sich vor, fürs kantonale Wassergesetz wäre mit einer Bikinifrau geworben worden.

Man stelle sich vor, fürs kantonale Wassergesetz wäre mit einer Bikinifrau geworben worden und dem Slogan: «Unsere Feuchtgebiete sind keine Privatsache!» Es gäbe einen Aufschrei, die Verantwortlichen wären politisch erledigt. Das glaubt auch Helena Trachsel, Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Die Leute seien im Vergleich zu damals stark sensibilisiert für Sexismus.

Heute melden sich laut Trachsel sogar Teenager bei der Schweizerischen Lauterkeitskommission, wenn ein Ferienlager mit Sport für Jungs und Backen für Mädchen wirbt. Und Unternehmen wie die Baufirma Agir, die kürzlich wegen sexistischer Werbung und zotiger Sprüche für Schlagzeilen sorgte, müssen um Aufträge bangen.Allerdings hat die Lauterkeitskommission einen blinden Fleck: Sie ist nicht für politische Werbung zuständig. Ganz sicher können wir uns des Fortschritts also nicht sein – vielleicht müssen wir erst mal eine U-Bahn bauen.

Ist Ihnen das Busen-Plakat 1973 begegnet? Oder sind Ihnen seither andere Politkampagnen sexistischer Natur aufgefallen? Schreiben Sie uns per E-Mail.

Erstellt: 16.03.2019, 16:21 Uhr

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