Velowerkstatt auf vier Rädern

Statt das Velo zum Mech zu fahren, fährt der Mech zum Velo: Das ist die Idee von Fixfox. Die Bellevue-Redaktion hat die erste mobile Velowerkstatt getestet.

Im hellgrünen VW-Lieferwagen finden unzählige Ersatzteile Platz. Foto: Reto Oeschger

Im hellgrünen VW-Lieferwagen finden unzählige Ersatzteile Platz. Foto: Reto Oeschger

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Unlängst stand ich wieder einmal fluchend am Waschbecken im Keller. Mit schwarzen Händen. An meinem Lieblingsvelo war eine Speiche gebrochen. Natürlich am Hinterrad. Rechts – wer je ein Velo repariert hat, weiss, was das heisst. Die Reparatur verlief besser als befürchtet, aber dann war da das hartnäckige Schwarz an den Händen, und ich fragte mich, ob ich nicht vielleicht doch einen Velomech suchen sollte.

Anderseits, der Mech hat nie dann Zeit, wenn ich ihn brauche. Und ein fahrunfähiges Velo zum Mech schieben oder gar mit dem Auto hinfahren... Ich war von klein auf eine Bastlerin, seit zwanzig Jahren habe ich nie mehr ein Velo zum Reparieren gebracht. Damit habe ich einige abenteuerliche, aber nie schlechte Erfahrungen gemacht. Im Gegensatz zu dem, was ich in Velowerkstätten erlebt habe. Noch heute sehe ich jenen Mech in Costa Rica vor mir, der die Naben an meinem Lieblingsvelo fetten sollte. Er setzte zwei Schraubenschlüssel an, es knackte, dann spickten Kugellager-Kugeln in alle Richtungen. Der Mann griff sich eine Tüte neuer Kugeln, setzte das Lager mithilfe von viel Fett ungerührt wieder zusammen. Bloss waren die Kugeln von schlechter Qualität –200 Kilometer später blockierte das Hinterrad. Der nächste Velomechaniker ersetzte die Nabe. Und demolierte dabei die Felge. 

Ein Schwur wird überprüft

Damals schwor ich mir, nur noch im Notfall eine Velowerkstatt aufzusuchen. Ich habe gelernt, ein Nabe auseinanderzubauen, selbst auf einer Sandpiste mitten im Nirgendwo. An meinem Lieblingsvelo kenne ich jedes Teil. Manchmal macht es mir sogar Spass, selbst Hand anzulegen. Keinen Spass machen: die Hände danach. 

Man könnte ja, sinnierte ich, einem Mech eine Chance geben. Da kam das Mail der Firma Fixfox wie gerufen. Fixfox ist ein mobiler Velomech-Service, der in Liechtenstein, im Glattal, im Kanton Zug und seit kurzem auch rund um den Zürichsee und in der Stadt Zürich unterwegs ist. Und da stand doch noch dieses alte Cannondale-Mountainbike in der Garage, dessen Kette schon zweimal gerissen ist und dringend ersetzt werden müsste.

Fixfox wird übers Internet gebucht. Man gibt den Ort ein, wo das Velo steht, das System gibt seinerseits die Daten an, an denen der Fixfox-Bus dort unterwegs ist. Zur Auswahl stehen vier ­verschiedene Servicetypen, von einem einfachen Sicherheitscheck bis zum ­Premiumservice, bei dem alle Teile geschmiert werden und der Ersatz von Brems- und Gangkabeln inbegriffen ist. Für ein Alltagsvelo kostet der einfachste Service 59 Franken, der teuerste 229. Es ist aber auch möglich, Reparaturen à la carte zu buchen; etwa die Bremsbeläge wechseln (29 Franken) oder einen Dynamo montieren lassen (23 Franken). Hinzu kommen Materialkosten. 

Fixpreise, das ist schon mal gut, denke ich. Eines der letzten Male, dass ich bei einem Velomech war, endete mit einer bösen Überraschung: Hundert Franken sollte ich dafür bezahlen, dass der Fachmann eine angerostete Schraube ausbohrte. Solche Geschichten kennt Fixfox-Geschäftsführer Dominik Noli: «Das ist der Grund, warum wir mit Fixpreisen arbeiten.» Mit seinem Team diskutiert er, wie viel Fixfox für bestimmte Reparaturen verlangen kann. Zumal der Aufwand je nach Velotyp anders ist. «Ein modernes Mountainbike ist ­extrem kompliziert zu flicken», sagt ­Nicoles Balla, «von einem E-Bike gar nicht zu reden.» Balla ist Mechaniker; er nimmt sich meines Cannondale an.

Die guten alten Göppel

Und ist von diesem alten Göppel gleich begeistert. Er habe einst selbst als Entwickler bei Cannondale gearbeitet. Er gerät ins Schwärmen: «Das war noch eine richtige Fabrik. Auf der einen Seite kamen riesige Laster voller Aluminium rein, auf der anderen Seite kamen die fertigen Velos raus. Wahnsinn.»  

Während er erzählt, wäscht er den Schmutz von meinem Velo, dann montiert er den Antrieb ab und reinigt ihn gründlich. Mein Respekt steigt schon mal eine Stufe: So sauber waren die Zahnkränze seit Jahren nicht mehr. Er repariere gern alte Velos, sagt Balla. Klar, hin und wieder müsse man sich die Frage stellen, ob sich das noch lohne, sagt er: «Manchmal treffe ich auf Velos, die halten nur noch dank Draht und Klebeband zusammen.» 

Balla hat mit allen zu tun: dem lotterigen Drahtesel genauso wie dem Hightech-Rennrad.

Die Idee für Fixfox hatte Christoph Wiedner. Er stand eines Tages vor dem Problem: Wie bringe ich im Frühling alle Velos der Familie in die Werkstatt, um sie für den Sommer fitzumachen? Wiedner, der damals ein Beratungsunternehmen führte, begann zu grübeln. Schrieb ein Konzept, einen Businessplan, suchte einen Partner, den er in Dominik Noli fand. In der Branche traf er auf interessierte Skepsis, wie Noli sagt: «Alteingesessene sehen uns als ­Konkurrenz. Dabei gibt es selbst in grossen Orten, etwa in Wädenswil, keinen Veloladen mehr.» Fixfox versteht sich hier als Ergänzung. Und hat nicht nur eigene Mechaniker, sondern bietet ­Velogeschäften die Möglichkeit, als Franchisenehmer einzusteigen. Bis 2020 will das Unternehmen die ganze Deutschschweiz abdecken. Noli ist überzeugt, dass das funktioniert: In den USA und Kanada bewährt sich das System bestens.

Nicoles Balla ist inzwischen damit beschäftigt, eine neue Kette zu montieren. Man kann sich kaum vorstellen, wie in dem hellgrünen VW-Lieferwagen, der als mobile Werkstatt dient, alle nötigen Ersatzteile Platz finden. Balla grinst. Das sei tatsächlich nicht ganz einfach, sagt er. Aber weil die Kunden bei der Buchung auch Velotyp und Marke angeben, kann er in etwa abschätzen, was er braucht. Balla hat mit allen zu tun: dem lotterigen Drahtesel genauso wie dem Hightech-Rennrad, das so viel kostet wie ein Kleinwagen. Und genauso unterschiedlich sind die Kunden. Manche sind froh, können sie ihr Velo einfach an den Strassenrand stellen, andere gucken dem Mechaniker gern über die Schulter. 

Zwei Stunden später muss ich zugeben: Es gibt sie, die Mechaniker, die ­wissen, was sie tun. Mein Cannondale schnurrt wie eine Katze und ist so sauber wie seit dem Kauf nicht mehr. Doch, ich bin zufrieden. Was mich allerdings in ein neues Dilemma stürzt. Ich könnte künftig mein Velo Nicoles Balla anvertrauen. Ich könnte auf schwarze Hände verzichten. Aber woran soll ich dann noch herumwerkeln?

Erstellt: 24.09.2018, 21:54 Uhr

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