Viel mehr als nackt

Um die Blüttlerszene ranken sich zahlreiche Gerüchte und Vorurteile. Wir räumen etwas auf.

Nicht nur baden oder sich sonnen geht ohne Kleidung: Nacktwanderer, die eine Pause einlegen. Foto: Roshan Adhihetti (13 Photo)

Nicht nur baden oder sich sonnen geht ohne Kleidung: Nacktwanderer, die eine Pause einlegen. Foto: Roshan Adhihetti (13 Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie kämpft gegen viele Vorurteile, die Blüttlerszene. Etwa dass alle ihre Mitglieder Exhibitionisten oder Glüschtler seien. Dabei wollen die Nudisten einfach im Einklang mit der Natur sein. Was für sie heisst, so viel Zeit wie möglich nackt zu verbringen. Rund um Zürich gibt es zahlreiche Bade- und Campingplätze. Zudem wird in der Schweiz das Nacktwandern zelebriert. Weltweit gibt es Nacktläufe, Nacktfahrradtouren, Nacktyoga (Schauspielerin Gwyneth Paltrow soll Anhängerin sein), Nacktgolfanlagen, und einige fahren selbst splitternackt Ski. Doch woher kommt eigentlich die Bewegung, und was ist der Unterschied zwischen FKKlern und Naturisten?

  • Freikörperkultur, die

Kurz und besser bekannt als FKK. Die Abkürzung wird heute in erster Linie mit nacktem Baden gleichgesetzt, sie ist aber eine spezifische Form der Lebensreformbewegung. Die ersten Akteure der Bewegung kamen im frühen 20. Jahrhundert aus Deutschland. 1983 veröffentlichte die Band Juckreiz das Lied «FKK», das in der Jahreshitparade der DDR Platz 29 erreichte.

  • Nudismus, der

Wie der Naturismus wird Nudismus ausserhalb des deutschen Sprachraums als Synonym für FKK gebraucht. Beide Begriffe erinnern an die Anfänge der Bewegung, bei der das gesunde Naturerlebnis im Vordergrund steht.

  • Lebensreformbewegung, die

Sie strebt eine neue Lebensweise an, die eine Umgestaltung des bisherigen Alltags verlangte. Die ersten Anhänger der Bewegung misstrauten den technisch-industriellen Neuerungen und versuchten mit ihrer Lebensweise ihre Ideale eines gesünderen Lebens zu verwirklichen – in Einklang mit der Natur. Neben vegetarischer Ernährung und Verzicht auf Alkohol und Rauchen soll der Körper dabei möglichst oft Licht, Luft und Sonne ausgesetzt sein. Mit der Nacktheit zeigen Naturisten Respekt gegenüber sich selber, den nackten Mitmenschen und der Umwelt.

  • natürliche Nacktheit, die

Nicht zu verwechseln mit dem Entblössen in intimen Momenten (oder auch nur schon beim Duschen), denn das Nacktsein der Naturisten steht in keinem Zusammenhang mit sexuellen Bedürfnissen. Aus Sicht der Naturisten tritt nämlich das Gegenteil ein: Durch das gemeinsame Nacktsein von Frau und Mann verschwinde jede Scham, Nacktheit mache moralischer und sittlicher. Und: Durch das gemeinsame Nacktsein entsteht eine Entkontextualisierung von Nacktheit.

  • Verachtung des Fleisches, die

Vorwurf der Vordenker der Freikörperkultur gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft; diese nehme den menschlichen Körper zu wenig wahr.

  • Sittenheuchelei, die

Ein weiterer Vorwurf, der in dieselbe Richtung wie die Verachtung des Fleisches geht. Denn gerade aufreizend verhüllte Körper galten aus Sicht der Freikörperkultur-Anhänger als unsittlich; sie provozieren unzüchtige Gedanken.

  • Swingerinseli, das

Die Zürcher Werdinsel mit ihrem offiziellen Nacktbereich erhielt vor einigen Jahren den Übernamen Swingerinseli, da sich Badende anscheinend im Freien sexuell vergnügten. Was auf der Insel getrieben werden soll und was nicht, beschäftigte nicht nur die Anwohner, sondern auch die Politik: Seit 2018 ist ein neues Nutzungskonzept in Kraft, das ein friedliches Zusammensein zwischen den Badenden mit und ohne Textilien ermöglichen soll.

  • Textilsonner, die

Die, die beim Baden und Sichsonnen ihren Allerwertesten mit Badehose oder Bikini bedecken, werden in der Blüttlerszene, vor allem in Foren, auch «Textilsonner» oder «Textiler» genannt.

Erstellt: 19.08.2019, 15:30 Uhr

In Zahlen

3500

Mitglieder zählt die grösste Schweizer Naturisten-Organisation ONS (Organi­sation von Naturisten in der Schweiz).

1901

wurde das erste Luft- und Sonnenbad der Stadt am Zürichberg eröffnet.

4

grosse Naturistengelände, die man ausschliesslich nackt betreten darf, gibt es im Raum Zürich: «Schönhalde» in Aeugst, «Die Neue Zeit» in Turbenthal, «Föhrli» in Nänikon und «Rehwinkel» in Oberglatt.

Wir Szenis: Alles Blüttler

Mittelalterfreaks, Outdoorsportlerinnen, Markensammler, Blüttler: Während der Sommerferien tauchen wir in Zürcher Szenen ein und beleuchten sie von ­verschiedenen Seiten. Bleiben Sie à jour unter www.szene.tagesanzeiger.ch.

Artikel zum Thema

Das Abc des günstigen Wohnens in Zürich

Serie Baugenossenschaften legen Wert auf Partizipation. Wer am Gespräch über gemeinnütziges Wohnen teilhaben will, sollte folgende Ausdrücke kennen. Mehr...

Das Geheimnis um die vermeintlich peinlichste Anmache der Welt

Serie Briefmarkensammler und -händler waren einst galante Verführer. Heute hoffen sie auf junge Frauen und Chinesen. Mehr...

Zehn zentrale Kraftausdrücke

Serie Bootcamp, Calisthenics, Muscle-up: Ohne grundlegendes Vokabular ist es schwierig, in der Outdoorfitness-Szene. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...