Vom A-Papst zum HoMi

Wir ziehen in unserer Sommerserie weiter zu den Schaudarstellern der heutigen Mittelaltermärkte. Ein Lexikon zu einer Welt, in der die Länge des Schwertes enorm wichtig scheint.

Ob sich der Folterknecht des Mittelaltermarkts von solchen Primärquellen inspirieren lässt?

Ob sich der Folterknecht des Mittelaltermarkts von solchen Primärquellen inspirieren lässt? Bild: De Agostini, Getty Images

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Seyed uns gegrüsst, all Ihr Holden und Edlen landauf und landab (das Weib sei hier bewusst nicht mitgemeint, denn ihr stehet in dieser Szene eher eine dekorative Rolle zu)! Tauchen Sie ein in eine Welt, die sich der Darstellung jener Jahrhunderte verschrieben hat, die in den Geschichtsbüchern gern «die finsteren» genannt werden. Aus Angst vor möglichen Foltermethoden («Henkerey, Folterey, Spasz dabei», so das Motto des Scharfrichters) möchte vorab noch gesagt sein: Dieses Lexikon ist mit einem Augenzwinkern zu lesen.

Marktsprech, der

Damit ist das geschwollene Gerede auf den heutigen Mittelaltermärkten gemeint. Ihr Zweck: das Ambiente und die Atmosphäre stärken. Ihre Authentizität kann durchaus angezweifelt werden. Diese «neumodische» Sprache entstand in den 1980er-Jahren und hat rein gar nichts mit Mittelhochdeutsch zu tun. Der Pseudosprache sind Stilblüten wie der Horchknochen (Handy), der Taschendrachen (Feuerzeug) oder das Weltennetz (das erraten Sie selbst) zu verdanken.

HoMi, das

Kurzform für die von den Mittelalterfreaks dargestellte Zeitepoche, in diesem Fall das Hochmittelalter (etwa 1000 bis 1350). Ist zu unterscheiden vom FrüMi, also dem Frühmittelalter (alles bis ungefähr 1000, Zeit der Wikinger und Kelten), sowie dem SpäMi, dem Spätmittelalter (ab 1300, also die Blechritter im Plattenpanzer).

Bidenhänder, der

Ultralanges Landsknechtschwert, das Breschen schlagen kann. Schaudarsteller ignorieren ihm zuliebe die historischen Fakten und tragen es durch alle Zeitalter. Was jedoch gilt: Die Länge der Klinge verhält sich exponentiell abnehmend zur Männlichkeit des Trägers.

Met, der

Alkoholisches Getränk aus vergorenem Honig und Würzstoffen, das bei den Barbarenvölkern in beachtlichen Mengen getrunken wurde. Wird heutzutage meist durch Bier ersetzt, da billiger.

A-Papst, der

Abkürzung für den Begriff des «Authentik-Papsts». Er allein (!) weiss, was ­authentisch mittelalterlich ist. Als wahrer Geist und Bewahrer der Zeitepoche sieht er sich in der Pflicht, seine Szene- Kollegen auf Fehler in ihrer Darstellung hinzuweisen. Er ist es, der beispielsweise einer Tunika ansieht, dass da eine Nähmaschine im Spiel gewesen sein muss. Durch ständiges Hinweisen auf Fehler erzieht er dankenswerterweise seine Kollegen zu mehr Genauigkeit.

GroMi, der

Er ist das Gegenteil vom A-Papst und lebt mehr «grobmittelalterlich». Sein Vorsatz: Es muss aussehen, aber nicht unbedingt sein wie echt.

Möglicher Gesprächsverlauf zwischen einem A-Papst (A) und einem GroMi (G):

G: «Guck mal, mein neuer Lederbeutel. Den habe ich selbst gefertigt.»

A: «O. k., der ist aber nicht wirklich A! Historisch korrekt wäre ...»

G: «Ach, du A-Papst, du Gewandungsnazi, mit dir macht es keinen Spass.»

A: «Wenn man dieses Hobby nicht historisch korrekt ausführt, kann man es auch gleich lassen.»

G: «Ich lebe mein Hobby, wie ich möchte! Und wenigstens sieht mein Beutel nicht so beschissen aus wie deiner.»

A: «Meiner ist wenigstens authentisch.»

So geht es weiter hin und her, bis einer der beiden (meist der GroMi) weint. Eine unverbindliche Umfrage auf einem Mittelaltermarkt zeigte zudem, dass jeder schon mal einem A-Papst begegnet sein will, aber keiner einer sein möchte.

A-Päpste oder GroMis? Bild: Dominique Meienberg

Primärquelle, die

Während es bei den A-Päpsten historische Bücher sind, dienen den GroMis Kinofilme als Inspiration. Besonders ­beliebt: «Braveheart», «Der 1.Ritter», «Der 13.Krieger» oder «Herr der Ringe» (1, 2 und 3).

Wenn sich die Nacht über das Mittel­alterfestival legt, kann das Treiben der Schaudarsteller in den Zelten – da müssen wir ehrlich sein – an eine Szene aus «Das Parfum» erinnern. Die Verkleidung der Ritter und Marktherren vermag eine ähnliche Wirkung wie das Parfum des Mörders im Roman zu entwickeln: «Männern und Frauen und Kindern und Greisen, die versammelt waren: Sie wurden schwach wie kleine Mädchen, die dem Charme ihres Liebhabers erliegen. Es überkam sie ein mächtiges Gefühl von Zuneigung, von Zärtlichkeit, von toller kindischer Verliebtheit, ja, weiss Gott, von Liebe zu dem kleinen Mördermann, und sie konnten, sie wollten nichts dagegen tun.»

Erstellt: 26.07.2019, 17:19 Uhr

Wir Szenis: Mittelalterfreaks (1/4)

Böötler, Outdoorsportlerinnen, Markensammler, Blüttler: Während der Sommerferien tauchen wir in Zürcher Szenen ein und beleuchten sie von ­verschiedenen Seiten. Bleiben Sie à jour unter www.szene.tagesanzeiger.ch.

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