Vom Limmatplatz nach Shanghai

Batbayar Chogsom hat sich an der Migros-Klubschule für einen Drehbuchkurs eingeschrieben. Was am Limmatplatz begann, findet in Shanghai einen Höhepunkt: Chogsoms Film wird dort am Filmfestival gezeigt.

Das Schweizer Konsulat in Shanghai veranstaltet für ihn einen Empfang: Batbayar Chogsom über der Limmat. Foto: Urs Jaudas

Das Schweizer Konsulat in Shanghai veranstaltet für ihn einen Empfang: Batbayar Chogsom über der Limmat. Foto: Urs Jaudas

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Eine Minute zu spät. Batbayar Chogsom eilt die breite Treppe zum Bahnhof Jona hoch. Es ist heiss, Batbayar Chogsom guckt suchend in die Menschenmenge. Er selbst fällt natürlich auf. Asiate, ein Meter achtzig gross, kompakt, dichtes Haar, volle Lippen.

Chogsom ist in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator aufgewachsen. Dort gab es ein russisches Kulturzentrum: den Lenin-Club. Das Besondere am Lenin-Club war, dass auch französische und sogar amerikanische Filme gezeigt wurden.

Seit 18 Jahren lebt er in der Schweiz. An der Uni Zürich studierte er Populäre Kulturen, Ethnologie und Politikwissenschaften. In der Stadt Zürich leben nicht viele Mongolen. 2017 waren es genau 64. Chogsom erlebt es häufig, dass ihn die Leute ansprechen: «Du bist der einzige Mongole, den ich kenne!» Heute ist er 44 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und mit einer Schweizerin verheiratet. Zuerst hat er fliessend Deutsch gelernt. Heute spricht er akzentfrei Mundart.

Wir stehen immer noch am Bahnhof Jona. Chogsom denkt nach: In der nä­heren Umgebung befinden sich drei Cafés. Wohin? Er entscheidet sich für den ­Steiner-Beck. Wir setzen uns ganz hinten an die Wand. Die Kellnerin bringt ihm eine Cola.

Jedes Wort ist abgezählt

Sein Film heisst «Out of Paradise». Worum geht es? Eine junge, mongolische Frau ist schwanger. Ihr Arzt rät ihr, nach Ulan Bator zu fahren. Dort erfahren sie und ihr Mann, dass man nur nach Vorkasse behandelt wird. Die hochschwangere Frau nimmt ihre goldenen Ohrringe ab und gibt sie ihrem Mann. Er soll sie im Pfandleihhaus einlösen. Der Tollpatsch verliert aber einen Ohrring. Es folgen eine Nacht mit einer Prostituierten, eine tödliche Schlägerei und die Geburt des Kindes.

Es ist ein Film, wie es ihn in der Schweiz fast nicht mehr gibt. Keine ­Papa-Moll- oder Schellenursli-Verfilmung, sondern ein klassisches Road­movie. Die Bilder sind berauschend. Die Dialoge kurz und nachhaltig. Jedes Wort ist abgezählt. Die Schauspieler reden mehr mit ihren Gesten. Immer wieder huscht ein Lied dazwischen. Exotische, warme Klänge, die einem nicht aus dem Ohr gehen.

 Der Psychoanalytiker Aron Roland Bodenheimer wurde Chogsoms Mentor und eine Art Grossvater für ihn. 

Trotzdem, an den Solothurner Filmtagen ist der Film nur in der Trost­kategorie «Prix du public» nominiert worden. Bitter. Acht Jahre lang hat Chogsom daran gearbeitet. Ist dem Geld nachgerannt. Der Film hat keine einzige Nomination für einen Filmpreis in der Schweiz bekommen. Von den Filmschaffenden wurden er und sein Erstlingswerk links liegen gelassen. Batbayar Chogsom schüttelt nur müde den Kopf. Er will über die vielen Enttäuschungen gar nicht mehr reden, sondern nach vorne gucken. Irgendwann muss doch die Anerkennung kommen.

Vielleicht war er zu wenig vernetzt in der Filmbranche. Chogsom hat sein Handwerk als Regisseur nicht an einer Filmhochschule gelernt, sondern an der Migros-Klubschule am Limmatplatz. Der Drehbuchkurs dauerte drei Monate. Immer einmal in der Woche. Kostenpunkt: ein paar Hundert Franken.

Chogsom trinkt seine Cola. Hinter ihm haben sich zwei ältere Frauen hingesetzt. Sie trinken Kaffee crème und ­essen Vermicelles. Chogsom ist also Mongole. Um sein Studium zu finanzieren, hat er in Zürich viele Jahre als Dach­decker und Schreiner malocht. Nach dem Studium arbeitete er im Landes­museum als Archivar. Gewohnt hat er bei Aron Roland Bodenheimer – einem der berühmtesten Psychoanalytiker der Schweiz. Bodenheimer, 2011 verstorben, war Jude. Der Jude und der Mongole lebten im gleichen Haushalt. Bodenheimer wurde Chogsoms Mentor und eine Art Grossvater für ihn. Gemeinsam zündeten sie an Chanukka die Lichter an. Der alte Bodenheimer schenkte ihm irgendwann eine Kippa. Den Film hat Chogsom seinem Vorbild gewidmet.

Weltweit eines der grössten Filmfestivals

Nach dem Misserfolg an den Solothurner Filmtagen wurde es langsam prekär für den Regisseur. Zum Glück arbeitet seine Frau als Gymilehrerin. Er ist zu Hause und macht den Haushalt. Eines Tages erhält er eine E-Mail. Vom Internationalen Filmfestival Shanghai. Es zählt zu den grössten weltweit. In Asien ist es das wichtigste. Dieses Jahr haben sich 3400 Filme beworben, 8 wurden nominiert, darunter «Out of Paradise». Sein Film steht im Hauptfilmwettbewerb, nominiert für den Golden Goblet.

Um eine Grössenordnung zu erhalten, lohnt sich der Vergleich mit dem ­Zurich Film Festival. Das zog letztes Jahr knapp 100'000 Besucher an. In Shanghai waren es 43 Millionen. Wenn Chogsom hier gewinnt, wäre dies einer der grössten Erfolge in der Schweizer Filmgeschichte.

Welchen Einfluss das Filmfestival Shanghai hat, lässt sich anhand des deutschen Films «Vier Minuten» ablesen. Kein Verleiher wollte diesen Spielfilm zeigen. 2007 gewann er in Shanghai den ersten Preis. Das führte anscheinend zu einem Umdenken. Der Film kam in die Kinos von mehr als zwanzig Ländern und erzielte allein in Europa über eine Million Eintritte.

Immer auf der Suche

Für Chogsom wäre ein Erfolg auch aus anderen Gründen wichtig: Er arbeitet momentan an drei weiteren Filmprojekten. Die Investorensuche würde sich bestimmt einfacher gestalten.

Am 24. Juni ist die Preisverleihung, am 14. Juni flogen er und zwei Schauspieler nach Shanghai. Das Schweizer Konsulat veranstaltet für ihn einen grossen Empfang, der «Hollywood Reporter» berichtete über seinen Erstlingsfilm. Je näher das Finale rückt, desto grösser ist das Interesse an diesem unbekannten Mongolen aus Zürich. Auch der Leiter des Drehbuchkurses von der Klubschule hat sich gemeldet. Der ist jetzt irre stolz auf seinen Kursteilnehmer.

Doch Chogsom mag den Rummel gar nicht. Er sitzt in diesem Café in Jona und nippt an seiner Cola. Nervös? Nein. Na ja, vielleicht ein bisschen. Zu Hause setzen er und seine Kinder jetzt ein 1000-Teile-Puzzle zusammen. Das wirkt beruhigend.

Unmittelbar bevor sein erstes Kind auf die Welt ­gekommen ist, starb sein Schwiegervater. Auch sein Vater konnte die Geburt des Enkels nicht miterleben. Das Zusammentreffen der beiden Schicksalsschläge mit dem freudigen Ereignis der Geburt beschäftigte den Künstler lange. Mit dem Film «Out of Paradise» versuchte er seine Trauer zu verarbeiten. «Circle of Life», nennt er das. Auch im Film folgt auf das Ende eines Lebens der Anfang eines anderen Lebens. Chogsom erzählt von einer Kellnerin an den Solothurner Filmtagen. Die sei nach dem Film so ergriffen gewesen, dass sie ihm gratis eine Cola nachfüllte.

Chogsom muss sich in letzter Zeit mit neuen Fragen beschäftigen. Was zieht er in Shanghai an? Seinen zehn Jahre alten Hochzeitsanzug. Hat er eine Rede vorbereitet, falls er einen Preis gewinnen sollte? Nein, noch nicht.

Letzte Frage: Was wäre für ihn das Paradies? Wieder so eine komische Frage! Er möchte einfach zufrieden sein, privat und beruflich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2018, 20:54 Uhr

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