«Ich bin mega gay – und das mega gern»

Vom Erker des Gebäudes Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt zeigte Anna Rosenwasser auf, wie glücklich es macht, queer zu sein. Ein Auszug ihrer Rede.

«Es gibt viel mehr Queers, als wir denken», ist Rosenwasser überzeugt, wenn sie an der Pride Zürich ist. Foto: Urs Jaudas

«Es gibt viel mehr Queers, als wir denken», ist Rosenwasser überzeugt, wenn sie an der Pride Zürich ist. Foto: Urs Jaudas

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Stell dir vor, du stündest in einem Erker in der Innenstadt. Unter dir stehen Dutzende Menschen und gucken hoch. Wenn du ironisch bist, machst du dich über dieses Machtgefälle lustig. Wenn nicht, findest du es befremdend. Du siehst Freundinnen und Fremde, dazwischen einen Typen, den du nur von Facebook kennst, deine Knutscherei der letzten Gayparty und dein Mami.

Jetzt kannst du alles sagen, was du immer wolltest. Beispielsweise, dass niemand checkt, wie heiss Leonardo DiCaprio früher ausgesehen hat. So stehst du in einem Erker und rufst: «DiCaprio i de Nünzger isch so heiss gsi!» Oder dass du seit Jahren denkst, dass dunkle Langhaarkatzen wie Gewitterwolken aussehen, doch wenn du es deinen Mitmenschen erzählst, erhältst du bloss ein «Njä». Dann stehst du in einem Erker und schreist es stattdessen Fremden ins Gesicht. Denn: Das ist ein herziger Vergleich, den du wirklich mal loswerden wolltest.

Das Krasse ist: Ich kann widersprechen und hab ein bisschen mehr recht, weil ich hier oben bin und ihr da unten. Dieses Machtgefälle ist komisch, denn ich habe nicht immer «mehr recht». So glaube ich, dass im Ausgang weniger Queen dafür mehr Taylor Swift laufen sollte. Viele geben mir da nicht recht. Das ist gut so, denn ich bin nicht als Musikexpertin hier oben.

Mehr Queers als Bauern

Ich bin hier, weil ich mega gay bin. Und das mega gerne. Es ist gar mein Job, denn ich bin Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS). Ich bin hier, weil ich ultrafest auf Frauen stehe, gleichzeitig selbst eine Frau bin und die ganze Zeit darüber reden muss, will und kann. Und dann sagen alle immer so: «Frau Rosewasser, mer händs checkt, du findsch Fraue heiss, aber I don’t fucking care!» Cool, dass du offen bist und dir das egal ist, aber: Es ist nicht egal.

Ich bin hier, weil ich auf Frauen stehe, und das immer noch Grund ist, mich in einen Erker zu stellen. Weil jetzt viele denken: «Hetti nöd dänkt, sie gseet nöd wiene Lesbe us.» Und andere: «Ja moll, wäni sie so alueg, irgendwie schon na gay.» Dann sind aber auch die, die denken: «Fuck, ändlich seits mal öpper. Sie isch chli wie ich.» Diese Menschen sind queer. «Queer» ist eine Art Über-Wort für alle Identitäten, die nicht der Geschlechternorm entsprechen. Schwule Männer, lesbische Frauen, Transpersonen und Identitäten, von denen die meisten noch nie gehört haben.

Das Spannende an all diesen queeren Menschen ist, dass es viel mehr gibt, als wir denken. Jedes Mal, wenn ich an der Pride Zürich bin – also an der Demonstration für die Rechte von uns Queers –, denke ich: «Ir sind eh nöd all gay? Aber ir gseend ja voll nöd lesbisch us? Und vu dem hetti nie dänkt, dass er uf Manne staat?» Dies zeigt mir: In unserem Alltag ist alles hetero. Wir haben 364 Tage im Jahr Straight Pride. Jede Parfümwerbung ist hetero, jeder Smalltalk am Familientreffen, unsere Schulbücher und unsere Ehen sind hetero. Auch die Medien sind übertrieben hetero, und sind sies mal nicht, sind sie schwul. Ginge es nach den Zeitungen, wäre alles schwul: Die Ehe für alle, das Diskriminierungsgesetz, gar die Lesbenorganisation Schweiz wurde letztens von «20 Minuten» als Lesben- und Schwulenorganisation bezeichnet. Auf dieser Welt trägt alles eine Hetero-Maske, und nehmen wir diese einmal ab, kommt darunter eine Schwulen-Maske hervor. Grüsse vom Patriarchat.

Anna Rosenwasser ist Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz. Foto: Lea Reutimann

Doch: Uns gibt es, und wir sind viele. Studien sagen, dass zehn Prozent aller Menschen queer sind. Ich glaube gar: Es sind noch mehr, mindestens die Hälfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass du jetzt gerade neben einer Lesbe stehst, ist sehr hoch. Aber dies ist eine Sondersituation.

Wir Queers – und vor allem wir queeren Frauen – haben ein Problem: Wir sind unsichtbar. In der Schweiz gibt es mehr Queers als Bauern! Doch von denen wissen wir, dass es sie gibt. Sie kommen in Märchen, im Unterricht, in den Medien vor. Beim Znacht sagen deine Eltern vielleicht: «Jaja, de Häberli hät sin Hof im Griff.» Stell dir vor, deine Eltern würden so locker über Queers reden: «Jaja, geschter im Frohsinn hani de Lesbestammtisch gsee. Dasch scho rächt.» Aber queerfreundlich wird man nicht nur, wenn man zufällig queerfreundliche Eltern hat. Eine Primarlehrerin erzählte mir letztens folgende Geschichte: Ein Kind kam zu ihr und outete sich als trans. Bisher hatte es in der Rolle eines Jungen gelebt, aber nun wusste sie, dass sie ein Mädchen ist. Die Lehrerin erklärte das der Klasse: Eure Mitschülerin hat jetzt einen neuen Namen, sie ist ein Mädchen. Dann wartete sie etwas nervös ab. Wie würden die Kinder reagieren? Verstehen sie so was? Eine Kinderhand schnellte hoch: «Isch das jetzt enart en Geburtstag?» Die Lehrerin überlegte kurz: «Ja, enart.» Dann eine zweite Kinderhand: «Dörfemer dänn Happy Birthday singe?» Und es wurde gesungen.

Kinder kommen nicht queerfeindlich zur Welt, sie werden dazu gemacht. Ich will, dass sämtliche Generationen in Feierlaune sind, wenn eine Person sich als lesbisch, bi oder trans outet. Klar, dies sind verschiedene Identitäten, aber uns verbindet eine harte Tatsache: Die gesellschaftlichen Vorstellungen, was ein Mann und was eine Frau ist, sind veraltet. Eine Frau muss einen Bombenkörper haben, aber wehe, sie fühlt sich wohl darin. Sie soll sexy sein, aber wenn sie Sex liebt, ist sie eine Schlampe. Und: Im Ausgang darf sie mal mit Frauen knutschen, weil das heiss ist. Aber gevögelt wird hetero. Grüsse vom Patriarchat. Manchmal frage ich mich, ob ich hier stünde, wenn ich 50 wäre und weniger herzig.

Jugendliche Queers in der Schweiz haben eine fünfmal höhere Suizidalitätsrate. Weil sie sich allein fühlen; weil die Welt tut, als seien alle hetero.

Wir haben 2019, und ich kann meine Freundin nicht heiraten, in Zürich sind genderneutrale Toiletten verboten, und keine einzige Parlamentarierin fühlt sich sicher genug, sich zu outen. Wir haben 2019, und Queers wachsen mit dem Gefühl auf, dass sie allein sind mit ihrem Begehren, ihrer Identität, ihrer Liebe. Glaubt mir, ich hasse den folgenden Satz, aber er ist so schlimm, dass ich ihn direkt in Zürichs Herz rammen will: Jugendliche Queers in der Schweiz haben eine fünfmal höhere Suizidalitätsrate. Weil sie sich allein fühlen; weil die Welt tut, als seien alle hetero.

«Mir doch egal, mit wem du is Bett gaasch.» Dies ist nicht genug in einer Welt, in der wir nicht daran denken dürfen, jemanden des gleichen Geschlechts attraktiv zu finden, wo Worte wie «Kampflesbe» und «Schwuchtel» zu den häufigsten Schimpfwörtern gehören. Unter diesen Umständen ist es revolutionär, uns selbst zu sein. Es ist politisch, wenn wir uns und andere lieben; eine Revolution, wenn wir uns Komplimente machen, rumknutschen, uns feiern.

Frauen erleben «Extra-Shit»

Aber Büsis, ich bin hier nicht nur zum Spass. Das hier ist mein Job. Als Geschäftsführerin der LOS unterstütze ich alle lesbischen, bisexuellen und queeren Frauen: Wir veranstalten Treffs, wir sorgen für Medienpräsenz und hängen im Bundeshaus rum, wo wir uns darüber aufregen, wie wenig Frauen wir dort antreffen. Grüsse vom Patriarchat.

In Bern wird gerade wieder klar, weshalb es die LOS braucht. Endlich diskutiert das Parlament, ob wir nicht doch die Ehe für alle einführen wollen – aber ohne Zugang zu Samenspenden. Doch genau diese Samenspenden sind halt eben vor allem für Frauenpaare wichtig. Wenn Hetero-Paare auf biologischem Weg kein Baby zeugen können, dann haben sie Zugang zu Samenspenden. Legal und sicher. Dieses Recht ist fester Teil der Hetero-Ehe. Und uns Frauenpaaren soll genau dieser Teil verwehrt bleiben. Sorry, Schweiz, aber wenn ihr das so durchzieht, ist diese Ehe nicht für alle. Wenn ich in meinem Jahr als Berufslesbe etwas gelernt habe, dann das: Frauen, die auf Frauen stehen, erleben nicht einfach nur «Shit», weil sie Homos sind. Sie erleben «Extra-Shit», weil sie Frauen sind. Und gegen diesen braucht es eine Organisation, die sich eben extra für frauenliebende Frauen einsetzt.

Dann hört man mir so zu und denkt: «Phu, jetzt wird sie mega negativ. Es Wunder, isch sie na sone Ufgstellti und nöd sone dauerhässigi Kampflesbe.» Abgesehen davon, dass dauerhässige Kampflesben für meine Rechte kämpfen und ich auf ihren Schultern stehe: Klar, ich hätte schon Grund, dauerhässig zu sein. Aber ich bin viel zu gern queer, als dass ich hässig sein könnte.

«Who run the world?»

Manche Menschen denken, wir Homos würden insgeheim hetero werden, wenn wir könnten. Die Wahrheit ist: Wäre Homosexualität eine Entscheidung, wir würden noch homosexueller werden. Unsere Community ist so herzlich, vielfältig, wild und dramatisch. Auf Frauen stehen ist so etwas Schönes. Schöner, als an einem Winterabend aus einem Erker rauszureden. Schöner, als Leonardo DiCaprio in den Neunzigern.

Vor einigen Monaten schrieb mir eine siebzehnjährige bisexuelle Frau auf Whatsapp: «Hey, siti di käne, hani kei Angst meh, queer z sii.» Und darum geht es bei LOS: Queere Frauen sollen keine Angst mehr haben. Sie sollen lieben und begehren und vögeln, als wäre ein gebrochenes Herz das Schlimmstmögliche, das ihnen passieren kann. Wir alle haben ein Recht auf ein Happy End – aber wir haben auch alle ein Recht auf Drama, ohne dass irgendein fremder Züriberggangster uns währenddessen «Uuuh, geil, Lesbene!» hinterherruft. Und ja. Vögeln und Teenies und Whatsappnachrichten wirken jetzt vielleicht etwas banal. Aber ein struktureller Wechsel geht eben nicht nur via Vorstandssitzungen, Masterarbeiten und Parlamentsbeschlüsse. Wenn wir das grosse Ganze besser machen wollen, müssen wir beim Winzigen anfangen. Wenn dein Arbeitskollege «schwul» als Schimpfwort verwendet, korrigier ihn. Wenn du am Morgen des Wahlsonntags verkatert bist, geh trotzdem wählen. Wenn du selbst queer bist, machs zum Hobby: Sei stolz darauf, wer du bist, und lass es andere wissen. Ich bin bisexuell. Und sehr stolz. Ich bin aber auch stolz auf euch, die bei ungemütlicher Kälte im Niederdörfli rumgestanden haben, obwohl sie mich bloss von Facebook kennen oder eigentlich Kurt Aeschbacher sehen wollten oder hierherkommen mussten, weil sie mein Mami sind. Ich bin stolz, weil ihr Teil seid dieses grossen Ganzen, die Homos und die Heteros und alle dazwischen und ausserhalb. Menschen wie ich und ihr können laut sein, bis die Welt uns nicht mehr ignorieren kann. Bis eine Parlamentarierin sich outet. Und bis ich meine Freundin wirklich, wirklich heiraten kann.

Indem ihr mir jetzt so lange zugehört habt, seid ihr jetzt quasi zu Gast in der queeren Community. Herzlich willkommen, ihr dürft auch gerne bleiben. Zum Schluss spielen wir ein Spiel, das ich gerne vor Gay-Partys spiele. Das Spiel geht so: Ich frage «Who run the world?», also grob übersetzt «Wem gehört die Welt?», und ihr ruft zurück «Queers.» Das machen und dann jubeln wir und gehen rein was trinken. «Who run the world?»

Erstellt: 21.01.2019, 19:31 Uhr

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