Von wegen laute und gefährliche Langstrasse

An keiner anderen Ecke der Stadt ist Zürich jünger. Dort, wo Lang- und Lagerstrasse sich kreuzen, steht aber auch das älteste Pflegeheim der Stadt.

Markus Rickenbach zog an die Langstrasse, weil er sich hier auskennt. Fotos: Sabina Bobst

Markus Rickenbach zog an die Langstrasse, weil er sich hier auskennt. Fotos: Sabina Bobst

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Vor der Olé-Olé-Bar rauchen und grölen junge Männer. Zwei Fenster des 25 Hours Hotels sind beleuchtet. Ein Auto biegt in die Lagerstrasse ein, der Motor heult auf. Junge Frauen stolpern aus dem Club Gonzo. Die Leuchtanzeige vor dem neuen Kulturhaus Kosmos blitzt ständig auf. Ein Mann mit fahlem Teint hastet Richtung Langstrassen-Unterführung. Ein Streifenwagen mit Blaulicht passiert die Kreuzung.

Vier Uhr nachts, und das Leben an der Ecke Lang-/Lagerstrasse pulsiert. Just da liegt auch, unscheinbar, das älteste Pflegezentrum der Stadt Zürich: der Erlenhof. 89 Menschen haben im rostroten Bau ihr Zuhause. Einer von ihnen ist Markus Rickenbach. Auf der schmalen Terrasse im 5. Stock erzählt er, wie es sich an diesem Ort wohnt.

«Seit zwei Jahren bin ich hier. Das ist noch nicht lange. Ich bin auch erst 72 Jahre alt. Aber die Beine machen nicht mehr mit. Ich komme nicht mehr in die Schuhe rein. Bis vor einigen Monaten konnte ich noch am Rollator gehen, jetzt sitze ich im Rollstuhl.

In den zwei Jahren hat sich vieles verändert. Zum Guten. Als gegenüber noch das Abstellgleis der SBB war, gab es zwar auch etwas zu beobachten. Aber heute läuft viel mehr. Ich schaue gerne zu den beiden neuen Häusern hinüber. Das 25 Hours Hotel sieht toll aus. Es heisst immer, es sei so dunkel. Aber so kommt die farbige Beschriftung doch gut zur Geltung. Die Belegschaft hat uns einmal zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Das war wirklich nett.»

Der Mann mit der braunen Kurzhaarfrisur lacht, er gestikuliert etwas ungelenk mit den Händen. Er hat etwas Jugendhaftes an sich.

«Mir stand offen, ob ich in ein Heim jenseits der Limmat oder hierhin gehen wollte. In diesem Quartier kenne ich mich aus, weil ich jahrelang in der französischen Bäckerei an der Piazza Cella gearbeitet habe.

Von Beruf bin ich Konditor und Confisseur. Mit 16 kam ich für die Lehre von Arth nach Zürich. Später fuhr ich als Koch zur See. Ich war in Südamerika, Schweden, Afrika, Norwegen und in Kuwait. Da haben wir Öl geholt. Am besten gefallen hat mir aber Australien. Die Leute sind so unkompliziert.

Dann arbeitete ich in einem Hotel in Arosa, wo ich meine Frau kennen gelernt habe. Wir zogen nach Altstetten, wurden Eltern von einem Sohn und einer Tochter. Inzwischen ist meine Frau leider verstorben. Zuletzt wohnte ich im Niederdorf. Zuoberst, ohne Lift.»

Jetzt fällt auf, dass Rickenbachs Hände in schwarzen Velohandschuhen stecken.

«Das Langstrassenquartier ist gar nicht so schlecht, wie alle meinen. Früher war es viel lebendiger, es kam mir gemütlicher vor. Man konnte mit Fremden ein Bier trinken und einfach ein bisschen schnore. Die Leute waren sich ähnlich. Heute kennt man sich kaum noch. Ich vermisse den Tessinerkeller. Das war noch eine richtige Beiz. An der Tellstrasse gab es die Schnodder-Bar. Eigentlich hiess das Lokal Flora. Nett war vor allem Serviertochter Amanda.»

Rickenbach hebt sein linkes Bein an und klaubt ein Päckchen Parisienne rot hervor.

«Es stört Sie nicht, wenn ich eine nehme? Kürzlich war ich beim Augenarzt. Er hat mich angehalten, weniger zu rauchen. Ja, was die Ärzte immer so schnored. Alle paar Tage kaufe ich mir Zigaretten. Ich fahre zum Migrolino und schwatze dabei mit allen auf der Strasse. Manchmal geht es auch bis zur Piazza Cella, wo ich mich mit einem Kollegen treffe. Wir sitzen einige Stunden da, trinken Bier, schauen dem Treiben zu. Dann fahre ich wieder zurück.

Einmal bin ich umgekippt, als ich unten an der Ecke aufs Trottoir hinauffahren wollte. Sofort waren Leute da. Meist sind es Ausländer, die mir helfen. Viele sagen, sie hätten Angst vor ihnen. Ich nicht. Einmal wollte mich einer schieben und mir das Portemonnaie klauen. Ich habs aber gemerkt und ihm eins auf die Finger gehauen. Dann ging er, der Schweizer.

Im Heim ist ja nicht so viel los. Ich sitze oft im Raucherraum oder trinke mein Bier. Dienstags kommt ein Pianist, der immer die gleichen Lieder spielt. Mir wären alte Schlager lieber, dann könnten wir schunkeln und lustig sein.

Dass es nachts laut ist, bekomme ich kaum mit. Ich bin ja um sieben Uhr im Zimmer. Ich teile es mit zwei anderen. Der Platz ist eng, aber wir haben alle einen Fernseher am Bett. Und die Autos sind heute auch nicht mehr laut, höchstens die Motorräder. Das Quartier wächst, verändert sich. Das ist ja in jeder Stadt so.»

Extremes Zürich: Das Bellevue-Team ist in der Stadt ans Limit gegangen und hat extreme Orte gesucht und besucht. Hier finden Sie alle bisher erschienenen Beiträge.

Erstellt: 18.10.2017, 13:28 Uhr

Serie

Züri Extrem

Zürich ist eine Stadt der Superlative: Die Stadt ist extrem teuer, extrem sicher, extrem sauber, extrem international. So weit, so extrem. Das Bellevue geht diese Woche bis an die äusserste (oder oberste oder unterste) Grenze von allerhand Sachen. Etwa an die der massiven Motorisierung oder die der städtischen Italianità.

Nächste Folgen:


  • Auf der längsten Strasse der Stadt (Donnerstag, 19. Oktober)

  • Im übermotorisierten Quartier (Freitag, 20. Oktober)

  • Im Zentrum der zürcherischen Italianità (Samstag, 21. Oktober)

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