VW, wie Verienwohnung

Ein VW-Bus ist kein langsames Auto, sondern ein schnelles Haus. Und mit dem fährt es sich vorzüglich in die Sommerferien – die Bulli-Parade der TA-Autoren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Berta VW T3 Joker, Baujahr 1988 mit Westfalia Campingausbau

Die schönsten Momente
Berta ist seit 2011 Mitglied unserer Familie. Heute ist der mostbröcklirote Lack an ihrem Heck zwischen all den Aufklebern unserer bisherigen Destinationen kaum mehr auszumachen. Mit ihr fühlt sich jede Fahrt wie eine Ferienreise an. Wo sie steht, ist zu Hause: Auf einer Klippe über einem Sandstrand mit freier Sicht aufs Meer und den aufsteigenden Vollmond oder unter Olivenbäumen, wo Leuchtkäfer mit unserer Lichterkette flirten.

Zwar hat unser 4,5 auf 2 Meter grosses Ferienhäuschen ausser einem Lavabo keine sanitären Einrichtungen, dafür aber wahlweise direkten Fluss-, See- oder Meeranstoss. Heimfahrt nach einem weinseligen Fest? Nicht nötig. Wir haben das Bett ja dabei, und Berta passt stets bestens auf uns auf. Nirgends schlafen die Kinder so gut wie im Bertchen. Nach unseren Ausflügen tätschle ich sie deshalb immer liebevoll an der Seite. «Ei, Berteli», sage ich dann, «was wir schon alles miteinander erleben durften.»

Grenzerfahrungen auf Rädern
Natürlich ist nicht immer alles eitel Sonnenschein in einem VWBüssli. So eine Gewitternacht im Dachzelt zum Beispiel ist etwas, wovon man noch seinen Enkeln erzählen kann. Damals an der Nordsee drohten die Böen das Dach mitzureissen. Aber für eine Nacht zu viert im 1,20-Meter-Bett der unteren Etage war der Leidensdruck oben dann doch nicht gross genug. Tüchtig geruckelt hat es auch, als sich des Nachts ein paar Kühe leidenschaftlich an der Veloaufhängung scheuerten. Am Morgen dann immer dieselben bangen Fragen: Ist noch alles dran? Hat es irgendwo reingeregnet? Unvergessen sind auch jene Ferien, in denen der einzig wirklich warme Tag für das Wäschewaschen herhalten musste – weil im Bus sonst nichts trocken geworden wäre. Heute kann ich darüber lachen. Damals nicht.

Die klügsten Verbesserungen
Vor einem Jahr kam die Schock-Diagnose: Bertas Herz ist geschwächt. «Entweder wir transplantieren, oder wir müssen sie einschläfern», sagte der Büsslidoktor. Ans Aufgeben war natürlich nicht zu denken. Die Operation war schweineteuer, aber nun ist Berteli zügiger unterwegs denn je und schafft jeden Pass, ohne aus der Puste zu kommen. Und noch etwas hat das Leben mit unserem VW-Büssli enorm verschönert: die Matratzenauflage aus Memory-Schaumstoff. Kein Hotelbett kommt an diesen Komfort ran. Glamping pur. (Tina Fassbind)

Immer das Ziel vor Augen: Auf Ferienreise mit Berta. (Fotos: Tina Fassbind)


Petunia VW T3 Dehler Profi, Baujahr 1988

Die schönsten Momente
Glauben Sie nicht dem Hashtag #Vanlife: So ein Youngtimer steht selten einsam am Strand. Meist steht er in der Werkstatt oder im Stau. Was zählt, ist die Reise, das Schwungholen am Gotthard und das langsame Langsamerwerden. Das ziellose Drücken der heiseren Hupe und das Mitsingen des vom Motor überdröhnten Lieblingslieds. Das Einmummeln im Schlafsack bei Kälte und das Trommeln der Regentropfen beim Einschlafen. «Home is, where you park it», sagt der Büsslifahrer – der Traumstrand kann überall sein.

Grenzerfahrungen auf Rädern
Der Weg sei ausgewaschen und nur mit 4x4 befahrbar, warnte man uns. Wir vertrauten dem Navi, das uns von der Strasse weg auf den 12 Kilometer langen Pfad zum paradiesischen Strand von Saleccia lotste. Zuversichtlich überholten wir ein paar Wanderer. Eine Viertelstunde später überholten sie uns und ein stecken gebliebener SUV ein erstes Mal. Kurz darauf trafen wir die Wanderer oberhalb eines Abhangs – dem Hundschopf nicht unähnlich. Nun begann auch die leicht verängstigte Partnerin mit dem Kleinkind zu wandern. Papa am Steuer und Baby im Maxicosi steuerten durch metertiefe Spurrinnen, über Felsbrocken und mit Schieflage an Dornenbüschen vorbei. Den Campingplatz erreichten wir nach Stunden unversehrt und gleichzeitig mit den Wanderern – aber erschöpfter. Zeit zum Erholen blieb genügend: Der Rückweg war wegen Waldbrandgefahr über Tage gesperrt.

Die klügsten Verbesserungen
In den 80ern war die Zukunft noch verheissungsvoll. Die Zukunft, das war: Fernsehen, Fiberglas und Plastik. Auf den Strassen rollten extravagante Fahrzeuge wie der DeLorean und ein futuristischer Camper inklusive Schwarzweissfernseher, windschnittiger Glasfaserverkleidung und Duschkabine aus Kunststoff. Heute ist das maximal «Back to the Future». Seit dem Ende des analogen Fernsehsignals zeigte der Bildschirm nicht mal mehr ein Testbild. 30 Jahre Nichtgebrauch liess die Plastikwanne der Dusche spröde werden. Beides flog zugunsten von mehr Stauraum raus. Die klügste Verbesserung aber war der Ersatz des nachträglich eingebauten CD-Players mit einem originalen Kassettengerät: Nun cruisen wir mit den Mixtapes unserer Jugend durch Europa und hören Hendrix und Run-D.M.C. oder Kasperlitheater. (Jost Fetzer)

Ach, waren das Zeiten: Die Frau macht Essen, der Mann Ferien. (Fotos: Jost Fetzer/PD)


Cali VW T6 California Beach Liberty, Baujahr 2016

Die schönsten Momente
Ein schönes Fleckchen suchen, noch einen Schluck warmen Rotwein trinken, die Sterne betrachten und dann im Dachzelt einschlafen, um uns herum die Geräusche der Nacht: Genau so stellten wir es uns vor, unser romantisches Camperleben mit dem VW-California. #Vanlife, jung und wild und frei sind wir!

Man könnte es als letztes Aufbäumen gegen das Ver-Eltern sehen, dass sich mein Mann und sein bester Freund kurz vor der Geburt unserer Kinder noch einen VW-Bus anschafften – ohne Campingerfahrung notabene, direkt aus dieser Sehnsucht heraus. Und schön ist es tatsächlich. Vor Venedig, wo Kreuzfahrtschiffe gross wie Häuser direkt vor uns durchfahren. Auf dem Hügel über dem pittoresken Verona. Am windigen Sandstrand in Südfrankreich. Am Waldrand in Bangerten.

Grenzerfahrungen auf Rädern
Aber mit der Geburt der Kinder sind wir bald auch auf dem harten Boden der Campingplatzrealität gelandet: Mit Baby braucht man nun mal frisches Wasser, ein WC und eine Dusche wären auch nicht schlecht, die Fahrstrecken stimmen wir auf den Mittagsschlaf ab – und so hatte er uns dann doch, der Campinggroove, mit Zäunchen und Schweizerfäänli und viel zu nahen Nachbarn. Der Tiefpunkt: 1. August, eine Tropennacht am Bielersee. Böller und Raketen stundenlang, der Schall nur gedämpft vom Zeltstoff des Dachs, ich dauerstillend mit schreiendem Baby.

Die klügsten Verbesserungen
Und dazu diese Materialschlacht. Überall ist Zeug, das keinen festen Platz hat, immer diese Sucherei. Überall Sand. Der Streit beim Aufbau des Vorzelts. Allmählich verstehe ich das ständige Reinemachen der Wohnwagenbesitzer: Anders als mit penetrantem Ordnungswahn ist dem Camping-Chaos nicht Herr zu werden. Die schlauste Anschaffung: transparente Plastikkisten.

Vielleicht ist das die beste Lektion, die uns der Cali beschert hat: reduzieren. Alles. Die Dinge, die Bedürfnisse, die Sauberkeits-, Ästhetik- und Komfortansprüche. Man gewinnt: das Hochgefühl einer gelungenen Mahlzeit mit einfachsten Mitteln. Das Leben draussen, die Kinder im Klee, schwarze Füsse, Dreck in der Windel. Es wird jetzt nur noch besser, je älter die Kinder werden. Die Strecken werden wieder länger. Die Freiheiten grösser. Die Sehnsucht lässt uns weiterfahren. (Sarah Pfäffli)

Es wird immer besser: Schöne Aussichten aus dem Cali. (Fotos: Sarah Pfäffli)

Erstellt: 07.07.2018, 14:39 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Überraschen Sie mit kaltem Kaffee

Die heissen Tage sind zurück. Und mit ihnen die Lust auf erfrischende Getränke. Ein kalter Kaffee wird auch die anspruchsvollsten Geniesser begeistern und in regelrechte Baristas verwandeln.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...