Warten auf das Licht

Der Zürcher Sandor Rozsas musste sich gedulden, bis er seine Leidenschaft leben konnte. Lange beriet er Fotografen im Fachgeschäft, heute ist er selber einer.

Jedes Bild komponiert Sandor Rozsas zu einem Kunstwerk in Schwarzweiss. Wann in Zürich wo das Licht am besten ist, weiss er ganz genau. Foto: Sandor Rozsas

Jedes Bild komponiert Sandor Rozsas zu einem Kunstwerk in Schwarzweiss. Wann in Zürich wo das Licht am besten ist, weiss er ganz genau. Foto: Sandor Rozsas

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Auf seinen Bildern in Schwarzweiss stehen die Figuren meist einzeln in der Sonne, und doch bleiben sie für den Betrachter dunkel. Umso mehr wirken ihre Silhouetten und Bewegungen.

Zum Fotoblog ZoomZürich aus Rozsas' Perspektive

Es ist das Zusammenspiel von Licht und Schatten, das den Zürcher Fotografen Sandor Rozsas seit je fasziniert. Zum Verständnis zückt der 66-jährige Mann mit dem kantigen Gesicht und der schwarzen Brille beim Treffen einen dünnen Bildband des amerikanischen Malers Edward Hopper. Dessen realistische Farbbilder, auf denen der Künstler Menschen sehnsüchtig ins Licht schauen lässt, haben es ihm angetan. Hopper wollte auf den Bildern die Einsamkeit des modernen Menschen festhalten. Für Rozsas steht ein anderes Gefühl im Vordergrund. «Es ist der Traum von Freiheit.»

Wissen vom Studiobeleuchter

Jahrelang hat Rozsas selber von dieser Freiheit geträumt. Von der Freiheit, das tun zu können, was er wirklich will. Dass er etwas ins richtige Licht setzen wollte, wusste er schon als Schulkind in Budapest. Er fotografierte gern, noch lieber wollte er filmen. In den Ausbildungslehrgang schaffte er es jedoch nicht. So wurde er Studiobeleuchter beim ungarischen Fernsehen und nach dem Militär Fotograf bei der staatseigenen Presseagentur. Gleichzeitig machte er das Fotodiplom. «Es war kein schlechter Job, aber ich hatte null Freiheiten.» 1981 entschloss er sich, gemeinsam mit seiner Frau aus dem damals kommunistischen Land in die Schweiz zu emigrieren.

Vor dem Grossmünster lichtete Rozsas die junge Mutter (Bild oben) ab. Foto: Screenshot Streetview

Wegen seiner Deutschkenntnisse und seines Wissens über Fotografie hatte Rozsas bereits drei Wochen nach der Ankunft eine Anstellung in der einstigen Fotozubehörabteilung des Jelmoli in Oerlikon. Die Niederlassungsbewil­ligung aber liess auf sich warten. Die Arbeit nahm ihm zwar die Sorge um den Unterhalt seiner Familie, doch gleichzeitig alle Möglichkeiten, seiner Leidenschaft nachzugehen, so wie er sich das erträumt hatte. Manchmal konnte er zwar kleine Aufträge für Keystone erledigen. «Aber wie willst du richtig fotografieren, wenn du den ganzen Tag im Laden stehst?»

Rozsas tat es trotzdem, arrangierte Szenen in Farbe, stellte das Objektiv aber kurz vor dem Abdrücken unscharf, defokussierte. Im Nachhinein zeigten diese Bilder genau meine Lage von damals. «Ich war zwar im farbigen Leben angekommen, aber noch nicht am Ziel, so, wie meine Bilder auch nicht fertig waren», sagt er. Und, wie fast nach jedem Satz fügt er hinzu: «Verstehen Sie?»

Emotionen auslösen

Dass Rozsas Verkaufstalent hatte, sprach sich bald in der Stadt herum. Nach der Jahrtausendwende arbeitete er beim Elektrogeschäft Eschenmoser. Welche Fotografen man auch fragt, sie wollten alle vom schlaksigen Ungarn bedient werden. «Naja, ich hab diese Broschüren eben gründlich gelesen», sagt er.

«Ich hab diese Broschüren eben gründlich gelesen.»Rozsas über sein begehrtes Fachwissen

Seit eineinhalb Jahren ist Rozsas nun pensioniert und endlich frei. Täglich streift er mit seiner Kamera durch Zürich, wartet auf schönes Licht und komponiert seine Bilder so, dass sie Emotionen auslösen. «Gelingt mir das, bin ich zufrieden.»

Die Resonanz auf Facebook gibt ihm recht. Doch nicht selten wird er gefragt, wo er seine Aufnahme gemacht habe. Auf dem Fotoblog Zoom des «Tages-Anzeigers» – Rozsas publiziert dort jeden Tag ein neues Foto – werden die Bilder deshalb mit der Streetview-Ansicht verlinkt. Nachahmern rät er in sarkastischem Unterton lediglich, das Warten auf das richtige Licht brauche Geduld.

Erstellt: 14.09.2015, 15:17 Uhr

«Wie willst du richtig fotografieren, wenn du den ganzen Tag im Laden stehst?» Sandor Rozsas über seine erste Zeit in der Schweiz.

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