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Was hinter Zürichs neuem Türmchen steckt

Am Mythenquai überrascht eine Glaskonstruktion die Zugpassagiere. Weshalb? Eine Spurensuche.

Sarah Fluck
Der Glasbau soll helfen, einen neuen Blick auf die Welt zu erhalten.
Der Glasbau soll helfen, einen neuen Blick auf die Welt zu erhalten.
Reto Oeschger

Wer in der S-Bahn von Wollishofen Richtung Enge einen Fensterplatz ergattert hat, wird ihn mit einem Blick erhaschen: einen gläsernen, sechseckigen Turm. Er streckt sich auf der Höhe der Tennisanlage Mythenquai gen Himmel.

Auf dem Flachdach einer SBB-Remise, die sich bisher äusserlich bloss mit Sprayereien bemerkbar machte, präsentiert sich das Kunstwerk – wie ein Leuchtturm. Wer darunter steht, kann das feine Säuseln vernehmen, das die Winterluft in den Fensterritzen erzeugt. Sprossenfenster in unterschiedlichen Grössen sind zusammengefügt, ihre Glasscheiben leicht unregelmässig. Die Holzrahmen sind weiss bemalt, vereinzelt sind an ihnen fein verzierte Griffe zu erkennen. Im Kondensat der beschlagenen Scheiben hat jemand einen Schmetterling und ein Herz gezeichnet. Die Morgensonne lässt Schatten der Fensterkacheln im sechseckigen Turm wandern.

Wer wohl hinter dem Projekt steckt? Antworten bleiben vorerst aus: Die Bauarbeiter bei den Tennisplätzen zucken genauso mit den Schultern, wie der Angestellte der Grün Stadt Zürich. Der Turm stünde noch nicht lange auf dem Dach, da seien sie sich sicher. Die beiden Zeugen Jehovas, die vorbeispazieren, interessieren sich mehr für die Fenster zu den Herzen von neuen Schäfchen. Ein älterer Herr, der sich selbst an der Tennismauer die Bälle zuspielt, will derweil wissen, dass es sich hierbei bloss um eine provisorische Installation handeln kann – das sei schliesslich kein Bauland. Ein Haus weiter gibt ein Plakat den entscheidenden Hinweis: «Mythenquai: Forgotten Station» – Herbstsemester 2018, Departement Architektur der ETH Zürich.

Ort der Ankunft und Abreise

Die Ausschreibung der Lehrveranstaltung gibt Einblick in die Aufgabenstellung, die zu diesem Turm geführt hat. Am Ende soll der Entwurf einer kleinen Bahnstation stehen, an dem der Zug nicht hält: «Ein flüchtiger Eindruck für Vorübergehende – der Beginn der Reise des Helden». Hinter diesem Auftrag an die Studierenden steht der russische Architekt und Künstler Alexander Brodsky und Ekaterina Nozhova, Bauberaterin bei der Denkmalpflege der SBB. Beide weilen derzeit als Gastdozenten an der Hochschule.

Die Idee dahinter beruht auf der Beobachtung, dass es Bauten gäbe, die ohne Zeit und zugewiesene Funktion seien – eine Art Antithese zu den funktionierenden Bahnhöfen. «Aber wir können sie, gerade weil sie keinen unmittelbaren Zweck haben, wie Linsen benutzen, um einen neuen Blick auf die Welt zu erhalten», schreibt Philip Ursprung, Vorsteher des Departements Architektur der ETH, im Onlinemagazin «Republik» über das Projekt.

Die Fenster sind gut 100 Jahre alt und wurden der ETH von einem Besitzer einer Zürichbergvilla überlassen, der stattdessen Lärmschutzfenster installierte. Das Kunstwerk werde noch kurze Zeit stehen bleiben und dann wieder abgebaut, gibt Ursprung an.

Die Funktion des Turms sei nicht vordefiniert: Er sei begehbar für jene, die durch dessen Scheiben einen neuen Blick auf die Umgebung werfen wollen – während er den Zugreisenden einen kurzen Blick auf ein mysteriöses Objekt ermögliche.

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