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Wasser oder Wodka?

Wer genau verweilt eigentlich auf der Terrasse des Café Lang am Limmatplatz? Ein trinkseliger Querschnitt durch die Stadtbevölkerung.

Ev Manz
Vor dem Café Lang lässt man sich gern sehen.
Vor dem Café Lang lässt man sich gern sehen.
Sabina Bobst
im Inneren reizen vor allem die Details – Toilette inklusive.
im Inneren reizen vor allem die Details – Toilette inklusive.
Sabina Bobst
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Der Politikstudent: Der Endzwanziger mit Dreitagebart sieht aus wie ein Jedermann. Unauffälliges Shirt, unauffällige Hosen, unauffällige Turnschuhe. Zielstrebig schreitet er über den Vorplatz des Detaillisten am Limmatplatz. Er hat die einzige freie Sitzbank im Aussenbereich des Cafés erspäht. Der Mann sieht aus wie ein Student der Politologie, der das studiert, weil er in der Freizeit gern politisiert. Selbstverständlich bei der SP! Er setzt sich, streckt die Beine, breitet die Arme über die Lehne.

Das Café: Der Strassenlärm ist da unüberhörbar, die Trams kreuzen, Passanten bewegen sich gehetzt und bepackt über den Platz, die Aussicht ist alles andere als idyllisch. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist das Café am Platz ein Treffpunkt für das Zürcher Stadtvolk. Für Schriftsteller und solche, die es werden wollen, junge Mütter und lädierte Rentner, schwule Trämler und schöne Frömmler, emsige Geschäftspartner und trinkende Stadträte. Oder wie es das Haus selbst bewirbt: ein Ort für das Bürgertum und die Boheme, für Träumer und Analytiker, Literaten und Handwerker. Ein Ort, wo man sich in die Zeitung vertieft, im Gespräch verausgabt oder den Lauf der Sonne verfolgt.

Die Schreibende: Sie beobachtet an diesem Mittwochnachmittag die Gäste von einem Platz mit Übersicht aus. Sie denkt über deren Beweggründe für den Kaffeehausbesuch nach und über deren Lebensentwurf. Sie hat ihre Haare hochgebunden, wie viele derzeit in der Stadt. Sie bestellt eine Limonade und setzt die Sonnenbrille auf.

Der Politikstudent: Er setzt die Sonnenbrille auf. Bestellen will er später. Er scheint auf Gesellschaft zu warten. Das Smartphone bietet derweil Ersatz.

Zwei Sozialarbeiterinnen: Die beiden Frauen am Tisch nebenan reden vom Gärtnern, von gemeinsamen Ferien. Ihre Langarmshirts stecken in 08/15- Jeans, die grauen Haarsträhnen fallen ihnen ins Gesicht. Ihre Art zu sitzen strahlt keine Eleganz aus. Wohl alte Freundinnen, die sich in der Ausbildung im Sozialbereich kennen gelernt und sich spontan für einen Schwatz im Café verabredet haben. Eine raucht genüsslich eine Parisienne. Kinder haben sie wohl keine. Sie schlürfen Limonade und Eistee, dürften aber sonst roten Wein bevorzugen. Irgendwann schwenken sie eine Note. Der Kellner eilt davon, um den Kassabon zu holen. Die eine ruft ihm nach, sie wüssten es dann sonst auch, was sie konsumiert hätten.

Der Ingenieur: An einem Tisch zum Platz hin sitzt ein junger Mann, klassisch elegant gekleidet, die Beine überschlagen. Sein Mantel liegt über der ledernen Aktentasche neben seinen Füssen. Er starrt unentwegt in seinen Laptop. Die Espressotasse ist leer. Er mag Ingenieur sein, jedenfalls einer, der selbst in der Kaffeepause nur an die Arbeit denkt.

Modedesignerin und Barmaid: Die jungen Frauen in Hörweite haben angesagte Frisuren, unauffällig modische Kleider, das Bein lässig auf einen Stuhl gestellt, ihre Schultern berühren sich. Die eine könnte im Modebereich arbeiten, die andere an einer Bar. Sie fragt nach Kaffee mit Sojamilch – und bestellt dann Ingwertee. Die beiden Singlefrauen haben sich wohl an einem Fest eines gemeinsamen Freundes kennen gelernt. Nun tuscheln sie, zeigen sich Handybilder, kichern. Sieht ganz danach aus, als wäre eine frisch verliebt.

Der Politikstudent: Er bekommt Gesellschaft. Sie küsst ihn auf den Mund und setzt sich neben ihn auf die Bank. Gleiches Alter, Lockenkopf. Typ Studentin mit Pfadivergangenheit. Sie schmiegt sich an ihn. Der Kellner bringt zwei Gläser, deren Inhalt nach Wasser aussieht.

Der Buchhalter: Der Mann am Tisch vorne links gehört zur Sorte jener, die aufs Geld schauen. Kleidung und Haltung erinnern an die eines Buchhalters. Seine Küche dürfte er nie benutzen. Deshalb trinkt er den Kaffee auswärts und liest dazu die Zeitung am hölzernen Halter. Die gibts da umsonst.

Die Autohändler: Zwei glatzköpfige Männer stecken an einem Tisch beim Eingang die Köpfe zusammen. Die kabellosen Ohrstöpsel mögen sie dafür nicht abnehmen. Sie stürzen den Kaffee hinunter. So stellt man sich jene vor, die krumme Geschäfte mit Autos machen.

Der Politikstudent: Er und seine Begleitung lassen sich erneut zwei Gläser servieren. Sie albern herum.

Die junge Mutter: Neben einem Tisch steht ein Kinderwagen. Die adrette Mutter hält den jammernden Säugling im Arm. Sie geniesst einen Moment Erholung vom Spaziergang, scheint die ersten Tage allein mit dem Kind unterwegs. Dann setzt sich ein Rentner an Krücken neben sie, lächelt. Sie beginnt zu stillen.

Chef und Angestellter: Verkrampft sitzen die zwei jungen Männer in der vorderen Reihe da. Sie kommunzieren kaum. Auf dem Tisch stehen zwei Mineralwasser, daneben liegt ein Zettel. Ein erstes scheues Date? Die Zettel auf dem Tisch deuten eher auf ein Mitarbeiter­gespräch hin.

Die Schreibende: Sie bezahlt, packt und sucht die Toilette auf, deren Besuch sich nur schon wegen der Ausstattung lohnt. Sie passiert den Tisch des Politikstudenten. Da beschleicht sie Zweifel an der Flüssigkeit in seinem Glas.

Der Politikstudent: Der Kellner tritt an den Tisch, fragt, ob er einen Cappuccino wolle. Er lacht. «Nein, noch einen Wodka.» Wie er unter der Woche bloss so im Café rumhängen können, will der Kellner wissen. «Mittwochnachmittag. Da hast du als Lehrer frei!»

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