«Wir alten Säcke erschrecken jeden ­Morgen im Spiegel»

Autor Martin Suter bringt seine beste Kolumne zurück. Zürcherinnen und Zürcher können von Geri Weibel viel (über sich) lernen.

16 Jahre Karibik sind genug, findet Martin Suter – auch für einen wie Geri Weibel. Foto: Urs Jaudas

16 Jahre Karibik sind genug, findet Martin Suter – auch für einen wie Geri Weibel. Foto: Urs Jaudas

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Nach 16 Jahren in der Karibik kehrt Ihr Kolumnen-Held Geri Weibel zurück. Ein Mann, dessen Lebensziel gleichzeitig Titel der Kolumne war: «Richtig leben mit Geri Weibel». Wie hat sich Geri verändert?
Geri Weibel ist wie alle Menschen nicht sehr veränderungsfähig. Schon als er mit Aira in der Karibik gelandet ist, begann er sofort daran zu denken, welches T-Shirt er weshalb anziehen soll. Das, wovor er damals weggerannt ist, das hatte ihn dort sofort wieder eingeholt.

Und es gelang ihm wohl kaum, es abzuschütteln.
Was er nicht mehr hat, ist seine Aira. Aber die hat ihn abgeschüttelt. Geri ist halt eine Serienfigur – und eine der Eigenschaften einer Serie ist, dass es keine Entwicklung geben darf. Die Figuren müssen so bleiben, wie sie sind. Das ist ja der Spass: Wenn man als Konsument merkt, wie einer reagieren muss, diese Bestätigung: «Typisch Geri». ­Deshalb hat er jetzt auch dieses etwas komplizierte Comeback.

Geri ist schon sehr Zürich. Hat sich denn in seiner Abwesenheit wenigstens der Zürcher entwickelt?
Ich weiss nicht. Als ich Geri geschrieben habe, habe ich gar nicht in Zürich gelebt. Und die Szene, in der sich Geri bewegte, kannte ich auch nicht, die habe ich erfunden.

Darf man Geri überhaupt auf Zürich beziehen?
Ja, das darf man schon. Ich fand es ­natürlich toll, wenn die Leute zu mir ­kamen und sagten: «Das ist doch die und die Beiz, die du beschreibst.»

Erkannten Sie die Beiz dann auch?
Ich musste oft sagen: «Die Beiz kenne ich nicht.» Ich weiss nicht, ob sich die Menschen nicht auf einer viel allgemeineren Ebene ähnlich sind. Vieles ist gar nicht so «typisch Zürich».

Eher typisch Städter?
Ja, mehr typisch Städter. Das schon. Und es gibt ja tatsächlich Leute, die so kompliziert denken wie Geri Weibel, immer um sieben Ecken, die nichts falsch ­machen wollen. Das verkompliziert auch meine Arbeit beim Schreiben. Klar ist: Geri darf nach dieser langen Zeit in der Karibik nicht plötzlich geläutert zurückkehren. Er darf auch nicht 16 Jahre älter sein. Der muss wie Tintin immer etwa gleich alt bleiben.

Ist Geri vielleicht zeitlos? Wenn man die Kolumnen von damals wieder liest, dann funktioniert das ja immer noch.
Ist das so? Dann freut mich das sehr.

Sie haben die Gentrifizierung vorweggenommen. Die gab es in den 90ern nicht unter dem Stichwort.
Nein, sicher nicht. Die Frage war da noch: Darf man ein Handy haben? Ist das nicht ein bisschen geblufft? Die ­ganze Cyberwelt hat erst langsam ­begonnen. Damals habe ich die Kolumnen von Hand geschrieben, in Guatemala, und sie danach mit dem einzigen ­Faxgerät im Dorf nach Zürich gefaxt.

In der ersten Folge der Kolumne gibt es diesen prophetischen Satz: Es ging um einen gewissen Ralph, der lässig an der Bar stand. «Wie einer, der von einer langen Reise in sein Dorf zurückkommt und alles noch genau gleich antrifft wie damals.»
Das ist wahr, ja.

«Wir alten Säcke erschrecken jeden Morgen im Spiegel, weil wir uns nicht so fühlen, wie wir aussehen.»Martin Suter, Autor

Wie war es für Sie, nach Zürich zurückzukehren?
Es war eben nicht so eine eindeutige Rückkehr, da ich in Zürich nicht so ­lange lebte. Ich zügelte mit 14 nach Freiburg, danach lebte ich in Basel und pendelte zum Arbeiten nach Zürich. Also habe ich diesen Vergleich nicht so stark. Ich weiss noch, wie ich nach einigen Jahren in ­Basel für ein Bsüechli nach Freiburg ging. Da haben in derselben Beiz die­selben Leute über dasselbe geredet. Es fiel mir auf, dass sich nichts geändert hatte. Ich war froh, dass ich weggekommen war, und hatte das Gefühl, ich hätte mich geändert. Aber das habe ich wahrscheinlich nicht.

Ich behaupte, in jedem von uns steckt ein bisschen Geri Weibel.
Das glaube ich auch.

Wie viel Geri Weibel steckt in Ihnen?
Bei den Figuren habe ich schon lange die Theorie, dass von allen etwas in einem steckt. Ich begann mich dann zu wehren gegen die Vorstellung, dass man sich in jemanden hineinversetzen kann. Das ist jetzt sehr theoretisch, aber ich hätte es auch nicht gerne, wenn sich jemand in mich hineinversetzen würde. Wäre mir ein bisschen zu privat. Aber ich glaube, man hat die alle in sich und kann sie ein bisschen grösser und kleiner machen. Auch die schlimmsten ­Romanfiguren, die man sich ausdenkt, kann man in sich selber finden. Wenn man über sie schreibt, macht man sie grösser und wichtiger. Man muss dann einfach schauen, dass man sie wieder klein kriegt. Deshalb ist die Frage schwer zu beantworten. Wenn ich Geri schreibe, steckt sehr viel von Geri in mir drin, aber eben, wenn ich ihn geschrieben habe, mache ich ihn schon wieder klein.

Sie halten ihn ja schon beim Schreiben klein. Immer im letzten Satz stellen Sie ihm noch das Bein. Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie das machen?
Eine Mischung aus Schadenfreude und Mitleid. Genau das Gefühl, das ich bei den Lesern auch auslösen möchte.

Geri Weibel lebt immer einem Ideal nach. Beobachten Sie das in der Gesellschaft?
Das ist etwas Allgemeines, eine Art Sozialverhalten, in der Peer-Group, in der Gruppe, in der man ist, zu schauen, wo man steht. Das machen wohl alle. Man sucht sich entweder ein bisschen seine Umgebung nach dem aus, was man ­selber ist oder denkt. Das wäre dann die selbstbewusstere Art. Oder man passt sich dem an, was einem seine Umgebung vorgibt.

Wo in Zürich fühlen Sie sich wohl?
Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich mich zu Hause sehr wohlfühle. Das La Salle ist fast das trendigste Restaurant, das ich besuche. Ich mag das Wolfbach, das ich nicht rühmen sollte, denn man bekommt jetzt nicht mehr so einfach einen Tisch. Im ersten Stock der Bodega fühle ich mich als Heimweh­spanier und Heimwehzürcher von beiden Seiten gut bedient.

Geri trinkt bei seiner Rückkehr einen Negroni. Wo tränken Sie Ihren?
Jetzt ist dieser Negroni wieder in, ­dieser altmodische Drink. Das passiert, glaube ich, immer wieder mit den altmodischen Drinks. Wo würde ich ihn jetzt trinken? Die Kronenhalle-Bar ist nach wie vor eine sehr schöne Bar.

Weshalb haben Sie Geri Weibel zurückgeholt? War es ihm langweilig oder Ihnen?
Als ich mit Geri und der «Business Class» aufgehört habe, war beides eine Erleichterung. Es war nicht so, dass ich das schampar vermisst hätte, es war vielmehr so, dass ich etwas für die Bildschirmleser machen sollte. Bücher schreibe ich auch noch, aber das ist vielleicht mehr für meine Generation und eine darunter. Gut, meine Tochter wird jetzt 13 und liest auch noch Bücher . . .

. . . lediglich vor Ihren Augen, ­wahrscheinlich.
Nein, manchmal erwische ich sie mit einem Buch! Die Frage war: Was könnte man dann lesen, online? Eine Kolumne, kurze Geschichten. Im Tram oder wenn man auf das Tram wartet. Das brachte die beiden Kolumnen zurück.

Das kann doch nicht Ihre einzige Motivation gewesen sein.
Vielleicht hat das mit dem Alter zu tun. Dass ich an früher denke, dass ich mir überlege, mit welcher meiner Figuren ich gerne nochmals Zeit verbringen würde. Und da ist mir Geri schon sehr nahe, er ist eine wichtige Figur in meiner Biografie.

Gibt Ihnen Geri vielleicht ein überlegenes Gefühl?
Sie meinen, dass ich Geri überlegen wäre?

Genau. Auf der anderen Seite ist es ja auch ein leicht frustrierender ­Gedanke, eine Figur wieder hervorzunehmen, die im Gegensatz zu einem selbst überhaupt nicht gealtert ist.
Sie wissen ja, wie das ist mit dem Alter. Wir alten Säcke erschrecken jeden ­Morgen im Spiegel, weil wir uns nicht so fühlen, wie wir aussehen. Ich habe einfach Spass an ihm, an dieser Mischung von . . . er nervt einen ja, und man mag ihn auch. Ich fühle mich dem nicht überlegen, wenn ich Geri schreibe, dann bin ich Geri.

Dann sind Sie immerhin 30 Jahre jünger.
Ja, genau. (lacht) Beim Schreiben sind wir die gleiche Generation.

Wiederholt sich im Leben alles?
Die meisten Veränderungen sind eigentlich nur äusserliche. Da sind andere Trends oder andere Fachausdrücke, Geri wird staunen, dass es Schwingerfotos in Trendbeizen gibt. Er wird sich sicher auch auf die Zunge beissen müssen, weil er etwas Linkes gesagt hat, obwohl der Mainstream ein bisschen mehr rechts verläuft. Aber auch hier: Das ist der­selbe Mechanismus.

Immerhin ist Geri analog abgereist und kommt jetzt in eine digitale Welt zurück.
Ich glaube, auch das ist eine relativ äusserliche Veränderung. Was nicht nur äusserlich ist in der digitalen Welt, ist die Kommunikation, die intensiver wird. Seit es das Internet gibt, habe ich mehr Kontakt zu meinen Geschwistern, dank E-Mail. Das ist etwas Tiefgreifendes.

Google dürfte Geri Weibel das Leben erleichtern.
Google vereinfacht vor allem mir das ­Leben ungemein. Die meisten Romane und Kolumnen schrieb ich in Guatemala. Dort kommt man nicht so einfach an Bücher und Lexika heran.

. . . im Sinn von: Könnte mir mal ­jemand Infos über die aktuelle ­T-Shirt-Mode faxen?
Ich hatte nicht mal eine eigene Telefonleitung. Ich bin mit Büchern gereist. Für «Die dunkle Seite des Mondes» hatte ich sicher einen Koffer voll Bücher über Wälder und Pflanzen mitgenommen.

Jetzt, wo Geri zurück ist,verfolgt er Sie?
Zum Glück habe ich diese Eigenschaft, dass ich fast nur an meine Sachen denke, wenn ich daran arbeite. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass ich nie plötzlich von einer Idee angefallen werde. Ich denke unterwegs nicht: Wie würde sich Geri jetzt hier bewegen? Wobei: Mir ist heute etwas aufgefallen, eine Veränderung in Zürich. Die Fussgänger haben wahnsinnig an Selbstbewusstsein gewonnen. Einer ging über die Strasse, nicht über den Fussgängerstreifen, er drehte mir den Rücken zu und nahm ganz selbstverständlich an, dass ich ihn nicht überfahren werde.

Erstellt: 06.03.2019, 14:33 Uhr

Suters Kolumnen-Comeback

Martin Suter (71) wunderte sich schon länger über all die Leute, die in ihre Handys starrten. Irgendwann wunderte er sich über sich selber: Wenn alle auf dem Bildschirm lesen, weshalb schreibe ich dann nichts für den Bildschirm?

Ende Februar schaltete der Autor www.martin-suter.com auf, mit Texten, alten und neuen, abgelehnten und un­redigierten, lustigen und weniger lustigen. Und vor allem mit zwei altbekannten Formaten: der «Business Class» und «Richtig leben mit Geri Weibel». Das Suter-Abo kostet 6 Franken pro Monat oder 60 Franken pro Jahr. (bra)

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