Wie die Zeit vergeht

Das Café Uetli ist ein Relikt aus einer anderen Zeit – wer hierhin kommt, tut das schon lange.

Fast wie in den Dreissigerjahren, Bestuhlung, Beschriftung, Gebäck und Menage. Fotos: Dominique Meienberg

Fast wie in den Dreissigerjahren, Bestuhlung, Beschriftung, Gebäck und Menage. Fotos: Dominique Meienberg

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Zeit ist leise, sie kriecht. Auffallen tut sie in Gestalt des Wandels, in jenem Moment, in dem sich etwas merklich verändert hat. Das kann Jahre dauern. Man sieht es an Dingen, die dann als überholt gelten, die übrig geblieben sind.

Das Café Uetli am Goldbrunnenplatz, wo die Wiedikerinnen und Wiediker schon in den Dreissigerjahren eingekehrt sind, ist ein solches Relikt. Und seine Gäste sind es auch. Meistens sind sie pensioniert, sie kommen allein und häufig. Was widersteht der Vergänglichkeit am meisten? Die Gewohnheiten.

Montagmorgen, 8.25 Uhr

Aromat steht auf den marmorierten Tischen, auf manchen auch Assugrin. Die Sitzbank und die Stühle sind mit dunkelblauem Leder überzogen, an den Wänden dunkles Holz und goldene Lampen. Ein Paar sitzt in der Ecke beim Fenster, er schaut hinaus, sie sitzt ihm gegenüber, um einen Platz verschoben, und trinkt Kaffee. Er hat eine Flasche Bier vor sich stehen, ein seliges Lächeln im Gesicht. Sie schweigen.

Kurz bevor eine alte Frau mit Stock durch den bordeauxfarbenen Vorhang tritt, der den Raum vor dem Luftzug der sich öffnenden Tür abschirmt, eilt die Bedienung zu einem Zweiertisch, stellt einen Milchkaffee hin und ein Glas Wasser. Die Frau steuert darauf zu. «Frau Meier!», ruft ihr der Mann aus der Ecke zu. «Die Sonne hat mich hinausgehetzt», antwortet die alte Frau. Er: «Herrlich, wie die Sonne kommt!» Sie nickt.

8.32 Uhr

Kaum hat die Dame eine Zehnernote auf den Tisch gelegt, ist die Bedienung da und gibt Münz zurück. Sie stellt einen Korb mit Gipfeli hin, darüber ein Deckel aus Plexiglas. Die Frau des Mannes in der Ecke kommt gerade wieder herein, sie war draussen rauchen. Frau Meier ruft ihr zu: «Jetzt kann man sogar ohne Jacke raus!» Die Raucherin nickt ihr zu, setzt sich wieder zu ihrem Mann.

8.35 Uhr

Ein paar Tische weiter reden zwei Männer miteinander, sie sitzen nicht am gleichen Tisch, sie sind auch nicht zusammen da. Der eine liest dem anderen die Schlagzeilen des Tages vom Handy ab. Er liest sie, als wären es persönliche Siege, die er verkündet – er triumphiert.

8.37 Uhr

«Chani no es Käfeli ha?», ruft der Titelheld der Bedienung zu. Ein älteres Paar tritt herein, grüsst die Anwesenden mit einem «Hoi mitenand». Die beiden tragen Funktionsjacken, eine Sporttasche.

8.47 Uhr

Frau Meier hustet, sie raschelt mit ihrem Plastiksack und holt ein Pack Taschentücher hervor. «Frau Meier, hat es Ihnen die Sprache verschlagen ob des schönen Wetters?», will der Mann in der Ecke wissen. Er redet so laut, als müsse er den Raum durchdringen, dabei sitzt sie gleich am Tisch nebenan. «Man sieht gar nicht hinaus», entgegnet Frau Meier, «schauen Sie sich nur die Scheibe an!»

8.50 Uhr

Der Mann am Fenster verschränkt die Arme. Seine Frau geht wieder rauchen. Die Bedienung, schwarze Strümpfe, schwarzer Jupe, schwarze Weste, weisse Bluse, lehnt an den Tresen und schaut hinaus. Der Mann am Fenster versucht es erneut: «Haben Sie es schön gehabt, Frau Meier?» – «Oh ja, es war ganz toll. Und auch schönes Wetter!» – «Man hat es den Leuten angemerkt.» – «Ja, es hatte wahnsinnig viele Leute in der Stadt.» – «Ah ja?» – «Mmh», murmelt Frau Meier.

8.53 Uhr

Eine Frau mit einer grünen Einkaufstasche tritt herein. «Hallo! Ich bin auch wieder einmal da», sagt sie. Der Mann der Schlagzeilen steht auf und verabschiedet sich: «Jetzt muss ich gehen, sonst bekomme ich wieder eine Busse.»

8.58 Uhr

«Frölein, es blendet», sagt einer an der Fensterfront. Das Fräulein lässt den Storen hinausfahren: orange-weiss-braun gestreift, verblichen.

8.59 Uhr

Jetzt dringt eine Männerstimme nach drinnen, bevor der Mann eingetreten ist: «Nüme so chalt, he?», klingt es hinter dem Vorhang hervor.Der Mann, lila Pullover und weisser Hemdkragen, setzt sich in die Nähe von Frau Meier.

9.10 Uhr

Frau Meier steht auf, nimmt sich Mantel und Gehstock, verlässt mit leisem Gruss das Café. Ein Mann, kariertes Hemd, goldene Kühe auf dem Gurt, setzt sich mit seinem Hund ans Fenster. Eine Baslerin nimmt den Platz ein, auf dem Frau Meier sass. «Hüehner lo ko! Könne die ihri Gipfeli nid ässe, ohni e Sauerei zmache», schimpft sie und wischt die Krümel weg. Auch sie bekommt einen Milchkaffee.

9.23 Uhr

Der Mann mit Hund bezahlt und verabschiedet sich. Die Baslerin ruft: «Tschau, Schätzeli!» Sie meint den Hund. Auch das Paar am Fenster bricht auf. Er lächelt beseelt, sie geht voraus.

9.32 Uhr

Ein Mann mit Hosenträgern, Edelweisse darauf, tritt in Begleitung von zwei kleinen Hunden ins Café. «Gits au Salamisandwich?», will er wissen.

9.38 Uhr

Die Frau mit der Einkaufstasche sitzt um die Ecke. Neben ihr die Vitrine mit Vermicelles. Wie die meisten hier trägt sie bequeme Turnschuhe, die Männer ausgebeulte Jeans, die Frauen viel Schmuck.

9.40 Uhr

Der Mann im lila Pullover liest konzentriert die Zeitung, die er sich von der Baslerin geborgt hat.

10 Uhr

Der mit den Hosenträgern beugt sich nach vorne zu seinen Hunden: «Gümmer hei, ufe Bus und hei.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2018, 15:11 Uhr

Zürcher Caféprotokolle (1/6)

Es gibt Leute, die gehen jeden Morgen in dasselbe Café, in «ihr» Café, wo sie sich jeden Morgen an denselben Platz setzen, dasselbe Heissgetränk konsumieren, dieselbe Zeitung lesen und um dieselbe Zeit wie am Vortag «ihr» Café wieder verlassen. Weshalb kann man sich nicht entscheiden, ob man das nicht mehr möchte oder ob man das auch möchte? Diese Woche protokolliert das «Bellevue» den geordneten Alltag in sechs Cafés. (TA)

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