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Wieso nicht einfach mal nett sein?

Im Advent soll man innehalten, sich Zeit füreinander nehmen, Gutes tun, unerwartete Demut üben, Komplimente aussprechen. Ein paar Selbstversuche.

Wenn der Held der Nettigkeit aus dem Nichts auftaucht, überraschen seine Gesten umso mehr. Foto: Chris Frazer Smith (Gallery Stock)
Wenn der Held der Nettigkeit aus dem Nichts auftaucht, überraschen seine Gesten umso mehr. Foto: Chris Frazer Smith (Gallery Stock)

Obwohl die Weihnachtszeit in unseren Breitengraden ganz klar im Zeichen der käuflichen Geschenke steht, wollen wir heute, im Angesicht des zweiten Adventssonntags, mal bewusst an die immaterielle Seite der Besinnlichkeit gemahnen. An kleine Aufmerksamkeiten, die es für keine Währung auf dieser Welt zu kaufen gibt, an Gesten, die nichts anderes beabsichtigen, als bekannte oder fremde Seelen zu streicheln, an respektvolle oder liebenswürdige Worte, die beim Adressaten mitten ins Herz treffen.

Auslöser dafür war eine kürzlich abgehaltene Wochensitzung, an der wir uns die Frage stellten: Hey, wie wärs, wenn wir einem Mitmenschen gegenüber – ob bekannt oder unbekannt, ist egal – einfach mal aus heiterem Himmel «nett» sein würden (was auch immer das bedeutet)? Gesagt, getan. Und so führten wir in den letzten Tagen kleine Selbst­versuche durch; die meisten ernsthaft und aufrichtig, einer aber ganz perfid inszeniert – und doch mit schönem Ende.

Das ehrliche Kind

Kompliment an die unbekannte Tramfahrerin

Er setzt sich neben ihr auf den Sitz und schaut zuerst einmal. Nicht diskret, sondern offensichtlich. Genau so, wie man als Erwachsene auch immer wieder gerne schauen würde, es aber dann doch nicht tut, weil sich ein allzu klares Anglotzen ab einem gewissen Alter nicht mehr ziemt. Aber er tut es, und weil er noch ein Kind ist, darf er. Er mustert ihr Haar, ihr Gesicht und ihre Kleidung. Wie immer, wenn er es tut, wendet sich auch in diesem Fall die Frau ihm irgendwann zu. Erwachsene würden spätestens dann, hätten sie ihren Blick bis dahin nicht vom faszinierenden Objekt lösen können, beschämt wegschauen. Er nicht. Er schaut ihr in die Augen und ­lächelt ihr freundlich zu. Sie lächelt ­zurück. Und dann sagt er: «Hey, Frau, du gsehsch dänn schön uus.» In diesem Moment wird ihr Lächeln zum Strahlen, ihre Haltung aufrechter. Sie streicht ihm über den Kopf und sagt: «Das isch aber schön. Danke villmal. Das hät mer so no niemert gseit.» Da strahlt auch er. Als unbeteiligte Dritte denkt man, wie ­wenig es doch braucht, um jemanden, zumindest für einen Moment, glücklich zu machen. Und wie gut uns Erwachsenen doch manchmal diese kindliche Ehrlichkeit anstünde, denn sie würde auch uns ein Stück weit glücklicher ­machen. (ema)

Die interne Sitzungskultur

Die richtige Art des Formulierens machts aus

Ein bisschen netter sein geht immer. Zum Beispiel an der Morgensitzung: Alle freundlich begrüssen, lächeln und einfach mal die Fresse halten. Das ist gar nicht so einfach, schon in den ersten fünf Minuten bin ich anderer Meinung als ein Kollege. Wie verpackt man Widerspruch in nette Worte? Nett sein heisst ja nicht, mit allem einverstanden zu sein. Ich reisse das Thema an mich, ohne den Kollegen ausreden zu lassen. Nicht sehr nett. Reuig spreche ich den Kollegen nach der Sitzung an. Wie er das genau gemeint habe. Er lässt mich abblitzen, gerade zu viel zu tun. Merke: Je netter man in das Grossraumbüro hineinruft, desto netter schallt es zurück. So einfach ist das. (mir)

Der nette Peinlichkeitsbewahrer

Andern tugendhaft den Hintern gerettet

Ich finde, dass ich meistens nett bin. Gesteigert nett, so richtig tugendhaft war ich kürzlich in der Forchbahn. Ich stieg am Stadelhofen zehn ­Minuten vor der Abfahrt ein, wählte mir die Ecke hinten links aus, setzte mich. Plitsch. Jemand musste einen Liter Mineralwasser in den Stoff geleert haben; andere Flüssig­keiten konnte ich kraft meiner Nase ­ausschliessen und war froh darüber. Klatschnass war mein Hosenboden, ich erhob mich, wechselte auf die Bank ­gegenüber. Nun füllte sich der Waggon allmählich, ein jüngerer Typ kam ganz nach hinten links und strebte die schlimme Ecke an. «Sie, da würde ich mich nicht hinsetzen», sagte ich, «da hat jemand etwas ausgeleert.» Er prüfte mit der Hand den Stoff, sagte «au ja, wäcks!», war mir dankbar, lächelte und setzte sich neben mich. Nun waren wir schon zwei Warner, retteten zwei weitere Leute vor dem Nassplatz und hatten auf dem Weg hinauf Richtung Forch eine sehr fidele Plaudersitzecke. Beim Aussteigen dachte ich dann wieder einmal: Gut sein gibt ein gutes Gefühl. (tow)

Der kecke Taxiausbremser

Aus Intimfeinden werden (temporäre!) Intimfreunde

Wenn irgendwo in Zürich Taxi- und ­Velofahrer aufeinandertreffen, ist das in etwa so, wie wenn man im Reagenzglas bei hohem Druck zwei Teile Wasserstoff und einen Teil Sauerstoff zusammenführt – es knallt! Im Normalfall besteht dieser Knall aus verbalen Beschimpfungen, manchmal fliegen aber auch Fäuste, Spucke, Fahrräder oder Rückspiegel durch die Luft. Aus diesem Grund war klar, dass ich als reger Velofahrer meinen spontanen «Nettigkeitstest» mit einem Taxifahrer durchführen musste. Der Vorteil: Man muss die Kerle nicht ­extra suchen, sie lungern überall herum.

Auf meinen Probanden traf ich an der Ecke Stauffacher-/Langstrasse. Er fiel mir auf, weil er den «nervösen Fuss» hatte (Taxifahrer mit diesem Leiden drücken, wenn sie vor einem Zebrastreifen halten müssen, rhythmisch aufs Gaspedal und lassen so den Motor aufheulen). Ich kurvte also keck um ihn herum und fuhr ihm direkt vor die Motorhaube, er musste abrupt abbremsen. Wie erwartet liess er sofort das Fenster runter, ich wurde mit wüsten Flüchen eingedeckt. Ich stieg ab und ging auf ihn zu – was er wohl als Aggressionsgeste deutete, denn nun entstieg er seinem Gefährt (notabene mitten auf der Langstrasse) und baute sich kampfbereit vor mir auf.

Dann passierte, womit er nie gerechnet hatte: Ich streckte ihm die Hand hin und sagte, es tue mir leid, ich hätte mich dumm ­verhalten. Sichtlich irritiert fluchte er weiter, doch als ich mich nochmals entschuldigte – so glaubwürdig wie möglich, obwohl es mich innerlich fast zerriss; schliesslich gab ich den schlimmeren Heuchler ab als all die Jungkatholiken bei ihren Zwangsbeichten –, reichte er mir die Hand, murmelte so etwas wie «okay», schenkte mir einen Hauch von Lächeln, und ehe er weiterfuhr, rief er: «Feliz navidad!» Auch wenn die Sache von A bis Z inszeniert war – sie bescherte mir ein wohlig-warmes Herz. (thw)

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