«Wir schaffen eine Utopie»

Sidonia Guyer und Michelina Fuchs veranstalten Partys, bei denen die Sexualität im Mittelpunkt steht. Es gehe darum, die Komfortzone zu verlassen. Ein mögliches Mittel dazu: Peitschenhiebe.

«Wir sind auch Hippies»: Sidonia Guyer (l.) und Michelina Fuchs. Foto: Raisa Durandi

«Wir sind auch Hippies»: Sidonia Guyer (l.) und Michelina Fuchs. Foto: Raisa Durandi

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Ihre Website heisst Zwischenwelten. Zwischen welchen Welten bewegen Sie sich denn?
Michelina Fuchs: In Welten, die irgendwo zwischen den gesellschaftlichen Normen und einer Hetero-Normativität existieren. Mit unseren Partys wollen wir Räume schaffen, die neben diesen Normen funktionieren.

Was heisst das?
Fuchs: Bei unseren Events kann es vorkommen, dass man zum ersten Mal gleichgeschlechtlichen Sex hat, ohne dass man sich dafür rechtfertigen muss.
Sidonia Guyer: Wir finden es sogar super, wenn das passiert!

Im Rahmen der Porny Days zeigen Sie eine Performance, die eine Idee Ihrer Partys geben soll. Was passiert dort genau?
Fuchs: Die Leute, die zu uns kommen, sind experimentierfreudig. An den Partys gibt es Flogging, Circling, Tantra, Sadomaso-Praktiken . . .
Guyer: . . . in einigen Workshops wird geschlagen und gepeitscht. Dann gibt es aber auch Lach-Yoga, und wir diskutieren über Beziehungsformen. Es ist ein breites Angebot.
Fuchs: Es ist auch mehr als eine Party. Insgesamt 45 Leute kommen während drei Tagen zusammen. Ungefähr gleich viele Frauen wie Männer, aber auch Leute, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. An der folgenden Party begegnet man Einhörnern, Nackten, Leuten in Lederdresses – und auch normal Gekleideten.

BDSM, also Sadomaso-Praktiken, sind bei Ihnen ebenfalls Thema. Wie sind Sie dazu gekommen?
Guyer: Wir hatten unsere ersten Erfahrungen mit experimenteller Sexualität in der BDSM-Szene. Doch wir merkten auch, dass uns viele Stereotypen darin nicht entsprachen. Gewisse rigide Muster wie Kerker, Lederkostüme und fixe Rollenbilder etwa.
Fuchs: Wir stehen eher für Anarchie – in jeglichen Bereichen. Unser Spektrum hat sich irgendwann geweitet. Also versuchten wir es mit unseren eigenen Partys, bei denen BDSM nur noch ein Teil ist. Daneben gibt es Yoga, Meditation und Spiritualität. Wir sind auch Hippies.

Was bedeutet Schmerz für Sie?
Guyer: Schmerz ist Teil des weiten Spektrums von Sinnesempfindungen. Die meisten Leute wissen, dass sie mehr Schmerz ertragen, wenn sie sexuelle Lust empfinden. Im BDSM lotet man diese Grenzen aus. Es geht darum, eine andere Person an den Schmerz heran­zuführen. Das Vertrauen, das sich die Personen dabei entgegenbringen, gehört ebenfalls zum Lustgewinn.

Auf Ihrer Website finden sich die Regeln, die an Ihren Partys gelten. ­Darunter gibt es Tipps, wie man sich bei ­Grenzüberschreitungen verhält. Wird es manchmal gefährlich?
Fuchs: Ganz generell gesagt: Es ist immer gefährlich, wenn man seine Komfortzone verlässt. Man sollte das nicht unterschätzen. Aber physisch gefährlich wird es bei uns nicht.
Guyer: Wenn man die Regeln durchliest, kann man daraus vieles für den ­Alltag ableiten. Auch ganz gewöhnliche One-Night-Stands bergen gewisse Gefahren. Nur dass es dort oft keinen expliziten Konsens gibt, den man aushandelt. Wann ist zum Beispiel ein Nein ein Nein? Das ist bei uns eben deutlicher.

Dann wird an Ihren Partys vor allem geredet?
Guyer: Wir versuchen die Achtsamkeit zu fördern. Dazu gehört auch Reden.
Fuchs: Und wenn eine Person nicht so achtsam ist, wie wir das wünschen, dann reden wir halt mit ihr.

Wie reagieren jene Freunde auf Ihr Hobby, die selber nicht in dieser Szene verkehren?
Fuchs: Ich habe nur wenige Freunde ausserhalb dieses Kreises. Ich verkehre schon 13 Jahre in der Szene. Da kennt man auch sehr viele Leute.
Guyer: Jene alten Freunde, die ich noch habe, sind stolz.

Was denken Sie, wie viele – sagen wir neutrale – Leute, die mit Ihnen reden, möchten insgeheim gerne einmal eine Ihrer Partys besuchen?
Guyer: Es müssen einige sein. Je ­grösser die vordergründige Ablehnung, umso intensiver der Wunsch, das auch einmal auszuprobieren.

Das ist jetzt Küchenpsychologie.
Fuchs: Aber nicht ganz falsch. Da läge dann vielleicht schon Handlungsbedarf. (lacht) Aber wir sehen in diesen Sachen keinen pädagogischen Auftrag.

Was würde sich Ihrer Meinung nach ändern, wenn sich mehr Leute mit den verschiedenen Facetten der Sexualität befassen würden?
Fuchs: Wenn man sich kennen und ­lieben lernt, dann kann dies einen zu einem glücklicheren Menschen machen. Wenn das viele machen würden, würde sich auch die Gesellschaft verändern. Davon sind wir überzeugt.

Mit Tinder hat sich die Sexualität verändert. Sie ist ­unverbindlicher und konsumierbar geworden.
Guyer: Ich beobachte, dass es oftmals nicht um Lust geht, sondern darum, sein eigenes Ego aufzuwerten. Das finde ich schade. Ich frage mich dann: Warum ­haben diese Menschen überhaupt Sex?

Sind monogame Paare bei Ihnen ebenfalls willkommen?
Fuchs: Warum nicht? Es geht uns um ein gewisses Bewusstsein in sexuellen Dingen. Darum, dass man sich fragt, ­warum man in einer monogamen Beziehung lebt – oder eben nicht. Bei uns geht es in erster Linie um Begegnungen, die einen erfüllen.

Das klingt etwas gar schön. Man lernt bestimmt auch Seiten an sich kennen, die schwierig zu verstehen oder sogar verstörend sind.
Guyer: Darum geht es. Beim Sadomaso lernst du Seiten an dir kennen, die vielleicht nicht angenehm sind. Generell kommst du dem anderen Menschen ­dabei sehr nahe. Es ist ein Spielfeld, bei dem man auch mit seinen dunklen ­Seiten experimentieren kann.
Fuchs: Das Berührendste ist es, zu ­sehen, dass einem jemand voll und ganz vertraut.

Das klingt nach einer sehr ­utopischen Vorstellung. Einer, die irgendwann von der Realität Lügen gestraft wird.
Fuchs: Wir schaffen tatsächlich eine Utopie, wenn auch eine zeitlich begrenzte. Es steckt eine Menge Arbeit ­dahinter, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem so etwas möglich ist. Ein Umfeld, in dem ich mich frei bewegen kann und in dem die Sexualität einen freien Ausdruck findet. Bei uns lernen sich die Leute – im Gegensatz zu gewöhnlichen Dates – auf eine andere Weise kennen.
Guyer: Es ist ein sehr positiver Raum. In den USA gibt es dafür den Begriff Sex Positivity.
Fuchs: Leute bei uns zeigen sich sehr verletzlich. Ich glaube, man geht dann automatisch sehr sorgsam und wertschätzend miteinander um. Unsere Gäste sind oft sehr berührt von dieser Atmosphäre.

Und gleichzeitig peitscht man sich aus.
Fuchs: (lacht) Die Leute schauen aber voller Liebe zu.

Wäre eine Zweierbeziehung nicht der geeignetere Rahmen, um mit den von Ihnen praktizierten Dingen zu experimentieren?
Fuchs: Wenn man die Statistiken zu Scheidungen und Seitensprüngen heranzieht, darf das bezweifelt werden. Die Motivationen der Leute, zu uns zu ­kommen, sind sehr unterschiedlich. ­Einige suchen den Austausch auf anderen Ebenen. Sie wollen ihre Bedürfnisse nicht von einem einzigen Menschen ­abhängig machen.
Guyer: Ich finde es schön, wenn Menschen lernen, sich vor verschiedenen Menschen von einer verletzlichen und authentischen Seite zu zeigen. Wie stark man hierfür seine Sexualität miteinbeziehen will, ist jedem selber überlassen. In einer Zweierbeziehung kann dieser Anspruch jedoch schnell zu sehr viel Druck führen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2016, 08:20 Uhr

Zwischenwelten

Performance an den Porny Days

Unter dem Label Zwischenwelten veran­stalten Michelina Fuchs (36) und Sidonia Guyer (29) regelmässig Partys, die sich um Sexualität und Intimität, Körperarbeit und alternative Lebensstile drehen. Am Film- und Kunstfestival Porny Days, das ab heute bis Sonntag im Kunstraum Walcheturm stattfindet, werden sie – neben vielen anderen – Workshops anbieten. (dsa)
www.pornydays.ch; www.zwischenwelten.ch

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