«Wir wollten es denen unbedingt zeigen»

Pirmin Stierli erinnert sich, wie er vor 50 Jahren mit dem FCZ gegen Pelés FC Santos gewann.

«Den Ball konnte ich ihm nur wenige Male abnehmen»: FCZ-Mittelfeldspieler Pirmin Stierli im Laufduell mit Pelé. Foto: Keystone

«Den Ball konnte ich ihm nur wenige Male abnehmen»: FCZ-Mittelfeldspieler Pirmin Stierli im Laufduell mit Pelé. Foto: Keystone

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«Regen vor und während des Spiels, daher nach 10'000 im ­Vorverkauf abgesetzten Karten nur 16'000 Zuschauer und kleines ­Defizit für den FCZ trotz erhöhter Eintrittspreise. Santos kostete rund 120'000 Franken. 20-minütige Pause, weil sich jeder Santos-Spieler massieren liess. [. . .] Nach Spielschluss Run auf Pelés Leibchen, der sein Trikot mit der Nummer 10, offenbar durch Erfahrung gewitzigt, in einem wirren Knäuel von Pelé-Fans vorsichtshalber selber auszieht und den ‹Wölfen› zum Frass vor die Füsse wirft. Einzelne ­Securitaswächter und Polizisten ­verlieren die Nerven und schlagen begeisterte Eindringlinge nieder. Polizeihunde sind da, aber machen nichts.» («Sport», 17. Juni 1968)

Dies ist ein Auszug aus einem Artikel über das denkwürdige Freundschaftsspiel zwischen dem FCZ und dem FC Santos vom 15. Juni im Zürcher Letzi­grundstadion. Der Match fand anlässlich der Santos-Welttournee statt, die der brasilianische Topclub mit Superstar Pelé zu Vermarktungszwecken durchführte; Edy Naegeli, der Präsident des FC Zürich, leistete sich das nicht gerade günstige «Geschenk» für die Fans und die Spieler. Die hoch motivierten Zürcher gewannen 5:4 – es war die einzige Niederlage von Santos auf der ganzen Tour. Die Tore erzielten Köbi Kuhn, Christian Winiger (2), Ernst Meyer und Fritz Künzli, Pelé realisierte kurz vor Schluss den Anschlusstreffer.

Dem illustren Kader des Stadtclubs gehörte damals auch der 20-jährige Pirmin Stierli an (dessen älterer Bruder Xaver bereits seit 1960 beim FCZ spielte). Da Naegeli wollte, dass alle Akteure bei dieser grossen Affiche genügend Spielzeit erhielten, beschloss er kurzerhand das «Karussell»-Modell: Hubert Münch und die beiden Stierlis waren quasi in ständiger Rotation, sie wurden alle 10 bis 15 Minuten aus- oder wieder eingewechselt.

Köbi Kuhn als Raubein

Pirmin Stierli, der nach der Karriere in der Zuger Heimat eine Immobilien- und Treuhandfirma aufbaute (für die er bis vor kurzem noch operativ tätig war), hat für uns in seiner Erinnerung den Santos-Match nochmals Revue passieren lassen. Hier seine Schilderungen:

«Normalerweise war es bei uns in der Kabine eher laut und lustig, doch vor diesem Match herrschte eine beinahe andächtige Stimmung; alle waren angespannt, ein wenig nervös, es war so wie vor einem Cupfinal, wo man weiss: Jetzt geht es um alles oder nichts.

Dabei hatten wir überhaupt keine Angst vor einer Kanterniederlage. Wir wussten, dass die Brasilianer den Fuss vom Gas nehmen würden, wenn sie mal klar vorne liegen. Immerhin hatte unser Präsident für ihren Auftritt eine Stange Geld bezahlt, da konnten sie uns ja nicht demütigen. (lacht) Doch eben, diese angesprochene Anspannung, die rührte vor allem daher, dass wir voller Selbstvertrauen und bis in die Haarspitzen motiviert waren, wir wollten es denen einfach unbedingt zeigen.

Besonders zu spüren bekamen das die Santos-Spieler bei den Zweikämpfen mit Köbi (Kuhn)! Der war so ehrgeizig, der wollte immer gewinnen, egal, gegen wen es ging. Und so stand er denen ganz schön auf den Füssen rum und liess niemals locker.

Mit Pelé in der Dusche: Die FCZ-Stars Rosario Martinelli (l.) und Köbi Kuhn. Foto: FCZ-Archiv

Das waren sie offenbar nicht gewohnt, auch unsere Manndeckung war für sie unangenehm, einige wirkten richtig eingeschüchtert. Das haben wir ausgenützt, vor allem Rosa (Martinelli) hat das Spiel mit seinen präzisen Steilpässen immer wieder aufgerissen und schnell gemacht, und Winiger hat seinen Verteidiger Mal für Mal ausgetrickst und überlaufen; der arme Kerl war völlig überfordert, Winiger hat einen Riesenmatch abgeliefert, nicht nur wegen der Goals.

Ich habe meine Sache auch ganz ordentlich gemacht, das haben nachher alle gesagt. Ich spielte ja direkt auf Pelé, und es war wirklich eindrücklich, wie er die Mannschaft dirigierte und wie ihm der Ball praktisch am Fuss klebte, den konnte ich ihm nur wenige Male abnehmen. Und doch ist mir etwas Aussergewöhnliches gelungen: Ich habe dank meiner Antrittsschnelligkeit und dem guten Auge viele Bälle, die Teamkollegen auf Pelé spielen wollten, antizipieren und unterbinden können. Das war mir davor noch nie so gut geglückt.

Wenn ich mich recht erinnere, hat sich Köbi nach dem Match Pelés Leibchen geschnappt. Ich habe kein Trikot ergattert, ich glaube, ich habe den Moment verpasst, oder das Gewühl war zu gross, ich weiss es nicht mehr. Aber es ist auch nicht so schlimm. Der Match war wichtig, aber das grösste Spiel unserer Karriere war es nicht, trotz dem Sieg. Das war für die Älteren sicher der Meistercup-Halbfinal 1964 gegen Real Madrid und für mich vielleicht die Partien im Messestädtecup 1967/68 gegen Barcelona oder Nottingham Forest.

Grafische Memorabilia: Das Matchplakat des Freundschaftsspiels. Foto: FCZ-Archiv

Klar, der heutige Fussball ist viel dynamischer, intensiver und kräftiger als jener zu unserer Zeit. Aber mir persönlich hat das damalige Spiel fast besser gefallen, und nicht nur als Spieler, auch als Zuschauer: Da hatten die Besten noch Zeit, um zu tricksen und zu zaubern, da gab es weniger grobe Fouls, dafür mehr Pässe in die Tiefe . . . auch wenn uns Präsident Naegeli immer wieder mit dem Satz mahnte ‹denkt daran, niemand ist so schnell wie der Ball›, war es halt einfach ein Supergefühl, wenn man einen oder noch besser gleich zwei Gegenspieler hat ausdribbeln können.

Von den heutigen Equipen gefällt mir Liverpool ganz gut, dieser Klopp ist ein verrückter Typ, und es ist eindrücklich, wie rasch die von hinten nach vorn kommen. Wobei ich nicht mehr so viel Fussball schaue wie früher. Auch in den Letzigrund gehe ich nur selten, das ist meist dann der Fall, wenn ich mit anderen Ex-Spielern von den Canepas zu einem Match eingeladen werde. Dafür bin ich selbst noch aktiv, beim ‹Ü-80-Team› von Zug 94 (lacht). Aber ich bin nicht mehr ganz so antrittschnell wie damals.»

«50 Jahre FCZ - Santos» mit TV-Aufnahmen vom Match und einem Talk mit damaligen Spielern (Koni Kyburz, Pirmin Stierli) und Fans (Ancillo Canepa, Werner Schmid-Fischer), moderiert von Michael Lütscher. Heute, 19.30 Uhr, FCZ-Museum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 14:38 Uhr

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Pirmin Stierli

Der 70-Jährige spielte in seiner Karriere für den FCZ, Anderlecht und Xamax und lief insgesamt 16-mal als Natispieler für die Schweiz auf. Er lebt heute mit seiner Gattin in Zug.

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