Wunschlos überfordert

Absolute Erholung erhofft sich der Gast von einer Nacht im Baur au Lac. Die Hotelangestellten geben alles für den perfekten Service – am Schluss ist man vor lauter Aufmerksamkeit beinahe erschöpft.

Traditionsreich: Die Halle des Edelhotels Baur au Lac wurde einer aufwendigen Neugestaltung unterzogen. Foto: Sabina Bobst

Traditionsreich: Die Halle des Edelhotels Baur au Lac wurde einer aufwendigen Neugestaltung unterzogen. Foto: Sabina Bobst

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Der Concierge stösst die Türe zu meinem Zimmer auf, und ich bin überwältigt. Die De-luxe-Junior-Suite ist riesig, rechts liegt das Ankleidezimmer, links geht es in den Wohn- und Schlafbereich. Im Marmorbadezimmer geradeaus befindet sich eine grosse Badewanne mit Blick auf den Flatscreen-Fernseher. Die Toilette ist durch eine Glastür abgetrennt, der Boden geheizt. 60?Quadratmeter Luxus, 1800?Franken pro Nacht.

Ich zähle die Möbel und Accessoires: Vier Sessel, ein Sofa, eine Chaiselongue, fünf Daunenkissen auf dem Bett, sechs Stehlampen und fünf Spiegel – ich weiss gar nicht, wie ich mit dieser Fülle um­gehen soll. Ich nehme mir vor, auf jedem der Möbelstücke einmal Platz zu nehmen – und scheitere daran. Aus Gewohnheit lese ich doch nur auf dem Bett. Einmal liege ich quer über die Matratze, lasse die Arme über den Rand baumeln. Dann ziehe ich den über­dimensionierten Bademantel an, mitten am Nachmittag. Auf dem Salontischchen stehen Früchte, Nüsse und Hausschokolade als Willkommensgruss bereit, die Champagnerflasche liegt im Eiskübel. Ich schaue zu, wie das Eis schmilzt, ­während ich Trauben esse.

Sanduhren für den Teebeutel

Auch die Halle im Erdgeschoss, das Wohnzimmer der Gäste, ist einschüchternd-einladend: Im Cheminée brennt ein Feuer, der wuchtige Kronleuchter hängt von der Glaskuppel. Der Teppich schluckt die Geräusche, im Hintergrund spielt leise Jazzmusik. Ein älteres Paar liest Zeitung, eine Gruppe Männer hält in Jackett und Jeanshose eine Besprechung ab. Es ist so ruhig, wie man sich die stilvolle Atmosphäre in einem 5-Stern-Haus vorstellt. Ich bestelle einen Happen zu essen. Dieser entpuppt sich als dreistöckige Etagere, auf deren Etagen Minisandwichs, kleine Crêpes, warme Scones und Schokoladenwindbeutel mit Blattgold hübsch drapiert sind. Dank des «Perfect Tea Timer» – kleine Sanduhren, welche die gewünschte Ziehzeit von drei, vier oder fünf Minuten messen – weiss ich, wann mein Green Tea mit Mangoaroma von perfekter Intensität ist. Kurz bevor der Sand durchgerieselt ist, kommt die Kellnerin an meinen Tisch und zieht den Teebeutel aus dem Krug.

Das Personal weiss, wo man ist

Bevor ich den Tisch verlasse, fragt sie: «Haben Sie noch einen Wunsch, Frau Müller?» Diese Frage höre ich immer wieder. Beim Training im Fitnessraum, beim Apéro in der Hotelbar, wo ich eine halbe Stunde allein vor zwei proppenvoll gefüllten Nussschälchen verbringe, beim Abendessen im Restaurant Rive Gauche, als die verschiedenen Gänge serviert werden – und dazwischen. Auch nach dem «American Breakfast», das der Roomservice am nächsten Tag in meinem Zimmer ans Fenster rollt, möchte der Bedienstete wissen, ob alles zu meiner Zufriedenheit sei. Am Schluss macht mich nur müde, was eigentlich als Aufmerksamkeit gedacht ist. Es fehlt die Zeit, ein Bedürfnis zu entwickeln.

Auf den Gängen, wo an jedem Ende ein mannshoher Spiegel hängt, treffe ich keinen einzigen Hotelgast an, dafür umso mehr Personal, das mich freundlich grüsst. Als ich etwas verspätet zur Massage auf meinem Zimmer erscheine, steht die Liege schon vor der Tür. Sonja, die Masseurin, sagt, man habe sie informiert, dass ich auf dem Weg sei. Nichts bleibt hier unbemerkt. Sonja prophezeit mir, dass ich während der Behandlung einschlafen werde wie die meisten ihrer Kunden, und schichtet Tuch um Tuch auf mich. Aus dem mitgebrachten CD-Player ertönt Entspannungsmusik. Als Sonja geht, lasse ich die Augen zu und bleibe liegen – ich tue ihr diesen Gefallen. Es ist zehn Uhr abends, ich bin übervoll vom vielen Essen, und der Überfluss hat mich seltsam dumpf gemacht. Ich zappe durch die unzähligen Fernsehsender, während ich ausgestreckt in der Badewanne liege. Schliesslich bleibe ich bei BBC hängen. Das fühlt sich mondän an. Auf dem Telefon blinkt das rote Lämpchen unheimlich im Dunkeln: Ich habe einen Anruf verpasst, bin aber zu träge, zurückzurufen. Im Bett kämpfe ich mit den fünf Kissen, bis ich sie im Halbschlaf auf den Boden werfe und ganz abtauche.

Die Übernachtung in der Junior Suite wurde vom Hotel Baur au Lac offeriert.

Erstellt: 13.03.2015, 18:32 Uhr

Serie

«Im Huus»

In der Serie «Im Huus» widmen wir uns jeweils eine Woche lang dem Innenleben eines Zürcher Gebäudes. Nach einem Bürohaus, einem Stadion und einer Kirche schauen wir nun hinter die Kulissen des Zürcher 5-Stern-Hotels Baur au Lac. In der morgigen Ausgabe erzählt der Chef-Concierge aus seinem Alltag.

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