Als die Rote Fabrik zum «place to be» wurde

Louis hat den Grossteil seines Arbeitslebens in der Beiz der Roten Fabrik zugebracht – und kennt darum die tollsten Anekdoten. Diese hört auch Genossenschafter Ben gern.

Einmal ein Ziegler, immer ein Ziegler: Ben (links), einer der zurzeit rund 50 Genossenschafter,  solidarisch verbunden mit dem pensionierten Urgestein Louis. Foto: Urs Jaudas

Einmal ein Ziegler, immer ein Ziegler: Ben (links), einer der zurzeit rund 50 Genossenschafter, solidarisch verbunden mit dem pensionierten Urgestein Louis. Foto: Urs Jaudas

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Er komme soeben vom Hardhof, berichtet Louis, während er die blau-weisse Brooklyn-Dodgers-Mütze nach hinten schiebt, er habe da auf den Enkel aufgepasst, weil dessen Mutter – also seine Tochter – fürs Alternativliga-Team Blutgretchen im Einsatz war. «Das passt doch zum Thema, dieses Fussballturnier ist ja etwa zur selben Zeit und auf Basis ähnlicher Ideale gegründet worden wie der Ziegel», so der 67-Jährige.

Der Thirtysomething, der danebensteht, lacht. Er sagt, er höre Louis gern zu, das sei eine Art Lebensschule. Heissen tut er Ben, er stammt aus München und ist Politikwissenschaftler. Nach Zürich kam er der Liebe wegen, inzwischen haben die Liebe und er zwei Kinder. Der Grund seiner Anwesenheit: Seit 2015 ist er eines von im Sommer rund 50 Kollektivmitgliedern der Genossenschaft Ziegel oh Lac, die – es wirkt surreal, aber funktioniert – offiziell hierarchiefrei ist (und nur die Du-Kultur kennt, darum verzichten wir in diesem Artikel auf Nachnamen). Wobei es Sonderaufgaben gebe, so Ben. Seine ist an diesem Sonntagmittag das Wohl des Journalisten, der gekommen ist, um in der tiefen Historie dieser Beiz, blumig gesprochen, nach Perlen zu tauchen, also jene ­Anekdoten zu hören, die es nirgends zu lesen gibt. Und weil das mit Genuss kombiniert mehr Freude macht, werden erst einmal Wein und Spaghetti bestellt.

Hier rockten sie auf dem Zenit

Die Rollen sind danach klar verteilt: Der Schreibende schreibt, Ben gibt bei jüngeren Episoden den Souffleur, Louis ist der Erzähler – schliesslich hat er, abgesehen von den Studienjahren und zehn Sommern als Alphirt, fast sein ganzes Arbeitsleben im Ziegel gewirkt, von 1981 bis zur Pensionierung vor zwei Jahren; die ersten 20 Jahre meistens am Ausschank an den Rote-Fabrik-Veranstaltungen, später häufiger im Büro.

Er war vor Ort, als die Rote Fabrik zum «place to be» wurde, als hier Bands wie Gunclub, Soundgarden und Sonic Youth auf ihrem Zenit rockten oder die jungen Züri West die Karriere starteten. Er war aber vor allem prägend mit ­dabei, als hier, inspiriert von den legendären Genossenschaftsbeizen Kreuz in Solothurn und Rössli in Stäfa, eine fortschrittliche Gastrokooperative gedacht und gemacht wurde. Deren Errungenschaften – egalitärer und fairer Lohn, möglichst nur Teilzeitstellen (wegen der Studierenden, Kunstschaffenden und Mütter/Väter mit Kleinkindern), mindestens gleich viele Frauen wie Männer, sechsmonatiger Mutter- und zwei­monatiger Vaterschaftsurlaub, offene Ideenbörse, gelebte Solidarität (wer sich unwohl fühlt, bleibt zu Hause, einspringen tun selbst Ex-Mitarbeiter) – suchen in diesem Bereich bis heute ihresgleichen. Selbstverständlich seien auch Projekte gescheitert, sagt Louis, Basisdemokratie sei anstrengend, dabei könne aus dem Kollektiv auch mal «Kollek-tief» werden. Doch wenn man da gemeinsam rausfinde, sei das wie ein Jungbrunnen. Darum ist er nie weggegangen: «Es war ein Privileg, mit diesen Menschen denken, handeln und arbeiten zu dürfen.» Er nimmt einen Schluck Wein und sagt: «So, legen wir los.»

Der Biertrick: «Zu Beginn hiess die Beiz ‹Zum roten Ziegel›, sie befand sich im ersten Stock von Trakt A, vorne an der Seestrasse. Zu jener Zeit war Punk gross in Mode, und die Punks soffen wie die Löcher, was vor allem bei Konzerten oft zu Aggressionen führte. Um dies abzuschwächen, schlossen wir hin und wieder alkoholfreies Bier an den Zapfhahn. Gemerkt hat das glaub keiner, so euphorisch war die Stimmung. Was mir grad noch einfällt: Vor diesen harschen Gigs liess ich gern eine Bob-Dylan-Kassette laufen, was meist mit ‹Stell die Hippie-Scheisse ab!› quittiert wurde. Zu den lautesten Motzern gehörten ein paar wilde Zürcher Punkmusiker, die lustigerweise bald darauf als Band The Happysad selbst folkige Songs spielten.»

Die Kollekte: «Früh gründeten wir die Reihe Zischtigmusig, die bis heute existiert. Der Eintritt war gratis, wir stellten aber zugunsten der ausschliesslich lokalen Bands einen Topf auf. Meist kam kaum was zusammen, doch eine Ausnahme gabs, da betrug die Kollekte unfassbare 325 Franken! Sie ging an Die Reisenden, zu denen unter anderem die heute leidlich bekannten Stephan Eicher und Beat Schlatter gehörten.»

Der Polizeispitzel: «Ein Mann, der im Roten Ziegel kurzzeitig als Hilfskoch arbeitete, war, wie wir nach ein paar Wochen herausfanden, ein Polizeispitzel. In einem Rapport schrieb er unter anderem: ‹Politisch links stehende Gruppierungen verbreiten hier ihr Ideengut. An der Tür zu dieser Liegenschaft wird versucht, die Rechtsordnung infrage zu stellen.› Apropos Polizei: Wer weiss heute noch, dass der spätere Polizeivorsteher Richi Wolff zu jener Zeit bei uns im Vorstand der IG Rote Fabrik sass?»

Der heisse Draht: «Es gab 1983 eine kurze, düstere Phase – es war die Zeit, als die Rote Fabrik von Skinheads heimgesucht wurde. Damals hatten wir im Ziegel einen heissen Draht zu den Leuten im Café Zähringer in der Altstadt: Wenn die Skins anrückten, riefen wir da an, sie kamen vorbei, und gemeinsam schlugen wir die Glatzen in die Flucht. Eine Reminiszenz an jene Verbundenheit mit dem Zähringer ist unser Schoggikuchen, der Schoggi-Zäh.»

Der Kommerzvorwurf: «Die Spaghetti Napoli kosteten in den ersten Jahren 5.50 und die Stange Bier 2 Franken. Als wir die Stange irgendwann auf 2.20 aufschlugen, führte das zu heftigen Protesten . . . und zum Verkommerzialisierungsvorwurf von Politaktivistinnen und -aktivisten. Als wir 1985 mit dem Ziegel ins heutige Lokal an den See runter wechselten, pinselten diese Leute den Spruch ‹Spiesser fresst woanders› an die Fassade. Wir Mitarbeitenden haben das dann kreativ in ‹Esser esst anders› umgewandelt. Dasselbe beim späteren Spruch ‹Wir scheissen auf eure Stimmen›, der die 1987 stattfindende Abstimmung über die Rote Fabrik betraf. Wir vom Ziegel fanden die Abstimmung existenziell für unsere Beiz und änderten die Botschaft um in ‹Wir heissen eure Stimmen gut›.»

Glaubenskrieg auf der Hausfassade – eine Aufnahme von circa 1987. Foto: Gertrud Vogler

Der falsche Name: «Im Zuge des Umzugs entschieden wir, den Seeanstoss im Namen würdigen zu wollen und die Beiz als ironische Anlehnung ans Baur au Lac neu ‹Ziegel oh Lac› zu nennen. Doch die Leute beim Handelsregisteramt hatten wenig Sinn für Humor, weshalb der offizielle Eintrag bis heute ‹Ziegel au Lac› lautet.»

Patti Smith: «Das für mich schönste Kompliment hat uns Patti Smith anlässlich ihres Open-Air-Konzerts von 2011 gemacht. Nach dem Essen ging sie durch die Küche und bedankte sich bei allen persönlich, und am Ende des Abends sagte sie zu uns: ‹Why can’t we fucking play always at places like this?› Das rührt mich bis heute.»

Die Kifferhinweise: «Früher gabs im Ziegel ja diese Steller, auf denen stand, man solle bitte an diesem Tisch nicht kiffen, aus Rücksicht auf Leute, die essen wollen. Vor allem bei Touristen war das ein beliebtes Souvenir, nichts wurde so oft geklaut wie diese Kärtchen.»

Die Haltung: «No-gos hatten wir schon immer. Zum Beispiel der Verzicht auf Coca- und Pepsi-Cola und auf die Biere von Grosskonzernen. Und natürlich kann bei uns auch keine Firma ein Weihnachtsessen durchführen, die eine Nähe zur Rüstungsindustrie hat. Doch es gibt auch No-gos, die trotzdem toleriert werden. Wie unser eigenwilliges ‹Faktotum› Francis, der zwar im Ziegel offiziell Hausverbot hat, aber selbstverständlich dennoch täglich verpflegt wird.»

Die Gastrokritik: «Die Einführung des Rauchverbots traf uns als Kifferidyll vehement, ein Teil des Stammpublikums brach einfach weg. Wollten wir weiterexistieren, mussten wir neue Gäste gewinnen. Wir versuchten es mit einem gastronomischen Qualitätssprung. Als uns 2016 der Gastrokritiker der NZZ beinahe begeistert mit ‹beachtliches Niveau bei moderaten Preisen› lobte, wussten wir, dass wir auf gutem Weg sind.»

Als die toll(dreiste)sten Anekdoten notiert und die Teller leer sind, kommen wir nochmals auf die Organisation zu sprechen – und auf die Tatsache, dass alle wichtigen Sonderaufgaben im Ziegel von Frauen . . . Plötzlich starren sich die zwei an. Sie haben eben realisiert, was Louis nun ausspricht: «Wie beschämend, es fehlen die Frauen an diesem Tisch, in diesem Gespräch!»

Manchmal ist selbst eine real existierende Utopie noch keine perfekte Welt.

Erstellt: 29.06.2019, 18:07 Uhr

Serie «Im Huus»

Wir widmen uns diese Woche dem Innenleben eines Gebäudes (im engeren und weiteren Sinne des Wortes). Nach Stadion, Kirche, Hotel, Warenhaus und Asylcontainer-Siedlung ist es diesmal das Kulturzentrum Rote Fabrik in Wollishofen.

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