Künstlerin baut Haus mit ausklappbarem Balkon

Katrin Bechtler hat in ihrem Garten ein aussergewöhnliches Projekt gestartet.

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Man hat ihr gesagt, die Fuchsfamilie, die im Garten wohnt, sei noch da – trotz der Bauarbeiten. Doch Katrin Bechtler ist sich nicht so sicher. «Ich kann die Tiere nämlich riechen», sagt sie. Und ­gerochen hat sie ihre Füchse schon länger nicht mehr. Zweieinhalb Jahre wird im verwilderten Garten der Millionenerbin an der Bellerivestrasse nun schon gebaut. Am Chemicalmoonbaby, einem champagner­goldenen Kubus, der einen halben Meter über dem Garten zu schweben scheint. Nur über einen Holzsteg zugänglich. Bald soll ihn ein Meer von Stauden umwuchern. Entstanden sind fünf Wohnungen und eine Galerie – hinter einer aussergewöhnlichen Fassade. Wie die Klappen von alten Briefumschlägen öffnen sich an jedem Fassadenelement vier dreieckige Klappen, worauf sich ihre Innenseite offenbart – in leuchtendem Blau oder Rot.

Ein Balkon auf Knopfdruck

Das Haus passt sich den Bewohnern an, per Knopfdruck, angetrieben von einer unsichtbaren Hydraulik. Einige Fassadenelemente öffnen sich, um das Licht einzulassen, andere sind sogar begehbar – ausklappbare Balkone. Der Architekt, Manuel Herz, 47-jährig, von 2012 bis 2014 Gastprofessor für Architekturentwurf an der ETH Zürich, seit 2014 an der Uni Basel tätig, hat kürzlich eine Synagoge in Mainz gebaut. Er beschäftigt sich mit der afrikanischen Moderne und der Architektur von Flüchtlingslagern. In seinem Pavillon an der Architekturbiennale in Venedig hingen grossformatige Wandteppiche, geknüpft von Frauen der vertriebenen Saharaui. Die Muster: Stadtpläne der Flüchtlingslager. «Ich bin ein bisschen . . .», Katrin Bechtler zögert, «ich bin ein grosser Fan von Manuel Herz.» Keine Frage, über ihr Haus im Seefeld wird noch viel geschrieben werden. Doch erst einmal muss es fertig werden.

Küchen und Bäder sind installiert, die Böden gegossen. Doch über allem liegt Abdeckfolie und viel weisser Staub. In der künftigen Galerie im Untergeschoss haben die Handwerker ein Materiallager eingerichtet. Bechtler ist überrascht. Ihr gerades, knapp schulterlanges Haar ist von grauen Strähnen durchsetzt, sie trägt eine blaue Bluse, die Füsse stecken in bequemen Laufschuhen, Neongrün, Pink und Leuchtgelb. Damit lässt es sich auch im Alter – wie alt sie genau ist, verrät sie nicht – noch auf einer Baustelle herumklettern. Im Vergleich zu ihrem letzten Besuch hat sich wenig getan. «Fast scheint hier ein Rückschritt passiert zu sein», sagt die Bauherrin. Als sei das Haus lebendig, als könnte es sich kurz vor der Eröffnung in ein Puppenstadium zurückziehen, wie ein werdender Schmetterling. Kommende Woche wird der Bau eingeweiht, dann sollen die Wohnungen bezugsbereit sein. Fürchtet sie, ihr Baby werde nicht rechtzeitig schlüpfen?

Das chaotische Museum

Kaum, das Unfertige ist Katrin Bechtlers Lebenselixier. Seit sie die Villa, Baujahr 1888, mit dem grossen Garten im Jahr 2003 gekauft hat, ist hier Baustelle, Kunstbaustelle. Eine Installation folgte auf die nächste. Bekannte und weniger bekannte Künstler. Ein chaotisches Museum erstreckte sich bald vom Keller bis unters Dach. In den oberen beiden Stockwerken Bechtlers eigene Werke: Ein zusammenkrachender Tisch, eine überdimensionierte Hängematte, ein drehbares WC mit anschliessender Küche. Bechtlers Villa Kunterbunt.

Doch nun, auf die Wiedereröffnung hin, herrscht in der Villa Leere vor, das Grau der Wände. Bechtlers Sammlung stapelt sich in Boxen bis an die Decke. Sie hat Luxemburgerli für den Schreiber und die Fotografin mitgebracht, etwas verloren liegen sie da, ein kleiner rosa-grüner Stapel beim Liftschacht. Auch dieser ein werdendes Kunstwerk, provisorisch mit Gitter verbarrikadiert.

Im Keller und im Parterre entsteht eine Ausstellung von Milena Bonderer und Martina Graf. Das Treppenhaus wird Jasmin Glaab mit 130 Kunstwerken in kleinen Rähmchen bestücken. Noch existiert das alles nur in Bechtlers Kopf. So viel Arbeit noch, so viel Ungewissheit. Wie hält sie das aus? «Ohne Baustelle könnte ich nicht leben», sagt sie. «Ich brauche das.» Und wenn etwas noch nicht fertig ist? Dann ist das auch egal, «Work in Progress halt».

Zwischen Villa und Strasse wuchern Brombeeren über eine Statue von Freiburghaus, bald sollen ihr ein Tinguely und ein siebeneinhalb Meter hoher ­Luginbühl Gesellschaft leisten. Werke, die zum Teil im Besitz der Familie Bechtler sind, Kunstmäzene alle, Erben der traditionsreichen Industriegruppe Zellweger Luwa. Über den Gartenzaun grüsst eine Nachbarin, sie ist erst gerade vom Land in die Stadt gezogen, vermisst ihren Garten und interessiert sich deshalb umso mehr dafür, was hinter dem Zaun passiert. «Sie müssen ja ein riesiges Loch ausgehoben haben. So viele Lastwagen, die Erde wegtransportiert haben», erkundigt sie sich. Tatsächlich: Unter der spriessenden Wiese zwischen Alt- und Neubau ist ein Archiv für Bechtlers Sammlung entstanden. Und ein Seminarraum. Für grössere Ausstellungen oder Workshops. Bechtler wünscht sich, dass dort einmal Kinder Kunst machen.

Eine Familie von Mäzenen

Während ihre Brüder Thomas und Rudolf Bechtler zeitgenössische Künstler wie Pipilotti Rist, Peter Fischli und David Weiss unterstützen, haben es Katrin Bechtler die Jungen angetan. Auch bei den Besuchern: An der Eröffnung kommende Woche sind nur unter 30-Jährige eingeladen. Bechtler setzt sich mit ihrer Stiftung für junge Frauen ein. Sie will ihnen helfen, ihre Begabung wirtschaftlich zu erschliessen. Dazu schreibt sie unter anderem einen Erfinderinnenpreis aus. Prämiert wurde schon ein Zickzackkamm, mit dem sich ein gezackter Mittelscheitel ziehen lässt. Die glücklichen Gewinnerinnen verzichteten allerdings auf eine Kommerzialisierung. Auch weil die Frisur inzwischen wieder aus der Mode gekommen ist.

Bechtler zeige einen witzigen Mut, «oder ist es ein mutiger Witz?», sagt Architekt Manuel Herz über seine Auftraggeberin. Er finde das erfrischend. Gerade in Zürich, wo vieles brav und angepasst sei. «Bechtler ist von einer Offenheit, die ihresgleichen sucht. Sie lässt die Dinge zu.» Manchmal auch das Ungeziefer: Im Keller erschuf der Hamburger Oliver Ross 2004 eines der ersten Werke: «Wo ist mein Gehirn?», eine Innenwelthypothese, wie er es nennt. Ein psychedelisches Abfall-Sammelsurium in Leuchtfarben, würde der Laie sagen. «Man konnte seinen eigenen Güsel mitbringen», sagt Bechtler, noch immer begeistert. Dass der Abfall allerhand Getier anlockte und entfernt werden musste und dass die Feuerpolizei an den Einbauten und dem vielen Plastik wenig Freude hatte, trübt ihre Begeisterung nicht. Bechtler nimmt es einfach hin.

Nur der Name ist halluzinogen

Sieben Leute aus der Stadtverwaltung habe sie eingeladen, sich ihre Pläne für die Villa anzusehen, sagt sie. «Gekommen sind sie erst, als ich die farbigen Rollläden montierte.» Pink im Parterre, Gold im ersten Stock, Blau im Zweiten. Zu wild für die Denkmalpflege. Auch die Gartendenkmalpflege zeigte sich besorgt. Wegen der toten Bäume, die plötzlich im Garten standen. Was denn mit ihnen geschehen sei, fragte man. Es waren bloss die Bäume, die dem Neubau hatten weichen müssen. Bechtler hatte sie etwas stutzen und im verbliebenen Garten aufstellen lassen, «mein Baummuseum».

Mancher Nachbar vermutet im Haus mit dem verwilderten Garten eine verrückte Alte. Der Name «Chemicalmoonbaby» tönt ja auch, als sei er durch halluzinogene Substanzen inspiriert. Bechtler winkt ab. Die Geschichten, die sie über ihr Haus erzählen kann, sind auch so farbig genug: beispielsweise vom süchtigen Besetzer, der im Baumhaus auf ihrem Grundstück wohnte, Strom und Wasser von der Villa in sein kleines Reich gezogen hatte und es dann mit immer neuen, bildhübschen Frauen teilte. «Ich weiss wirklich nicht, was die an dem fanden», sagt Bechtler.

Die Besetzer waren gekommen, noch bevor Bechtler mit der Renovation beginnen konnte. Doch sie liess sie gewähren. «Die Besetzer waren es auch, die zum ersten Mal die Polizei riefen», erzählt sie vergnügt, «die haben dann die falschen mit auf den Posten genommen, die Bauarbeiter.» Bechtler lacht ein leises, gluckendes Lachen. Witz und Ernst, Chaos und Kunst, Realität und Fiktion: In Bechtlers Haus und Garten kommt alles zusammen. Überzeugen kann man sich davon ab dem 3. Juli zur Wiedereröffnung ihrer Kunstbaustelle oder bei einer Wohnungsbesichtigung.

Danach wird es ruhiger im Garten. Die Füchse werden wohl zurückkehren. Darauf, dass die Ruhe anhält, sollten sie sich besser nicht einstellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2017, 13:44 Uhr

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