Zürich spritzt, wie Zürich bebt

Am Mittwoch wird das Aquaretum vor dem Hafen Enge eingeweiht. Wir waren zu Gast bei der exklusiven Vorpremiere des neuen Wasserballetts.

Das ist bloss das Modell: Das Aquaretum en miniature zeigt die seismischen Aktivitäten live im Kleinen.

Das ist bloss das Modell: Das Aquaretum en miniature zeigt die seismischen Aktivitäten live im Kleinen. Bild: Reto Oeschger

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Was entsteht, wenn eine mächtige griechische Gottheit mit Hilfe eines leistungsfähigen Computers zwölf Wasserstrahlen aus dem Zürichsee heraus choreographiert? Ein Kunstwerk mit Namen Aquaretum: Zwölf Chromstahlkugeln, drei an jeder Ecke eines riesigen Quadrats vor dem Hafen Enge. Aus jeder Kugel schiesst ein Wasserstrahl in die Höhe, die zwölf Strahlen tanzen miteinander – es ist wie Wasserballett, Wasser, das Ballett tanzt.

Was hier geboten wird: ein feuchter Pas de douze.

Je eine Kugel pro Ecke steht für die Beschleunigung, die Geschwindigkeit und die Distanz. Poseidon führt Regie, grosser Gott der Erdbeben, zwölf Fontänen vertanzen die seismische Kraft unter der Erdoberfläche. In Echtzeit, gekoppelt an den Hauptrechner des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich. Was wir da sehen, ist keine Hauptprobe, es ist eine Vorpremiere. Denn die Choreographie des Aquaretums wird sich nie wiederholen, kein Tanz ist wie der andere – elegant sind sie alle. Dazu spielt Ravels «Jeux d’eau» im Hinterkopf, in der Endlosschlaufe.

Per Knopfdruck schaltet sich Poseidon ein

Morgen Mittwoch wird dieses Ballett das erste Mal für die Öffentlichkeit auftreten, auf Zürichs grösstmöglicher und wandelbarsten Bühne, dem Zürichsee. Die Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG finanziert das neue Aquaretum, wie sie schon das alte finanziert hat, anlässlich ihres Jubiläums vor mehr als zwanzig Jahren. Vergangene Woche hat sie eine exklusive Vorpremiere für die Leserinnen und Leser des «Tages–Anzeigers» ermöglicht.

Das Aquaretum entworfen haben die Zürcher Fischer Architekten AG gemeinsam mit dem Zürcher Klangkünstler Andres Bosshard. Ein Mitarbeiter des Architekturbüros steht unter dem Vordach der Bootsvermietung, damit sein Mobiltelefon nicht nass wird. Im Regen erscheint das Wasser wie wogendes Quecksilber. Vor der Bootsvermietung tanzen nervös die vertäuten Boote auf dem See, sie halten sich an keine Choreografie.

Klar bis zum Scheitel

Per Knopfdruck startet er die Installation, die zwölf Edelstahlkugeln pumpen sich mit Wasser voll, insgesamt zehn Tonnen, sinken langsam auf den Seespiegel ab, dann beginnt das Wasserspiel. Poseidon wird jetzt zugeschaltet. Die zwölf Strahlen wachsen langsam und andächtig in die Höhe, bis zu dreissig Meter schiessen sie in den Himmel. Ein Aspekt der Kunst besteht in der Pumptechnik, die das Wasser beinahe verwirbelungsfrei aus den Edelstahlkugeln schiesst – der Strahl bliebt bis kurz unter dem Scheitelpunkt klar und rein, dann erst zersetzt er sich. Er bildet nachlassende Bewegungen aus der Unterwelt in dicken Tropfen ab, nimmt die Aktivität unter dem Boden wieder zu, zeigt sich das in feiner Gischt hoch über dem Wasser.

Beschleunigung, Geschwindigkeit und Distanz finden ihre tänzerische Entsprechung. Die Strahlen bilden Formeln ab – sieht man sofort, wenn man das Auge dafür hat. «Sehr mathematisch», finden Jesse Fraser und Cohen Aitchison-Dugas. Die beiden Tänzer des Balletts Zürich sehen weitere Parallelen zu ihrem Beruf. Etwa, dass ein Strahl alleine nur wenig repräsentiert, «erst das Zusammenspiel aller Wasserstrahlen kreiert etwas Schönes». Genau wie beim Ballett.

Trailer - Emergence: Emergence - Ballett Zürich.

Tänzerisch wird es in den Momenten, in denen die seismische Aktivität nachlässt und sich dann wieder aufbaut. Zusammenkommen, sich vereinen, auseinandergehen, sich vereinzeln, «typische Elemente des Balletts», sind sich Fraser und Aitchison-Dugas einig. Die Strahlen bewegen sich wie Körper, drehen sich, geraten ins Schlingern. Mit einem gewaltigen Unterschied: Die Wasserstrahlen machen keine Fehler. Später schicken die Tänzer Videos von Opernhaus-Produktionen, an die sie sich spontan erinnert fühlten: «disTanz» von Filipe Portugal sowie «Emergence» von Crystal Pite.

Trailer - Corpus - Ballett Zürich.

Je nach Winkel wirkt das Wasserspiel im Seebecken ganz anders. Dreidimensional und mit viel Tiefe, oder schlank und ausgesprochen vertikal. Maurice Ravel schrieb zu seinem Stück «Jeux d’eau» ein Zitat des Schriftstellers Henri de Régnie: «Ein Flussgott, der lacht, weil ihn das Wasser kitzelt». Ob Poseidon ebenfalls kitzlig ist? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.05.2019, 16:38 Uhr

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