Zürichs letzte Ritter

Ein geheimnisvoller Männerbund regiert das «Reych Schlaraffia Turicensis» mit Schalk und Witz.

«Steht auf ihr seid Ritter», «Lulu!»: Besuch bei einem der ältesten Vereine Zürichs. Video: Anja Stadelmann

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Die Suche nach der Heimat dieser Ritter des geheimnisvollen «Reyches Schlaraffia Turicensis» führt durch eine abgelegene Quartierstrasse in Zürich-Höngg. Einzig ein Signet mit der Zeichnung eines Uhus lässt vermuten, dass sich im unscheinbaren Betonbau ein Vereinslokal verbirgt. Zwischen Lethemond 5 und Ostermond 6 – also in den Wintermonaten – treffen sich die Mitglieder des Männerbunds wöchentlich hier, um dem Ritterleben zu frönen.

Ritter Piz-Arch alias Charles R. Kälin führt durch einen Raum, den er liebevoll «unsere Vorburg» nennt. Der Mann ist von grosser Statur, und unter seiner Brille blitzen die blauen Augen verschmitzt hervor. An der Wand hängt ein Bild, das die Vereinsritter der Gründungszeit zeigt. Sie tragen noch Plattenpanzer und Helm. Derweil bestehen die heutigen Rüstungen aus blau-weissen Umhängen und Narrenmützen – «ist bequemer», sagt Piz-Arch. Gewicht erhalten die Gewänder mit der Zeit dann doch – durch Dutzende Pins, Medaillen und Abzeichen für hervorragende Leistungen.

Einem Vogel zu Füssen

Gegründet wurde die Schlaraffia 1859 von deutschen Theatermännern in Prag. Diesen sei die Aufnahme in die geachtete Künstlerloge verwehrt geblieben: «Um ihre Kunst hochleben zu lassen, gründeten sie einen Proletarierclub», sagt Piz-Arch. Bald schon expandierten sie erfolgreich: So bestehen heute über 250 Schlaraffia-Reyche – selbst in Ländern wie Brasilien, den USA oder Japan. Ihnen gemeinsam ist, dass sie dieselben Riten feiern und die Mitglieder Deutsch sprechen – gemixt mit ein paar Wörtern Schlaraffen-Latein. Auch das Zürcher Reich Turicensis hat Tradition: Es existiert bereits seit 1880.

Ritter Piz-Arch alias Charles R. Kälin trägt seine Rüstung seit 42 Jahren. Foto: Sabina Bobst

«Lulu dir!», begrüsst Piz-Arch seine Freunde. «Lulu euch!», schallt es zurück, und für einen Augenblick scheint die Welt zurück in Zeiten des Dadaismus. Und da ist er wieder, dieser Uhu – diesmal ein ausgestopftes Exemplar. Vor ihm verneigen sich diese Herren, wenn sie den als Rittersaal ausstaffierten Gewölbekeller betreten – begleitet vom Ausruf: «Uhu.» «Als ich meiner Frau von diesem Brauch erzählte, dachte sie, ich spinne», sagt Piz-Arch. Er, der sich so oft beschwerte, dass er im Militär die Fahnen habe grüssen müssen, verneigt sich nun vor einem Vogel? «Für uns ist es eine Geste, die bedeutet, dass wir die Profanei, also den Alltag, hinter uns lassen», sagt der 84-Jährige. Der Uhu passe als Tier der Weisheit auch gut zu den Kernwerten der Ritter: «Bei uns stehen Kunst, Freundschaft und Humor im Zentrum. Politik, Religion und Geschäfte sind derweil Tabu», sagt Piz-Arch und erzählt sogleich vom geschmückten Uhubaum, der den Weihnachtsschmuck ersetzt.

Unsichtbare Frauen

Die «Atzung» (Übersetzung im Schlaraffen-Lexikon unten) an diesem Abend, Pastetli mit Brätkügeli, ist vorbei. Neben den Rittern nehmen an einem separaten Tisch die dünn gesäten Nachkömmlinge – also die Junker und Knappen – unter ihrem Junkermeister Platz. «Die darf man nie allein lassen», sagt Piz-Arch.

«Tam-Tam», ein Gong erklingt, die Ritter erheben sich: «Schlaraffen hört», verkündet der Oberschlaraffe, der auf einem Thron weilt. Er eröffnet die Sippung Nummer 3964. Doch bevor die Feierlichkeiten beginnen können, muss noch ein Problem gelöst werden: «Mit der Journalistin und der Fotografin sind zwei Frauen eingeritten», säuselt er. Damit diese in dieser Männerhochburg verweilen dürfen, greifen die Ritter in die Trickkisten: «Ich kleide euch mit Uhu, so seid ihr unsichtbar.» Und so wurden die beiden fortan behandelt. Man habe aber gar nichts gegen Frauen, betont Ritter Piz-Arch. «Im Gegenteil: Wir haben sie choge gern.» Doch entstünde eine andere Art von Spannung, wenn beide Geschlechter zusammenkommen. Als Dank für die Unterstützung der Weiblichkeit (beispielsweise beim Annähen der Auszeichnungen auf dem Ritterumhang) und deren Verständnis für ihr Treiben werden den Burgfrauen dreimal im Jahr die Tore geöffnet.

Nach einer «Schmuspause» wird die Sippung schöngeistig.

Plötzlich stimmen die Herren ein Lied an: «Ein Abend in Schlaraffia muss das Gemüt erhöhen.» Dann folgt der sogenannte Einritt der Besucher aus anderen «Reychen» – heute unter anderem aus Solothurn, Luzern und Winterthur. Mit Holzschwertern ausgerüstet, bilden die Heimischen ein Spalier. Ritter mit klingenden Namen wie Ysfogel, Cantus oder Altlas spazieren ein – unter lauten «Lulus» und «Ehes» werden sie vor die Stufen des Throns gebeten und überreichen da dem Oberschlaraffen Gastgeschenke. «Herfüragend» klingt es von diesem zurück. Übrigens: Beim Ritterschlag kann der Junker aus drei Vorschlägen seinen Namen wählen – alle weisen eine Eigenschaft aus dem Leben des werdenden Ritters aus. Piz-Arch beispielsweise verdankt seinen Namen dem Umstand, das der pensionierte Architekt oft von den 20 Jahren schwärmt, die er mit seiner Familie in einem Haus in Marmorera beim Julier Pass verbracht hat.

Verspielt: Durch ein Spalier aus Holzschwertern treten die Ehrenritter ein. Foto: Sabina Bobst

Nach einer «Schmuspause» wird die Sippung schöngeistig – Zeit für die sogenannten Fechsungen. «Dies kann alles sein – von einem Musikstück über einen witzigen Vortrag bis zum selbst verfassten Gedicht», erklärt Piz-Arch. Es ist dieser Teil, der ihn vor 42 Jahren zum Beitritt bewogen hat: «Es war ein super Ausgleich zu meiner profanen Tätigkeit – verweilen in Muse und Kunst und dabei das Geschäftliche vergessen.»

«Küssen ist keine Sünd», singt Ritter Summton. Ritter Clavidur spielt Jazz. Ritter Steinfex gibt ein selbst verfasstes Gedicht zum Auto auf dem Glatteis vom Rednerpult zum Besten: «Die Bremse hält nicht lang mehr stand, so bremse ich mit der Hand.» Dafür fordert der Oberschlaraffe von seinen Untertanen «drei donnernde Lulus» und lässt dem Künstler die Wahl: Schoggi aus der Schatzschatulle oder doch lieber einen Schluck «Brandlethe».

Tiefe Freundschaft

Was für Piz-Arch die schönste Sippung gewesen sei? «Die erste Ahalla-Feier für unsere verstorbenen Freunde», sagt er und führt zu einem weissen Kasten, in dem Fotografien von den Ehemaligen geborgen sind. Piz-Arch war noch Knappe, als er miterlebte, wie die Ritter die Schwerter auf die Achsel nahmen und sich dreimal vor dem Kasten verneigten: «Diese Ehrerbietung, diese tiefe Freundschaft, hat mich damals unglaublich beeindruckt.» Hier in der Schlaraffia würden Verbindungen entstehen, die nachklingen und gegenwärtig sind, auch wenn einmal ein Platz an der Rittertafel leer bleiben würde.

Zwei Stunden später erklingen an diesem Abend ein letztes Mal die tiefen Männerstimmen, Schulter an Schulter stehen sie: «Die Mitternachtsstunde, sie ist wieder da, lasst scheiden uns, Brüder, in Uhu, aha; den Helm jetzt vom Haupte, das Schwert von der Seit. Ach! Scheiden, ihr Brüder, bringt Sorgen und Leid!» Dann verwandeln sie sich zurück in pensionierte Architekten, Anwälte, Sänger – einzig erkennbar durch eine feine Nadel mit Perlenknopf am Anzug.

Kontakt: schlaraffia-turicensis.ch oder c.r.kaelin-architekt@bluewin.ch

Schlaraffen-Latein für Anfänger

Labung, laben: Getränk, trinken

Atzung, atzen: Speise, speisen

Lunte, Luntette: Zigarre, Zigarette

Ausritt, ausreiten: Reise, reisen

Benzinross: Auto

Quasselstrippe: Telefon

Uhuversum: schlaraffisches Weltall

Sassen: Mitglieder der Schlaraffia

Profane: Nichtschlaraffen

Sippung: Sitzung in der «Burg»

Erstellt: 20.02.2019, 16:07 Uhr

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