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Zwei vergessene Zürcher Originale

Das Leben von Bernhard Vogelsanger und Walter Baumann war Kunst, als grosse Künstler galten sie dennoch nie. Nun zeigt das Musée Visionnaire Werke der beiden.

Das Musée Visionnaire bietet zwei Zürcher Originalen eine Bühne.
Das Musée Visionnaire bietet zwei Zürcher Originalen eine Bühne.
Samuel Schalch
Opern im Kleinformat – gefertigt aus Karton in der Grösse von Schuhschachteln – waren die Leidenschaft von Bernhard Vogelsanger.
Opern im Kleinformat – gefertigt aus Karton in der Grösse von Schuhschachteln – waren die Leidenschaft von Bernhard Vogelsanger.
Samuel Schalch
Papagena und andere schräge Vögel heisst die Schau, die im kleinen Museum bei der Predigerkirche noch bis im Juli zu sehen ist. Ausgestellt sind auch zwei Ganzkörpermasken von Lavinia Schulz, etwa «Bertchen» (im Bild).
Papagena und andere schräge Vögel heisst die Schau, die im kleinen Museum bei der Predigerkirche noch bis im Juli zu sehen ist. Ausgestellt sind auch zwei Ganzkörpermasken von Lavinia Schulz, etwa «Bertchen» (im Bild).
Samuel Schalch
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Bernhard Vogelsanger:

In seinem Kleiderkasten hingen Nietengürtel und ein Leoparden-Tanga und auch unzählige Kartonfigürchen an feinen Drähten. Figuren aus bekannten Opern. Mit ihnen spielte Vogelsanger im Kinderzimmer seiner Genossenschaftswohnung in Schwamendingen die Klassiker nach. «Undine» von Lortzing, Puccinis «Tosca», Verdis «Aida». 80 Werke hatte Vogelsanger im Repertoire. Er spielte sie auf Schuhschachtelbühnen, mit Musik vom Grammofon. Samstags lud er zum Spektakel eine Handvoll Leute ein, 40 Jahre lang. Bis zu seinem Tod 1995.

Vogelsanger stand beim Spiel hinter einem schwarzen Vorbau mit Gucköffnung für die Bühne. Selbst gefertigt, wie die Schachteln und die Bühnenbilder. Sie stapelten sich unter seinem Bett. Er überlegte sich für jede Oper eine eigene Inszenierung und malte für die Musikplatte ein passendes Cover. Musste er die Platte drehen, überbrückte er mit einigen Takten Gesang. Später trat er vor die Bühne und erklärte das Geschehen. Den Zuschauerraum kleidete er mit rotem Krepppapier aus und bestuhlte ihn mit Theatersesseln. In der Pause gab es Brötchen und Wein, umsonst wie die Vorstellung. Er tat es für sich. Die Oper war seine Leidenschaft.

Sie begann mit einem Besuch von Verdis «Simone Boccanegra» mit der Sekundarschule. Seither wollte er Bühnenbildner werden. Doch die Ausbildung blieb dem Sohn mittelloser Eltern verwehrt. Er wurde Dekorateur beim Globus. Hatte er Geld beisammen, besuchte er die Oper. Ein Jahr lang sang er auch in deren Extrachor mit. Da begegnete er dem damaligen Bühnenbildner, was ihn für seine eigenen Opern inspirierte.

Es gab auch den extrovertierten, lauten Vogelsanger. Diverse Heavy-Metal-Platten gehörten zu seiner Sammlung, gerne drehte er in der AC/DC-Lederjacke eine Runde auf der Schwamendinger Chilbi. Und dicke Ringe schmückten jene Finger, die Samstag für Samstag in der kleinsten Oper der Welt jeweils feinste Bewegungen ausführten.

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Bernhard Vogelsanger (links) und Walter Baumann.
Bernhard Vogelsanger (links) und Walter Baumann.

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Walter Baumann:

Kunstmaler, Poet, Liedermacher, Sänger, Kneipenphilosoph, Bäcker, Erfinder. Diese Berufsbezeichnungen standen im Juni 1993 in seiner Todesanzeige. Walbaum, geboren 1915 «als Ausdruck der Kriegskrise». Der Mann mit dem schlohweissen Bart und dem wehenden Haar hatte 24 Jahre an der Chorgasse im Niederdorf gelebt. Von allen geliebt, weil er sich ohne Aufheben in Szene setzte. Bereits als Jugendlicher hatte er intuitive Gedankengänge aufgeschrieben. Er spielte mit der Sprache, kritzelte auf Bierdeckel, zu was Zürich ihn inspirierte. Er dichtete den Slogan «Rhäzünser isch gsünser» und schrieb für die Minstrels (Stirnimaa) Liedtexte. Manchmal trug Walbaum im Theater Stok seine Texte vor, da bekam er auch sein Pseudonym.

Seinen Unterhalt verdiente er als Flachmaler. 1985 bekam er den Auftrag, für Mövenpick eine Wand in Zürich zu verschönern. Er zeichnete Möwen und Wolken und schrieb dazu poetische Zeilen über ihr Picken, ihr Kommen und Gehen – wie das der Wolken. Der Auftraggeber bezahlte ihm das Gehalt eines Flachmalers, doch Kunstfreunde setzten sich für ihn ein. Die Serenade zum Lindenhof druckte er auf lindengrünes Papier, klebte ein Lindenblatt auf den Deckel und besprühte jedes Exemplar mit Lindenblütenparfüm. Das Lied dazu spielte er auf einer selbst gebauten Flöte aus Schnapsfläschchen.

Zuweilen war er auch Schauspieler. In Theaterstücken, im Film «Im Auftrag des Drachen» spielte er einen Statisten, der Clint Eastwood auf der Münsterbrücke trifft. Seine treuste Begleiterin war die Lambretta, mit Pseudonym verschönert. Einmal fuhr er nach einer Vorstellung mit Sängerin La Lupa auf dem Sozius aus dem Aargauischen ins Niederdorf.

Papagena und andere schräge Vögel: Musée Visionnaire, bis 28.7. Vernissage heute 18 Uhr. Sofagespräch mit Kurt Aeschbacher: 24.1., 19.30 Uhr.

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