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Bin Ladens letzte Show

Al-Qaida?Es wird auch künftig Attentate geben. Doch politisch ist Bin Laden gescheitert. Neue Akteure stottern das Heldenepos nur nach. Von Olivier Roy * Zwei Todesfälle – und ein Zufall. Der arabische Frühling bedeutete den politischen Tod der al-Qaida. Kurz darauf folgte nun der physische Tod ihres charismatischen Chefs Osama Bin Laden. Diese Chronologie wirkt wie eine ironische Logik. Sie ist ein Zufall. Was doch nicht alles passiert ist in zehn Jahren: Nach dem Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Centers wähnten wir uns auf dem Gipfel des Kampfes der Zivilisationen. Und nun hat sich in der arabischen Welt die politische Kultur überschlagen. Die Faszination für charismatische Leader wie Nasser, Boumediène oder Khomeini ist überwunden. Ihre Nachfolger waren nur kleine Despoten. Die grossen Mythen sind entzaubert: der Panarabismus, der Panislamismus, die reflexartige Verteidigung des palästinensischen Volkes. Und auch die ständige Beschwörung eines imperialistischen oder zionistischen Komplotts, wie sie die Despoten jedes Mal bemühten, wenn sie unter Druck gerieten, wirkt nicht mehr. Doch nicht nur die Diktatoren argumentierten so, auch die al-Qaida. Sie hatte den arabischen Völkern im Aufbruch nichts zu bieten und verbreitete mit radikalem Islamismus nur Pessimismus. Bin Laden traute den muslimischen Gesellschaften nicht zu, sich zu erneuern. Man hat schlicht vergessen, dass die al-Qaida nie eine Partei mit Massenwirkung war. Sie schaffte es nicht, die Gesellschaften mit ihren militanten Netzen zu durchdringen. Sie konnte sich weder in Ägypten noch im Libanon oder in Palästina festsetzen. Im Nahen Osten ist ihre Geschichte ein einziges Scheitern. Es gelang ihr nicht, eines der Regimes in der Region, die sie so verachtete, zu bedrohen. Stattdessen implodierten einige dieser Herrschaftssysteme nach ein paar wenigen Wochen des friedlichen Volksprotests.Noch etwas wird immer deutlicher: Die al-Qaida existiert nur dank ihrer spektakulären Operationen und deren Inszenierung. Die Organisation braucht dafür die Medien – die Bilder, die Show, die Spannung. Man soll sich dauernd fragen: Wann schlägt die al-Qaida zu? Wo sind ihre schlafenden Zellen, die Trainingscamps? Das funktionierte bisher immer. Auch heute wieder: Es heisst, die al-Qaida werde sich ganz bestimmt rächen. Die Organisation braucht also gar nicht mehr zu existieren, um zu sein.Die Faszination, die die al-Qaida auf ihre Gefolgsleute ausübt, leitet sich von einem kultivierten Heldenepos ab. Ein isoliertes Individuum rächt das Leiden einer globalen und virtuellen Glaubensgemeinschaft mit einem Anschlag. Mit seinem Tod wird er zum Helden. Zentral ist dabei die Inszenierung: Der Selbstmordattentäter kündigt seine Tat öffentlich an; die Kameras laufen, wenn Geiseln mit einem makabren Ritual hingerichtet werden. Und die Medien setzen die Inszenierung dann fort – gratis. In einer Endlosschlaufe zeigen sie die Bilder der Angriffe auf das World Trade Center und jene aller Anschläge mit westlichen Opfern. Erst dieser Spiegeleffekt verleiht der al-Qaida eine globale, apokalyptische Dimension und damit ihre schädliche Kraft. Selbstverliebt und morbid Bin Ladens «Triumph» war also, dass er die Mediensphäre so lange besetzt halten konnte und den Westen damit zwang, ihn ins Zentrum aller Ängste zu stellen. Der Medienzirkus, der nach der Ankündigung seines Todes eingesetzt hat, ist die letzte Inszenierung eines grossen Schauspielers, der auf der Bühne starb. Für Bin Laden war der Terrorismus nie ein Zweck, sondern das eigentliche Ziel. Das haben die «arabischen Massen» sehr schnell begriffen: Bin Laden interessierte sich nie für ihre Sache. Er interessierte sich nur für die Sache – seine Sache. Al-Qaidas Terrorismus lebte von diesem selbstverliebten und morbiden Trieb. Das erklärt den Erfolg, den die Organisation bei jungen Überdrehten hatte. Und das erklärt, warum die al-Qaida politisch scheiterte. Für die romantische Ebene brauchte es nur die charismatische Figur Bin Ladens, ihn allein. Natürlich, sein Gespenst kann weiterhin Terroristen inspirieren. Es wird auch künftig Attentate geben. «Fans» werden versuchen, die Flamme am Lodern zu halten. Doch die neuen Akteure stottern das alte Heldenepos nur nach. Das Publikum ist erschöpft, ja gelangweilt. Die apokalyptische Tragödie, die dem Terror zu Osama Bin Ladens Lebenszeit innewohnte, wird den vermischten Meldungen Platz machen. Aber klar: Auch vermischte Meldungen können tödlich sein. * Der Franzose Olivier Roy ist ein renommierter Islamkenner. Er unterrichtet am Europäischen Institut in Florenz.Übersetzung: Oliver Meiler. Osama Bin Laden und Nachfolger Ayman al-Zawahri 1998. Foto: M. Ali Khan/DAPD Key

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