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Brennt Tunis, brennt auch Marseille

Die Tunesier in Frankreich verfolgen mit Hoffnung und Schrecken die Revolte in ihrer Heimat. Die Angst vor dem Regime ist noch immer gross. Selbst im Exil.

Von Oliver Meiler, Marseille Karim warnt nun schon zum dritten Mal: «Die Bilder sind nur schwer erträglich», sagt er. Sein Handy lädt ein Video aus Kasserine, aus dem Krankenhaus der tunesischen Provinzstadt, 75 000 Einwohner im Zentrum des Landes, wo die Zusammenstösse zwischen Polizei und Demonstranten bisher besonders blutig waren. Es ist ein Amateurvideo auf Facebook, dem Organisationsmotor der tunesischen Revolte. Er dreht den Ton lauter, die Bilder sind klar. Man sieht Ärzte, wie sie Männern den durchschossenen Brustkorb massieren. Man sieht auch weinende Frauen, die durch die Gänge rennen, auf der Suche nach ihren verletzten Kindern. Und man sieht einen jungen Mann, dem die Hälfte des Hirns aus dem Schädel hängt. Es sind schreckliche Bilder. «Ich habe Sie ja gewarnt», sagt Karim*, 32, Sohn von tunesischen Emigranten, geboren in Marseille, der in diesen Tagen der grossen Wirren im ständigen Kontakt mit seinen Verwandten in der Heimat ist. Wir sitzen in einem Teehaus im arabischen Viertel von Marseille. Draussen brüllen noch immer einige Hundertschaften Tunesier, die zu einer Solidaritätskundgebung zusammengefunden haben, ihre Wut aus dem Leib. «Ben Ali, assassin!» – «Ben Ali, Mörder!» Drinnen läuft eine politische Talkshow auf al-Jazeera. Über Tunesien. Das tunesische Regime verwehrt ausländischen Fernsehteams den Zugang zum Spital von Kasserine. Karims Bilder gibt es nur auf Facebook. «Die Maske ist gefallen», sagt er, «dass Frankreich, das Vaterland der Menschenrechte, nicht klar Stellung bezieht, ist einfach nur schockierend, ein Skandal, aber nicht überraschend.» 700 000 Tunesier leben in Frankreich, viele von ihnen in Marseille, wo sie sich der Heimat am nächsten fühlen, wo sie Patisserien und Restaurants haben, Sport- und Kulturvereine, wo mehrmals die Woche eine Fähre nach Tunis im Hafen steht. Wenn Tunis brennt, brennt Marseille mit. In der Diaspora erzählt man sich viele Geschichten über die komplizenhafte Nähe zwischen französischen Politikern und Parteien, rechten wie linken, und dem Regime von Zine al-Abidine Ben Ali. «Die werden wie Fürsten behandelt, wenn sie zu uns in die Ferien kommen. Und die Parteien erhalten wohl Geld», sagt Hedi, 42, Kurier. Er ist aus Kasserine, er zeigt seinen Pass. Seine Geschwister leben noch immer dort, Hedi ist gewissermassen ihr «Sozialhelfer». Sein Bruder ist Ingenieur und Agronom, «Bac +8», sagt Hedi stolz. Er hat also nach der Matura, dem «Bac», acht Jahre an der Universität studiert, hat sich spezialisiert – und ist jetzt arbeitslos. «Damit er einen Job in einer einfachen Internetbude bekommt, muss ich 8000 Euro nach Tunesien schicken», sagt Hedi. Schmiergeld. Die Korruption erdrückt die Tunesier. Für seine Schwester, «Bac +6», schickte er 4000 Euro. Jetzt arbeitet sie als Primarlehrerin. Die Spitzel aus der Heimat Wenn er mit ihnen telefoniert, braucht er nur Codewörter. «Die Angst vor dem Regime sitzt tief», sagt er, «die hören immer zu, das Regime weiss alles über jeden, das Land ist klein. Und sie können dich auf so viele Arten schneiden. Am Zoll zum Beispiel, wenn du in die Ferien fährst und Geschenke mitbringst. Die nehmen sie dir dann einfach weg oder erheben einen unsinnig hohen Importzoll, um dich zu bestrafen.» Jetzt setzt sich Marwan dazu, Mitte 50, Immobilienagent, modische Lederjacke. Vor einigen Jahren, erzählt er, habe er nach Tunesien zurückkehren wollen, um dort zu leben. Marwan kaufte ein Haus. «Fünf Minuten vom Strand, wunderbar.» Doch schon in der ersten Woche hätten ihn zwei Polizisten angehalten: «Was willst du da?» Er habe nicht bezahlen wollen. Nach nur zwei Monaten zog er wieder zurück nach Marseille. «Der Käfig ist unerträglich», sagt er, «ich habe mich in Tunesien mehr vor den Polizisten gefürchtet als in Marseille vor den Banditen.» Er lacht, wiederholt den Satz, weil er ihn so passend findet. Die Angst verfolgt die Tunesier aber bis ins Exil. Keiner der Gesprächspartner will seinen wahren Namen in der Zeitung lesen, alle schauen sich beim Gespräch dauernd um. «Das Regime hat ihre Spione auch hier, unter den Unsrigen», sagt Karim. «Wir kennen sie, es sind einfache Leute ohne Bildung, die sich leicht anwerben lassen. Und die verpetzen ihre Landsleute problemlos, wenn sie dafür bei der nächsten Reise einen neuen Fernseher zollfrei einführen können.» Doch ein bisschen bröckelt die Angst jetzt. «Sie wechselt gerade das Lager», sagt Hedi. Ben Ali habe falsch kalkuliert: Solange das Volk ungebildet gewesen sei, habe er es besser knechten können. «Nun ist das Volk aber überdiplomiert. Und diese grosse Schar junger Diplomierter hat keine Jobs, sie sind frustriert, fühlen sich entwürdigt, sie werden sich so schnell nicht mehr setzen.» – «Wer hätte das für möglich gehalten?», sagt Marwan. «Dieser plötzliche Dammbruch. Bei aller blutiger Tragik: Das ist der schönste Moment meines Lebens.» In den französischen Banlieues werde es darob keine Unruhen geben, sagt Karim, auch nicht wegen der stillen Duldung der Repression durch die französische Politik: «Wir Tunesier sind Diplomaten, keine Extremisten, schüchtern und sanft veranlagt.» Und Hedi, der «Sozialhelfer» seiner Familie in Kasserine, sagt: «Ich habe nicht das Mittelmeer überquert, um hier alles kleinzuschlagen und meine Stelle zu riskieren.» Was nun kommt, wagt niemand vorherzusagen. Man hört den Experten zu, die auf al-Jazeera animiert diskutieren. Nach 23 Jahren harter Diktatur ist eine Prognose schwierig. Doch schon die Aussicht, dass sich etwas ändern könnte, nährt Hoffnungen. Auch im Exil. * Alle Namen sind geändert. Taoufik Ben Brik über seine Heimat, Seite 9 Das tunesische Regime verwehrt ausländischen Fernsehteams den Zugang zu einem Spital. In Marseille lebende Tunesier protestieren gegen Präsident Ben Ali.Foto: Reuters

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