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Bruno Ganz las im übervollen Kirchgemeindehaus

Der Leseverein Kilchberg hat einen der ganz Grossen verpflichtet. 300 Leute – zehnmal mehr als sonst – packten die Chance. Bruno Ganz enttäuschte sie nicht.

Von Sibylle Saxer Kilchberg – Unscheinbar wirkt Bruno Ganz, wie er hinten in den Saal schlüpft und die gut gefüllten Stuhlreihen entlang zum Lesepult geht. Nur einen scheuen Blick wirft er ins Publikum, während er sein Buch aufschlägt und sagt «Schön, dass Sie da sind.» Fast überstürzt beginnt er zu lesen. Es ist, wie wenn er sich hinter Winfried Georg Sebalds Erzählung «Il ritorno in Patria» verstecken wollte. Es scheint ihm unangenehm zu sein, dass er die 300 Leute mobilisiert hat, die dicht an dicht im reformierten Kirchgemeindehaus Kilchberg sitzen, Kilchbergerinnen und Kilchberger, aber auch Auswärtige. So viele sind gekommen, dass vor dem Kirchgemeindehaus ein Verkehrsdienst nötig war und im Saal noch zusätzliche Stühle herbeigeschafft werden mussten. Dabei geht es Bruno Ganz doch ganz um den vor zehn Jahren verstorbenen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Sebald. Der ist zwar heute einer der international meist diskutierten deutschsprachigen Autoren. So richtig entdeckt wurde er aber erst ab 2000, besonders unter der Ägide von Susan Sontag. Ganz selbst hat Sebalds Texte vor rund zehn Jahren kennen und lieben gelernt, wie er im persönlichen Gespräch verrät, besonders «Il ritorno in Patria». Der Text – eines von vier Kapiteln aus «Schwindel. Gefühle» (1990) – erzählt vom Besuch eines Ausgewanderten in sein Heimatdorf W. im deutschen Allgäu: ein Erinnerungstext von knapp 100 Seiten voller Doppelbödigkeiten – ein Sebald-Kleinod. Ein Kleinod, dessen verschachtelte Sätze, wie in anderen Sebald-Texten auch, beim Lesen einiges an Konzentration verlangen, will man nicht den Faden verlieren. Doch noch Blickkontakt Derlei braucht einen nicht zu kümmern, wenn Bruno Ganz Sebald liest. Mit seiner charakteristischen, leicht rauen Stimme und mit unvergleichlich präziser Diktion führt er das Publikum mit traumwandlerisch anmutender Sicherheit durch Sebalds Syntax-Dschungel und bringt das kleine literarische Meisterwerk in all seinen Facetten zum Leuchten. Vor allem den Humor schält Ganz schön heraus. Humor, der in den als melancholisch geltenden Texten durchaus immer wieder aufblitzt. Dass das Publikum schon nach wenigen Minuten mit einem Schmunzeln reagiert, beweist, dass es Ganz willig in die Welt von «Il ritorno in Patria» folgt. Bald wird auch Ganz lockerer, sucht immer wieder, wenn auch schüchtern, den Blickkontakt mit dem Publikum und kommentiert sogar ab und zu, was er liest. «Hmm, die alten Zigarettenmarken», wirft er beispielsweise ein, als in einer Passage Zuban-Zigaretten erwähnt werden. Budget ausgereizt Nur allzu schnell ist das Ende von «Il ritorno in Patria» erreicht. Ganz kurz nur lässt sich Bruno Ganz beklatschten, dann zieht er sich zurück. Eine Frage-Antwort-Runde hat er sich explizit verbeten. Aber er hat sich bereit erklärt, Bücher zu signieren. Schnell kommen die Leute beim Anstehen untereinander ins Gespräch. Ute Kröger vom Leseverein Kilchberg, die den Ganz-Abend ermöglicht hat, ist sichtlich beglückt, haben sich doch gut und gern zehnmal mehr Leute mobilisieren lassen als üblich. «Sobald werden wir uns einen solchen Abend aber nicht mehr leisten können», sagt sie mit einem feinen Lächeln. Zwar sei Bruno Ganz dem Verein entgegengekommen. Auf einen vierstelligen Betrag beliefen sich die Kosten aber trotzdem. Eine teure Stunde, aber was für eine Sternstunde.

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