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«Buffone!» &endash Berlusconis Ende in Schimpf und Schande

Silvio Berlusconis Abgang erinnert an jenen seines politischen Wegbereiters Bettino Craxi im Jahr 1993.Szenen einer Römer Nacht. Von Oliver Meiler

Die letzten, bitteren Fernsehbilder hatte Silvio Berlusconi nicht mehr im Griff. Zwanzig Jahre lang war er der Regisseur gewesen, besetzte die Bilderautobahn in die Köpfe der Italiener. Seine Sender blendeten gerne Unangenehmes aus, füllten mit visuellen Tricks leere Säle, richteten die Scheinwerfer so, dass man das Wachs im Gesicht des alternden Cavaliere nicht sah. Doch die finale Szene seines Regierens schrieben die Römer. Die Kandelaber der Stadt lieferten dieses sanft orange, leicht schummrige Licht zum Drama. Und ein Drama war es. Wie war es auch anders möglich? Als Silvio Berlusconi am Samstagabend zur besten Sendezeit im Präsidentenpalast auf dem Quirinalshügel erwartet wurde, wo er seinen Rücktritt als Ministerpräsident einreichen sollte, keine 300 Meter Luftlinie von seiner Römer Privatresidenz entfernt, da säumten Tausende die Piazze und die Strassen der Hauptstadt, als wärs eine Etappe des Giro d’Italia. Sie sangen Partisanenlieder, die Nationalhymne, das Halleluja. Sie intonierten Stadionchöre («Wer nicht hüpft, ist Berlusconianer»), Bannflüche, wie sie davor der Ägypter Hosni Mubarak und der Tunesier Zine al-Abidine Ben Ali zu hören bekommen hatten («Hau ab!»), erleichterte Seufzer auch («È finita!»). Manche sahen in Berlusconis Abgang Italiens zweite Befreiung, einen zweiten «25. April». Zum Schluss ein Hanswurst Am lautesten aber ertönte das immer gleiche Schimpfwort: «Buffone, buffone!» Es gäbe auch im Italienischen kräftigere Kraftwörter als «buffone», das vom Hanswurst, Clown, Hofnarren bis zum Prahler alles meint. Viel kräftigere sogar. Doch die Italiener sind meist recht fein in der Wahl ihrer Tiraden. Im «buffone» ist viel von dem drin, was Berlusconi ausmachte: die ewige Show des untätigen Regierens, die Aufplusterung vor den Mächtigen der Welt, die Witze und Chansons zur Unterhaltung der Galerie, die doppelten Absätze seiner Schuhe, die falschen Schwüre auf die Köpfe seiner Kinder. «Buffone, buffone!» Nichts schmerzt mehr. Das Erbe einer Epoche &endash entlarvt, weggeschimpft. Es war 20.54 Uhr, als Berlusconi den Palazzo Grazioli verliess. Er diente ihm als eigentlicher Regierungssitz. Er zog seine private Villa dem Palazzo Chigi, dem offiziellen Amtssitz, immer vor, lud neben leichten Damen auch hohe Gäste aus dem Ausland lieber in die eigenen vier Wände als in die antiken Hallen der Republik. Ein institutioneller Affront, einer von vielen, der mit der Zeit banalisiert wurde und der von seinem Drang zeugte, die Italiener zu noch mehr Individualismus zu verleiten, zu noch mehr Verlust von Gemeinsinn. Und wieder sass er im Fond eines Autos deutscher Machart, wie immer. Berlusconi mochte keine italienischen Autos. Er fuhr selbst dann nicht italienisch, als es der nationalen Automobilbranche, Fiat also, mies ging und sie einen patriotischen Wink verdient gehabt hätte. In dieser Weigerung spiegelte sich die alte Rivalität des Emporkömmlings aus Mailand mit dem Turiner Industriellen Gianni Agnelli, dem «avvocato», den die Italiener wie einen halben König feierten. Der war zwar auch kein Engel, wahrlich nicht, doch er hatte Stil. Ein Mittelfinger «Buffone!» Auch die Minister und Parteifreunde Berlusconis wurden so empfangen, als sie den Palazzo nach dem letzten Krisengipfel verliessen. Und es gehört wohl zum Fall eines Imperiums, dass dann auch alle Formen aufgegeben werden. So sah man etwa, wie der Gouverneur der Lombardei, Roberto Formigoni, den Mittelfinger erhob als Antwort auf die Chöre. Dann verschwand er schnell im Pulk der Bodyguards. An einer Strassenecke hatte sich ein Dutzend Anhänger Berlusconis versammelt, die nun «Silvio, Silvio» riefen. Mehr waren es nicht. Sie wurden übertönt. Es flogen auch Münzen gegen Berlusconis Wagen. Wie an jenem 30. April 1993 vor dem Hotel Raphael hinter der Piazza Navona, als sein Zyklus eigentlich begann, als die Erste Republik im Sumpf der Korruptionsaffären von Tangentopoli versank und ein Vakuum öffnete. Damals schied Bettino Craxi, der frühere Premier, Freund und politische Mentor Berlusconis, der in diesem efeuverwachsenen Hotel lebte, ebenfalls in Schimpf und Schande. Als «ladro», als Dieb, verabschiedeten sie ihn, warfen mit kleinen Lire-Stücken nach ihm. Craxi floh kurz darauf ins tunesische Hammamet, weg von der Justiz und vom empörten Volk, und kehrte nie mehr zurück. Berlusconi war sein Erbe, für viele der hoffnungsfrohe Initiator der Zweiten Republik und erster Nutzniesser der politischen Leere. Seine Anomalie war freilich viele Nummern grösser als jene seines ebenfalls eigensinnigen Ziehvaters Craxi, wie sich später herausstellen sollte. Nur im ruhmlosen Abgang ähnelten sie einander wieder. Es war 21.42 Uhr, als die staatliche Nachrichtenagentur Ansa mit einer «Eilmeldung» den Rücktritt Berlusconis meldete. Vor dem Quirinalspalast feierten sie den Moment wie ein Tor der Azzurri, der Fussballnationalmannschaft, harrten der Materialisierung des Abgangs, dieses Autos deutscher Fabrikation. «Buffone, buffone!» Doch da räumte die Polizei die Absperrungen auf der Piazza weg. Silvio Berlusconi hatte den Präsidentenpalast bereits durch einen Seitenausgang verlassen. Ohne Livebilder fürs Fernsehen, fernab des buhenden Publikums. Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Berlusconi nach dem Verlassen des Präsidentenpalasts. Foto: Alessandro di Meo (Keystone)

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