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Bushido gab sich so höflich wie Karel Gott Dostojewskis «Grossinquisitor» Scharf auf ein verängstigtes Opfer?

Kurz & kritisch Konzert Zürich, X-tra – Es geht hier sehr gesittet zu, in dieser ausverkauften Halle. Das ist das Erste, was einem am Dienstagabend im X-tra auffällt. Bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn ist das Parkett gut gefüllt mit plaudernden Jugendlichen und Frühzwanzigern. Als das Konzert dann überpünktlich um 21 Uhr beginnt, setzt Johlen und Kreischen ein. Die Darbietung wird von A bis Z, über die kompletten zwei Stunden, von den Zuschauern getragen. Eigentlich ist es mehr ihr Konzert: Sie rappen die Texte mit, sie setzen sich auf Geheiss der Zeremonienmeister, die das Spiel immer wieder ankurbeln, vor Wien an die Spitze der Rangliste des lautesten Publikums auf Bushidos «Deutschlandtournee». Die Faszination für diesen Rapper, der in einfachsten Versschemata aus seinem Leben berichtet, seine Enttäuschung in ganz direkte Worte verpackt und alles in mit Streichern versetzten volksliedartigen Refrains münden lässt, scheint auch nach acht Jahren Ruhm und bald neun Soloalben praktisch ungebrochen. Musikalisch hat sich wenig getan. Auf der Bühne begleiten den 32-Jährigen drei Musiker an Keyboard, Bass und Schlagzeug. Der Rest, die vielen sphärischen bis sämigen Orchesterparts und Gitarrenklänge, kommen vom Band. Es ist ein perfekt einstudiertes, locker aus dem Ärmel geschütteltes Konzert, das der immer mal wieder als Skandalrapper verschriene Anis Mohamed Youssef Ferchichi, Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen, aufgewachsen im Berliner Bezirk Tempelhof, zum Besten gibt. Und auch er ist, mehr noch als sein Publikum, das irgendwann zu rauchen und zu kiffen begonnen hat, gesittet und höflich: Nach jedem Lied folgt ein «Dankeschön!», er entsagt den Drogen, immer wieder stellt er die Band vor, zuletzt dankt er sogar den Eltern, die ihre Kinder begleitet haben. Würde er nicht auf die Bühne spucken und seine Ex-Freundin eine Nutte nennen, man könnte ihn zwischendurch für Karel Gott halten, den er den Refrain seines Stücks «Für immer jung» singen liess. Adrian Schräder Hörbuch Dies ist eine seltsame Episode aus einem seltsamen Buch, genau gesagt aus dem fünften Kapitel von Fjodor Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» (für die CD übersetzte Albert Bolliger, Organist und Gründer des Sinus-Verlags in Kilchberg). «Der Grossinquisitor» ist eine Geschichte, die man lesen oder hören könnte als die völlige Negierung der menschlichen Fähigkeit zur Freiheit; der Literaturkritiker Rolf Vollmann nannte sie «diese berühmte Kindereinschüchterungslegende». Iwan, einer der Karamasow-Brüder, beschreibt da seine literarische Vorstellung von einer Wiederkunft Christi auf Erden. Diese denke er sich, sagt er, im 16. Jahrhundert, in der Stadt Sevilla am Tag nach einer beeindruckenden Ketzerverbrennung, also im schwarzen Herzen des Katholizismus. Ganz still steige Jesus herab, und doch werde er erkannt und gepriesen, und aus Mitleid mache er Blinde sehend und erwecke Tote zu Leben wie ehedem. Auch der Kardinal Grossinquisitor, ein Neunzigjähriger von feuriger Strenge, erkenne den Herrn, verfalle aber nicht in Anbetung, sondern lasse ihn von der heiligen Wache festsetzen; und nachts im Kerker erkläre der Kirchenfürst dann seinem Gefangenen, warum Christus um der christlichen Ordnung willen hienieden nichts mehr verloren habe. Und nun spricht Iwan mit der Stimme des Inquisitors und treibt Jesus in Jesu Namen nach kirchlicher Logik aus seiner Kirche aus.Sigmund Freud, ein Bewunderer Dostojewskis, las daraus, wie ein Dichter als Ethiker versagt und sich zu den «Kerkermeistern» gesellt habe. Andere, im Gegenteil, verstanden den «Grossinquisitor» als machtvollen Angriff auf die religiöse Sklavenhalterei. Der Burgschauspieler Peter Matic, der hier liest, nimmt nicht Partei. Sein Vortrag hat etwas Schwebendes und Sachliches. Man erkennt durch ihn die Schönheit eines Textes und in der Schönheit ihre Doppeldeutigkeit: die Verlockung und die Bosheit der Dogmatik. Der Sinus-Verlag hat es damit im März auf die Hörbuch-Bestenliste des Hessischen Rundfunks gebracht (und im April schaffte er das auch mit Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach) – ein gerechter Lohn für den achtsamen Umgang mit Weltliteratur. Christoph Schneider 1 CD, Laufzeit: 75 Minuten. Booklet mit vollständigem Text und Kommentar. Sinus-Verlag, ca. 30 Fr. DVD Dies ist keine DVD-Kritik. Den Film, um den es hier geht, haben wir nicht gesehen, denn das reisserische Versprechen auf der Hülle hat uns gereicht. Da lesen wir auf der DVD eines neuen Thrillers in blutroten Lettern: «Bond-Girl Gemma Arterton beweist, wie sexy ein verängstigtes Opfer sein kann.» Klingt das verlockend? Und wenn ja, für wen? Man darf ja davon ausgehen, dass auch krankhafte Sadisten, die sich an gepeinigten, wehrlosen jungen Frauen aufgeilen, mehr oder weniger fleissig DVDs kaufen. Aber ist dieses Käufersegment wirklich so lukrativ, dass man die Vermarktung eines Films so ungeniert und dummdreist auf ein Publikum ausrichten muss, das aus lüsternen Frauenquälern besteht?Florian Keller Musikalisch hat sich wenig getan: Bushido im X-tra. Foto: Johannes Dietschi

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