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Das abenteuerliche Verhalten eines deutschen Autorasers

Zürich - Zu Verhandlungsbeginn bittet der Angeklagte den Gerichtsvorsitzenden, seinen Glauben leben und vor sich ein Kreuzlein aufstellen zu dürfen - es ist golden und 40 Zentimeter hoch. Im schwarzen Anzug und mit goldener Krawatte präsentiert sich der 28-jährige, nunmehr in Zug lebende Deutsche den Oberrichtern. «Ich bin ein gesetzestreuer Bürger», posaunt er in den Saal.

Von wegen: In Deutschland ist er vorbestraft wegen mehrfacher Steuerhinterziehung, Mehrwertsteuerbetrugs und Verstosses gegen das Waffengesetz. Auf einer Fahrt in die Schweiz mit viel Bargeld habe er zu seinem Selbstschutz eine Schreckschusspistole mitgeführt, erzählt er. Mehr als die deutschen Steuerdelikte fällt an diesem Donnerstagmorgen der Umstand ins Gewicht, dass der Mann in seiner Heimat und in der Schweiz schon mehrfach wegen Geschwindigkeitsübertretungen gebüsst worden ist.

Denn nun hat er das Obergericht angerufen, weil ihn die Einzelrichterin in Uster wegen neuerlicher grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer unbedingten Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 100 Franken verurteilt hat. Er soll in einer Märznacht 2008 einen gemieteten Mercedes mit 130 statt erlaubten 80 Kilometern pro Stunde durchs «Hegnauer S» gelenkt haben. Er bestreitet das und will freigesprochen werden. Doch wer sonst war der Raser?

Der Polizei gab der Angeklagte zuerst an, es sei sein Zwillingsbruder gewesen. Weil es keinen solchen gibt, wurde daraus ein Cousin. Der hiess mal so, mal so, und seine Wohnadresse konnte nie in Erfahrung gebracht werden. E-Mails von ihm weisen die gleichen orthografischen Fehler auf wie die eidesstattlichen Erklärungen, die der Vater des Angeklagten zu dessen Gunsten eingereicht hatte. In der mündlichen Urteilsberatung meinen die Oberrichter unisono, diese Schriftstücke wirkten alle getürkt, «sie stinken zum Himmel». Seine Widersprüche und dauernden Aussageänderungen liessen den Angeklagten völlig unglaubwürdig erscheinen. Sein Verhalten im ganzen Verfahren sei abenteuerlich. «So etwas ist mir in 30 Jahren Richtertätigkeit noch nicht untergekommen», sagt der Vorsitzende.

«Frappierende Ähnlichkeit»

Wie der Staatsanwalt und die Vorinstanz sind sich die drei Oberrichter einig, dass der Angeklagte dem Mann auf dem Foto aus dem Radarkasten frappierend ähnlich sehe. Kriminaltechnische Vergleiche hat der Angeklagte verunmöglicht. Fotoaufnahmen von sich sowie ein 3-D-Gesichtsscanning verweigerte er.

Was der Verteidiger zu sagen hatte, liess er das Gericht vorgängig wissen. Auf ein mündliches Plädoyer verzichtet er. Dafür holt der Angeklagte im Schlusswort weit aus, sogar von Folter durch den hiesigen Justizapparat spricht er. Das Gericht lässt sich nicht beeindrucken. Es bestätigt das - wie der Vorsitzende meint - «milde» Ustermer Urteil. Die vom Verteidiger wegen angeblich geringen Einkommens geforderte Reduktion der Geldstrafe wird abgelehnt. Womit der Stellenlose seinen nicht gerade bescheidenen Lebenswandel finanziert, bleibt ein Rätsel.

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