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Das Büblein Fukushima hat Blähungen

Die 15. Winterthurer Kurzfilmtage haben gestern begonnen. In einem Spezialprogramm dokumentieren sie, wie der Streit um die Nutzung von Atomkraft seit langem auch filmisch geführt wird.

Von Christoph Schneider Es genügen ein paar Ausschnitte aus der «Schweizer Filmwochenschau» zwischen 1957 und 1969, und man weiss wieder einmal, wie schnell die Zukunft veraltet: Es ist eben noch nicht so lange her, dass man ganz ohne Hintersinn von einem strahlenden Morgen sprach. In Angelegenheiten der Atomkraft wirkte der gute Glauben der Unschuld. Die Propaganda für ihre Nutzung war erfüllt von einer pur lauteren Treuherzigkeit. Wo es sich machen liess, scheint man jedoch das überschattete Wort «Atom» vermieden zu haben. Man redete lieber von Kernenergie. Das klang hygienischer und fortschrittsdynamischer. Das erinnerte kaum an Hiroshima und Nagasaki. Und so war viel unbelasteter von einer fast schon gegenwärtigen Zukunft zu berichten, in der kontrollierte Atomexplosionen den Strassen- und Bergbau erleichtern und ungeahnte Kräfte auch im Dienst der Schweizer Hausfrau stehen würden; denn diese erfuhr im Jahr 1964, dass ein mit Gammastrahlen behandelter Holzboden jedem Bleistiftabsatz widerstehe, und es werde Freude herrschen unter den Frauen, die darauf immer schon gewartet hätten. Rückblickende Besserwisserei Das kleine Spezialprogramm «Nukleare Propaganda» an den 15. Winterthurer Kurzfilmtagen enthält solche einst todernst gemeinten Kuriosa quasi zur informativen Erheiterung. Es sind allerdings die naivsten Propagandastücklein; sie erleichtern sehr die rückblickende Besserwisserei. Spannender (weil beunruhigender) ist dieses Programm, wo es &endash pro und kontra Atomindustrie &endash Bewegung und Stillstand einer propagandistisch geführten Debatte dokumentiert: die Entwicklung und Verdrängung von Skepsis; den Zusammenprall der widersprüchlichsten apokalyptischen Fantasien; die Definitionen des Fortschritts; und vor allem dann die Meisterschaft, zu der es die atomkraftfreundliche Propaganda von Stromanbietern im Gegenwind der Kritik gebracht hat. Der deutsche Filmemacher Herbert M. Franck beispielsweise leistete in «Strasse ohne Wiederkehr» (1974) kreative und exemplarische Manipulationsarbeit im Auftrag des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks. Er akzeptierte jedes umweltschützerische Argument der Gegner und stopfte ihnen ihre Untergangsvisionen in den Hals (und sozusagen ins schlechte Gewissen) zurück. Wie ein guter Vater seine konsumverwöhnten Kinder mahnte er die Zuschauer, man könne nicht alles haben wollen, nur die Verantwortung nicht. Sinngemäss: Sie hätten A gesagt, und die Atomindustrie helfe ihnen jetzt, B zu sagen, alles fürs schöne Gleichgewicht zwischen der Freiheit in Luxus und einer durch saubere Energie geschützten Natur.Es ist ein wirklich raffinierter Film. Die Repliken der Atomkraftgegner wirken geradezu holperig dagegen: in ihrer theatralischen Geisterhaftigkeit oder in der schlichten Abbildung militanter Proteste. «Kaiseraugst» (1975), eine einfach gehaltene Dokumentation der Filmcooperative Zürich, bildet da die Ausnahme. Es ist menschennahe Erinnerung, wie einmal ein Atomkraftwerk verhindert wurde. Und bei jemandem, der seinerzeit vor Ort oder doch geistig in der Nähe war, kann das gewiss Nostalgie auslösen als das filmische Denkmal eines erfolgreichen zivilen Widerstands.Der aktuellste Beitrag im Winterthurer Programm ist übrigens der vierminütige japanische Trickfilm «Nuclear Boy» von Kazuhiko Hachiya. Er erzählt kleinen Japanern vom Büblein Fukushima, das solche Blähungen hatte, dass ihm der Durchfall aus den Windeln lief (wenn auch nicht so schlimm wie damals beim Büblein Tschernobyl). Viele Doktoren haben ihm aber kühlende Medikamente verabreicht, und jetzt winkt es schon wieder ganz herzig, betriebsbereit und frisch gewickelt. So simpel geht es natürlich auch. Programminformationen unter www.kurzfilmtage.ch. Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Bildlegende. Foto: Vorname Name (Agentur) Verdrehte Untergangsvisionen: «Strasse ohne Wiederkehr» (Deutschland, 1974). «Nuclear Boy» braucht Medizin (Japan, 2011). Bilder: Int. Kurzfilmtage Winterthur Die «Schweizer Filmwochenschau» berichtet: Atom heisst auch Frieden (1964). Erinnerungen an das AKW, das es nie gab: «Kaiseraugst» (Schweiz, 1975).

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