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Das Geld reicht nur für eine halbe Aeppli

Damit in der Zürcher Ahnengalerie auch Hans Hollenstein und Regine Aeppli dereinst in Öl gemalt an der Wand hängen, muss der Staat einspringen. Die Spende eines reichen Kaufmanns aus dem Jahr 1930 ist aufgebraucht. Von Ruedi Baumann

Zürich – Es muss ein schauerliches Gefühl sein für einen quietschlebendigen Politiker, sich von einem Kunstmaler verewigen zu lassen, um in der Ahnengalerie neben schnauzbärtige Staatsmänner mit Stehkragen und goldenen Uhrenketten genagelt zu werden. Doch der Zürcher Kaufmann Heinrich Wilhelm Schelldorfer (1838–1919) wollte es so. Er vermachte dem Kanton 110 000 Franken. Aus diesem Legat werden seit 1930 sämtliche Zürcher Regierungspräsidenten und Bundesräte in Öl gemalt. 49 Staatsmänner und eine Handvoll Frauen hängen bereits in Reih und Glied im Sitzungszimmer 267 im Walchetor und müssen regelmässig abgestaubt und zurechtgerückt werden. Blochers Lippe als Kunststück Am Anfang konnten die Maler aus den Zinsen bezahlt werden. Dann wurde das Fondsvermögen angeknabbert. Es war 2008 ausgerechnet Christoph Blocher, der die letzten 20 000 Franken aus dem Legat verpinseln liess. Der inzwischen verstorbene Maler Karl Landolt aus Stäfa musste sich seinen Lohn ehrlich verdienen. Blocher bedingte sich aus, während der Malsessionen telefonieren zu dürfen, weil er keine Zeit habe, einfach so herumzusitzen. Vor allem aber: Es war nicht einfach, keine Karikatur zu malen. «Prompt geriet mir die Unterlippe zu gross, und ich musste sie wieder überpinseln», erzählte Landolt damals an der Vernissage. Seither ist Blochers Unterlippe offiziell vom Kanton subventionierte Kunst. Auch Bildungsdirektorin Regine Aeppli wäre seit einem Jahr reif für die Galerie – als 50. Kunststück. Sie war 2009 Regierungspräsidentin. Doch das Geld reicht nur noch für eine halbe Aeppli. Vom abgewählten Regierungspräsidenten Hans Hollenstein als Nummer 51 ganz zu schweigen. Ein Foto oder gar ein überzähliges Wahlplakat wären nach 80 Jahren Staffelei ein böser Stilbruch. Kantonsrat Willy Germann (CVP, Winterthur) jedenfalls fragte in einem Vorstoss besorgt, ob die Regierung gedenke, die Fotografie in der Ahnengalerie «als gleichwertiges künstlerisches Ausdrucksmittel anzuerkennen». Der Regierungsrat antwortete darauf in ernsthaftem Ton, Ölgemälde seien «konservatorisch problemloser zu betreuen». Buschor als Erster mit Laptop Nun ist klar, dass sich der Regierungsrat weiterhin in Öl der Nachwelt erhalten will. Gemäss Susanna Tanner, Leiterin der Fachstelle Kultur, werden die Mittel künftig aus dem Globalbudget der Fachstelle bezahlt. Der Kredit für Ankäufe zugunsten der kantonalen Kunstsammlung beträgt in diesem Jahr 400 000 Franken. 20 000 davon werden in Zukunft Zürcher Malerinnen und Maler bekommen, die von den porträtierten Persönlichkeiten selber ausgewählt werden dürfen. Der künstlerische Wert der Ahnengalerie ist umstritten. Er liegt nicht so sehr in den einzelnen Werken, sondern in den 80 Jahren Zeitgeschichte. Die ältesten Herren stieren ungeheuer staatsmännisch von der Wand, keiner aber ist so miesepetrig drauf wie Blocher im neusten Bild. Die Porträts sagen auch viel über die Porträtierten aus. Alt-Bundesrat Ernst Brugger wagte es als Erster, mit Tabakpfeife gemalt zu werden. Alfred Gilgen zog mit einer Brissago nach. Revolutionär ist das Bild von «Reformturbo» Ernst Buschor, der den Kanton mit Powerpoint-Folien regierte – und sich mit Laptop verewigen liess. Rita Fuhrer als Schulmädchen Rita Fuhrer liess sich als unschuldiges Schulmädchen malen, Eric Honegger mit ein paar intellektuellen Pinselstrichen, Hans Hofmann wie auf einem Foto, während der Maler Moritz Leuenberger so fröhlich hinbekam, wie es kein Fotograf geschafft hätte. Christian Huber schliesslich wirkt als kindlicher Finanzdirektor mit hohler Hand, Zählrahmen, Sparschwein und diebischer Elster. Geraderichten in der Ahnengalerie: Zuunterst Ernst Buschor, Verena Diener, Rita Fuhrer und Markus Notter. Foto: Doris Fanconi

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