Das Verschwinden der Hirten

Vielen Wanderhirten ist ihr Beruf in Kantonen wie Zürich verleidet. Dabei wären sie so wichtig, wenn die Wölfe zurückkehren.

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José Carvalho hat nur kurz mit der Zunge geschnalzt. Vielleicht war da noch ein leiser Pfiff, ein kurzer Ruf, der vom bissigen Nordwind schnell weggetragen wurde. Da beginnen erst die näheren, dann die weiter entfernten Schafe zügig auf ihn zuzutraben. Manche blöken. Es sind etwa 400 Schafe, die auf dieser breiten Kuppe oberhalb von Illnau-Effretikon bei der Aussenwart First weiden.

Von der Stadtzürcher Allmend verschwunden

José Carvalho ist einer der wenigen Wanderhirten, die es in unserem Land noch gibt. 20 bis 25 Schafherden ziehen zwischen Mitte November und Mitte März noch geleitet von einem Hirten und Hunden von Weide zu Weide, schätzen Fachleute. 6 davon werden in diesen Monaten durch den Kanton Zürich streifen. Meist eher in den Randgebieten.

Noch vor einigen Jahren waren im Winter auf dem Waffenplatz im Reppischtal oder in der Stadtzürcher Allmend regelmässig Wanderhirten mit ihren Herden zu sehen. Sie sind verschwunden, nur noch der Schäferweg an der Uetlibergflanke erinnert daran.

«Ich höre von immer mehr Hirten, die mit dem Wandern aufhören», sagt Bruno Zähner. Zähner ist Herdenschutz- und Kleinwiederkäuerberater am Landwirtschaftlichen Berufsbildungszentrum Strickhof und hält auf seinem Biohof oberhalb von Illnau selbst Schafe. «Dabei ist das winterliche Wanderhirten­tum die natürlichste Art, Fleisch zu produzieren, und täte den Weiden gut.»

Ein Bilderbuchhirte

Es ist ein Bild wie aus einem Krippenspiel. Und José Carvalho ist wirklich ein Bilderbuchhirte: Schlapphut aus Filz, blaues Hirtenhemd, schwere Stiefel, ein roh geschnitzter Krummstock in der Hand, ein Stumpen im Mund.

Sein grosser Esel, den er auf der Wanderung als Lasttier braucht, steht dicht neben ihm, und der kleinste seiner vier Hunde umkreist die Schafe im rasenden Tempo, ohne zu kläffen. Diese stehen mittlerweile dicht gedrängt, aber völlig friedlich vor ihrem Hirten und scheinen auf das nächste Kommando zu warten. Auf der Strasse, jenseits der grossen Weide, drosseln die Autofahrer das Tempo. Manche halten am Wegrand an, steigen aus und kramen ihr Handy aus der Hosentasche.

Ein kurzer Pfiff von José Carvalho reicht. Alle Schafe traben blökend auf ihn zu und laufen ihm nach. (Video: net)

«Es ist für viele Menschen ein Bild aus einem anderen Leben», sagt Bruno Zähner. «Ein Sehnsuchtsbild.» Er erlebt auch in der Ausbildung von Schaf- und Ziegenhirten immer wieder, dass die Bewerber von dem Wunsch nach dem Einfachen, Urtümlichen getragen sind.

Aussteiger? Einsteiger!

Aussteiger? «Ich nenne sie Einsteiger.» Darunter sind gut die Hälfte Frauen. Zu diesen aussteigenden «Einsteigern» gehört wohl auch die Wetzikerin Christina Lauper, die im Moment mit einer kleinen Herde von Zähners Schafen unterwegs ist. Sie macht als Wanderhirtin ihr Praktikum in Schafhaltung, das Teil der geregelten, aber nicht eidgenössisch zertifizierten Schweizerischen Schafhirtenausbildung ist. Angegliedert ist diese der Agridea, einer breit abgestützten landwirtschaftlichen Beratungszentrale.

Christina Lauper ist Mathematikerin und hat in Zürich bis vor einigen Monaten in einer Beratungsfirma gearbeitet. Als diese ihr eine Auszeit abschlug, kündigte sie. Sie hat bereits in Neuseeland und auf einer Alp mit Schafen gearbeitet. Nun ist sie bei Bruno Zähner quasi in der Lehre. Er hat erstmals einen Teil seiner Schafe im Winter auf Wanderschaft geschickt.

Border Collie Isla in Aktion

Die Hirtin lehnt, auf einen Stab gestützt, an einem Baumstamm, den Blick fest auf ihre Schafe gerichtet, die sich neugierig einer Schar Kindergartenkinder nähern, die ihrerseits den Tieren vorsichtig, Schritt für Schritt entgegengehen. Die orangen Leuchtstreifen, die sie über ihren dicken Jacken tragen, heben sich schrill von dem verschwommenen Weiss und Braun der Schafe ab.

Isla, der junge Border Collie, steht zwischen seiner Hirtin und der Herde und scheint etwas unschlüssig zu sein, wohin er sich wenden soll. Nun ruft Christina Lauper ihm kurz etwas zu, und Isla rennt zur Herde, umkreist sie und treibt sie in die Richtung weiter, wo die Hirtin bereits einen Platz für die Übernachtung eingezäunt hat.

Nicht so frei, wie es scheint

Das Leben der Wanderhirten ist bei weitem nicht so frei, wie es den Anschein macht, wenn man sie und ihre Herde gemächlichen Schrittes voranschreiten sieht. Im Kanton Zürich braucht es eine Bewilligung des Veterinäramtes, in der unter anderem minutiös geregelt ist, wie viele Tiere pro Hirte mitgeführt werden dürfen, nämlich höchstens vierhundert Mastschafe pro Schäfer, der von mindestens zwei Hunden begleitet sein muss.

Bruno Zähner, Herdenschutzberater am Strickhof. Bild: Urs Jaudas

Trächtige Tiere und Schafe, die kurz vor Wanderbeginn geworfen haben, dürfen nicht mitgenommen werden, und die Herde muss vor dem Start von einem amtlichen Tierarzt oder einer amtlichen Tierärztin untersucht werden. Nachts muss der Schlafplatz eingezäunt werden.

Querfeldein geht nicht

Auch muss der Hirte ein Wanderbuch bei sich haben, in das er täglich seine Route und besondere Vorkommnisse eintragen muss. Einfach querfeldein darf er nicht marschieren: Es gilt ein Waldweideverbot, da die Schafe – wie die Rehe – den Jungwuchs abknabbern könnten. Und Naturschutzgebiete sind auch zu umgehen.

Zähner kennt viele Hirten, die die Wanderschaft aufgegeben haben, «weil es gerade in urbanen Kantonen wie Zürich immer schwieriger wird, eine Route zu finden, auf der die Schafe regelmässig genug Gras finden und ungestört sind».

Übermütige Heimkehrer

Er erzählt vom Stress, wenn ein Hirte mit Hunderten von Schafen eine Strasse oder einen Bahnübergang überqueren muss, von Problemen in Naherholungsgebieten, weil Hunde, Biker, Reiter, Jogger die Herde in Aufregung versetzen.

Der Hirte muss etwa einmal pro Monat in der Nacht eingreifen, um zu verhindern, dass die Tiere in Panik geraten. «Schuld sind in der ­Regel übermütige oder betrunkene Heimkehrer, die in die Herde preschen.»

Nicht alle Bauern freuen sich

Nicht nur der Kanton, auch die Bauern selbst müssen die Erlaubnis erteilen, dass ein Hirte oder eine Hirtin mit den Tieren über sein Land ziehen darf. «Erfahrene Hirten wissen meist recht gut, wo sie erwünscht sind und wo nicht», sagt Zähner.

Beim einen Hof warte eine warme Mahlzeit, beim anderen bringt die Bäuerin zum Zvieri selbst gebackenen Kuchen und Kaffee auf die Weide. «Doch bei einigen Bauern haben Schafe und die Winterweide einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, doch steckt das in den Köpfen fest.»

Lammfromm oder fuchsteufelswild

Die Sonne geht unter, José Carvalho hat seine Herde bereits für die Nacht vorbereitet. Die Weide ist eingezäunt. Seine drei grossen Maremmen-Abruzzen-Schutzhunde schauen ihm treuherzig dabei zu. Sie drängeln sich an ihn, lassen sich auch von uns das Wuschelfell streicheln.

«Eigentlich warten sie nur, bis ich mich endlich entferne, damit sie auf dem Platz das Sagen ­haben», sagt Carvalho scherzhaft. Zu scherzen ist mit den lammfromm scheinenden Hunden allerdings nicht, wenn es ernst gilt und der Hirte nicht ­anwesend ist. «Sie würden die Herde bis aufs Blut verteidigen», sagt Zähner.

Wirksamer Schutz gegen Raubtiere

In einer Studie des Schweizerischen Schafzuchtverbandes zur Grossraubtierpräsenz ist zu lesen: «Die wohl verlässlichste Methode, die Sicherheit der Schafe zu gewährleisten, ist es, einen Hirten/eine Hirtin anzustellen.» Diese seien mit Hirtenhunden stets vor Ort. So kann er/sie bei einem Wolfsangriff schnell reagieren.»

Auch bei Agridea heisst es: «Die Bedeutung der Schafhirten nimmt wieder zu, da ein verbessertes Weidemanagement und die Präsenz der Grossraubtiere neue Herausforderungen stellen.» Bruno Zähner stützt diese Aussage: «Hirten und Hunde sind bei einem normalen Bestand von Wölfen oder Luchsen ein ­äusserst wirkungsvoller Schutz. Ein Wolf wird sich kaum je in die Nähe einer so gehüteten Herde wagen.»

Der Wolf sieht Dich

Er selbst übersömmert mit seinen Schafen auf einer Alp am Calanda, wo ein Wolfsrudel lebt. Er entdecke ständig Spuren von Wölfen, doch habe er noch nie einen Wolf zu Gesicht bekommen. «Ich bin aber sicher, dass der Wolf mich gesehen hat.»

Hirten für die Sommerweide auf der Alp zu finden, sei einfacher als Wanderhirten für die Winterweide, sagt Zähner, der auch Präsident der ursprünglich vom WWF gegründeten, heute noch von Pro Natura mitfinanzierten Vereinigung für eine ökologische und sichere Alpbewirtschaftung ist. «Wanderhirte ist ein fordernder Beruf», sagt er. «Körperlich und sozial.»

Sie übernachten meist im Freien oder in einem Wohnwagen, tagsüber sind sie bei Wind und Wetter draussen. Also nichts von Romantik? Zähner scrollt auf seinem Handy durch die Fotos. Dann zeigt er eine Schafherde in der Dämmerung auf einem verschneiten Pfad, dicht an dicht. «Dieses Bild hat mir vor ein paar Tagen eine befreundete Hirtin geschickt.»

Weihnachten auf dem Feld

Nach der Frage, ob er denn nachvollziehen könne, dass Aussenstehende den Anblick eines Wanderhirten mit seinen Schafen als romantisch empfinden, schweigt José Carvalho eine Weile. Er schaut auf den verschneiten Tödi am Horizont, auf den näheren Tannenwald, der im letzten Licht des Tages fast unwirklich leuchtet. Dann sagt er: «Wenn es regnet, wenn alles nass ist, dann ist es hart. Wenn aber am Abend die Sonne so schön wie heute untergeht und die Bäuchlein meiner Schafe voll sind, dann war das ein richtig guter Tag.»

Wie wird José Carvalho den Weihnachtsabend verbringen. «Ich gehe für das Abendessen nach Hause, zu meiner Frau und den drei Söhnen.» Der älteste ist acht Jahre alt und verbringt im Winter die Nacht oft mit seinem Papa im Wohnwagen. Der jüngste wurde eben erst geboren. Wenn die Kinder im Bett sind und schlafen, wird José Carvalho sich von seiner Frau verabschieden. Er kehrt zurück zu seinen Schafen.

Erstellt: 24.12.2018, 00:02 Uhr

Der Vorteil der Winterweide

Auch die Bauern profitieren von vorbeiziehenden Schafen.

Bereits die ersten Menschen wanderten mit Schafen von Weide zu Weide. Das ist, wie Bruno Zähner, Herdenschutz- und Kleinviehberater auf dem Strickhof, ausführt, die tiergerechteste Haltung von Schafen überhaupt. Sie sind in Bewegung, finden abwechslungsreiche Nahrung, gegen Wind, Nässe und Kälte sind sie gut gerüstet. Die Winterweide nützt aber auch den Bauern: Die leichten Tritte der Schafe massieren den Boden förmlich und fördern so im Frühling das Wachstum und die Bestockung des Grases. Auch sorgen die Schafe dafür, dass das Gras den Winter durch nicht zu hoch steht. Wird nämlich hohes Gras oder Heu vom Schnee abgedeckt, finden Mäuse in dieser Schicht zwischen Schnee­decke und Humus ideale Bedingungen vor. Sie vermehren sich stark und werden im Frühling zur Plage.

Die bei den Bauern verbreitete Furcht, dass Schafe Krankheiten auf Kühe oder Schweine­ übertragen, ist in vielen Fällen widerlegt, in manchen zumindest umstritten. So ist das Schaf zwar Träger des bis heute rätselhaften Bösartigen Katarrhal­fiebers, doch überträgt sich dieses Virus höchstwahrscheinlich nur bei direktem Kontakt auf Kühe oder Schweine. Dies ist laut Zähner die einzige von Schafen auf andere Nutztiere übertragbare, tödliche verlaufende Krankheit. Wenn die Schafe vorbei­wandern, kommt es zu keiner Ansteckung. (net)

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