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«Das Volk ist im Gericht vertreten und am Urteil mitbeteiligt»

Pierre Martin, der letzte Präsident des Zürcher Geschworenengerichts, bedauert, dass das Gericht auf Ende dieses Jahres abgeschafft wird.

Mit Pierre Martin sprach Thomas Hasler Man hört, Sie schlafen schlecht während der Dauer eines Prozesses? Ja, das kommt vor. Vor allem die Beratungszeit ist sehr intensiv. In der Regel ist es nach einem Prozess so: Ich bin müde und meistens zufrieden. Inwiefern belastete Sie der Inhalt einer Anklage? Es ging ja immer um schwerste Delikte? Das hängt vom Prozess ab. Der jetzt abgeschlossene (siehe Artikel oben) war auch inhaltlich belastend. Sonst muss man einfach aufpassen, dass man keine Fehler macht, damit der Prozess nicht wiederholt werden muss. Das Geschworenengericht wird abgeschafft, als überholt angesehen. Wie ist Ihre Meinung? Ich finde es schade. Bei den schwersten Delikten geht es um viel für die Betroffenen – die Angeklagten wie die Opfer. Es gibt kein Verfahren, bei dem ein Urteil so intensiv und von zwölf Personen beraten wird. Im Fall von Wila haben wir drei volle Tage über das Urteil beraten. Ich habe auch den Eindruck, dass die Betroffenen ein solches Urteil besser akzeptieren. In der gestrigen Urteilseröffnung haben Sie vom Geschworenengericht als der «Stimme des Volkes»gesprochen. Wie meinten Sie das? Durch die Geschworenen ist das Volk im Gericht vertreten und am Urteil mitbeteiligt. Sind denn Urteile besser, wenn das Volk mitbeteiligt ist? Nein, das Urteil ist deswegen nicht besser. Ich stelle fest, dass es den Laien in der Regel schwerer fällt, über einen Angeklagten den Stab zu brechen. Gleichzeitig sprechen Laien tendenziell höhere Strafen aus. Ist das nicht ein Widerspruch? Laien beantragen tendenziell höhere Strafen vor allem in Fällen, in denen viele Emotionen im Spiel sind. Ich stelle aber auch Wellenbewegungen fest. Es gab Prozesse, in denen sie mildere Strafen wollten. Es hängt sehr stark von der Person des oder der Geschworenen ab. Wie war generell die Zusammenarbeit mit den Geschworenen? In der Regel war es eine sehr gute Zusammenarbeit. Sie sind kritisch, hinterfragen, sind aber nicht stur. Manchmal kam es aber schon vor, dass sich einer querstellte und andere Ansichten hatte. Was machten Sie bei rechtlich komplexen Problemen? Ein Beispiel ist die Abgrenzung einer fahrlässigen von einer eventualvorsätzlichen Tat: Ich habe jeweils mit konkreten Beispielen versucht, den Unterschied klarzumachen. Was wird Ihnen nach zwölf Jahren in Erinnerung bleiben? Es sind generell die Fälle, in denen Kinder die Opfer waren. Oder auch Fälle, in denen das Urteil anders ausfiel, als ich persönlich entschieden hätte. Ich habe grundsätzlich mehr Mühe, einen Angeklagten gegen meine Überzeugung zu verurteilen, als ihn gegen meine Überzeugung freizusprechen. Was raten Sie den Bezirksgerichten, die in Zukunft Geschworenengerichtsfälle beurteilen? Ich würde ihnen unbedingt empfehlen, den Geschädigten wenn möglich direkt anzuhören. Aber auch die unmittelbaren Zeugen, die etwas zur Tat sagen können. Von Psychiatern oder anderen Experten habe ich in der Regel wenig Neues erfahren, was nicht schon in ihren Gutachten stand. Pierre Martin Der 61-jährige Richter (SP) wechselt zur Beschwerdekammer des Obergerichts.

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