Das Welterbe aus der Steinzeit gleich neben dem Pannenstreifen

In einem Moor direkt neben der A7 zwischen Winterthur und Frauenfeld verbirgt sich eine kaum beachtete Steinzeitsiedlung. Einst war hier ein Freilichtmuseum geplant.

Unscheinbar, aber auf der Unesco-Liste: Der Egelsee mit Resten prähistorischer Pfahlbauten.

Unscheinbar, aber auf der Unesco-Liste: Der Egelsee mit Resten prähistorischer Pfahlbauten. Bild: Thomas Egli

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Man sieht ihn bei Tempo 120 aus den Augenwinkeln: den Weiher mit der Insel, der direkt neben der A7 liegt, unmittelbar hinter der Kantonsgrenze zum Thurgau. Egelsee heisst das Gewässer und liegt in Niederwil auf dem Gemeindegebiet von Gachnang.

Tausende Pendler zwischen Zürich und der Ostschweiz fahren täglich daran vorbei. Was viele nicht wissen: In dem kleinen Moor hinter dem Pannenstreifen schlummern bis heute die Reste einer rund 5800 Jahre alten Pfahlbauersiedlung.

Auf Augenhöhe mit Aletschgletscher und Lavaux

Unter Forschern gilt die Moorsiedlung Niederwil als besonders wichtiger Zeuge der schweizerischen Jungsteinzeit. «Die Befunde von Gachnang-Niederwil-Egelsee gehören zu den am besten erhaltenen Seeufersiedlungen in der Schweiz», heisst es im «Jahrbuch Archäologie Schweiz 2009».

Kein Wunder, ist der prähistorische Siedlungsplatz im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgeführt. Seit 2011 gehört die Moorsiedlung Niederwil zusammen mit weiteren Pfahlbausiedlungen, auch solchen aus dem Kanton Zürich, zudem zum Unesco-Weltkulturerbe «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen».


Bei Grabungen 1962/63 wurde ein Teil des 5800 Jahre alten Dorfes freigelegt. Foto: Amt für Archäologie Thurgau

In der Schweiz gibt es bisher elf Standorte, die zum Unesco-Welterbe gehören. Der unspektakuläre Egelsee befindet sich damit auf Augenhöhe mit so illustren Gebieten wie dem Aletschgletscher, der Altstadt von Bern oder den Weinbergen des Lavaux am Genfersee.

Im Moorboden verborgen

Laut dem Thurgauer Kantonsarchäologen Hansjörg Brem wurde bei Grabungen Anfang der 1960er-Jahre rund ein Viertel der Pfahlbausiedlung Niederwil freigelegt. Der moorige Untergrund hatte nicht nur Keramik, sondern auch Holzgegenstände, Gewebe und Geflechte hervorragend konserviert. Viele der Fundgegenstände können heute im Museum für Archäologie in Frauenfeld besichtigt werden.

Drei Viertel der Siedlung sind nach wie vor vorhanden. Allerdings: Von aussen sieht man sie nicht mehr, weil sie im Moorboden verborgen und damit gut konserviert und vor Zerstörung geschützt sind. Da der Egelsee heute ein Naturschutzgebiet mit seltenen Vögeln ist, darf die Insel mit den Pfahlbauten zudem nur mit einer Spezialbewilligung betreten werden.

Entdeckt wurde die Steinzeitsiedlung 1862 beim Torfabbau. Die urgeschichtlichen Siedlungsreste riefen den damaligen Altmeister der frühen Pfahlbauforschung auf den Plan: den Zürcher Jakob Messikommer. Der grub bis 1886 immer wieder in Niederwil und holte zahlreiche Funde aus dem Moorboden, die er zum Teil auch verkaufte.

Absetzbecken für Zuckerfabrik

Danach blieb es 80 Jahre ruhig am Egelsee. Erst mit der Planung der Autobahn, die dieses Moorgebiet durchschneidet, erwachte das Interesse an der Fundstelle wieder. Zudem plante die nahe Zuckerfabrik Frauenfeld ein sogenanntes Absetzbecken im Egelsee, was den Anstoss gab für die Grossgrabung in den Jahren 1962 und 1963.


Der moorige Untergrund hatte Keramik, Holzgegenstände, Gewebe und Geflechte hervorragend konserviert. Quelle: Amt für Archäologie Thurgau

Insgesamt stellte man damals über 30 Hausstandorte mit Herdstellen fest. Erstaunlich war bei diesen Untersuchungen, dass verschiedene Böden der Häuser übereinanderlagen, wie Kantonsarchäologe Brem sagt.

Fundstätte geriet in Vergessenheit

Danach geriet die Pfahlbausiedlung in Vergessenheit. «Niederwil – eine beinahe vergessene Grabung», konstatierte die «Zeitschrift Archäologie Schweiz 2007». Bis heute fristet sie trotz ihrer kulturhistorischen Bedeutung «ein Schattendasein», wie auch Gachnangs Gemeindepräsident Matthias Müller einräumt. Immerhin gebe es eine Informationstafel vor Ort und seit kurzem auch eine eigene Busstation beim Egelsee.

Doch wieso machen Gemeinde und Kanton nicht mehr aus dem Weltkulturerbe? Etwa eine Sehenswürdigkeit wie das Pfahlbaumuseum von Unteruhldingen? Das dortige Freilichtmuseum mit seinen rekonstruierten Pfahlbauhäusern ist seit Jahren ein Publikumsmagnet.

Pfahlbau-Disneyland? Gemeinde sagt: Nein danke

Tatsächlich gab es vor einigen Jahren Überlegungen, die Moorsiedlung Niederwil zu einer Sehenswürdigkeit aufzuwerten und touristisch besser zu erschliessen.

«Das hat man mit der Kantonsarchäologie diskutiert», sagt Gemeindepräsident Müller. Aber man sei gemeinsam zum Schluss gekommen, «dass das überrissen wäre» und ein Pfahlbau-Disneyland unerwünscht sei.

Vor allem wegen der Kosten, die ein solcher Betrieb samt Parkplätzen, Kiosk und öffentlichem WC verursachen würde. Und wegen der schwierigen Verkehrserschliessung beim Egelsee. «Besser, man lässt es so, wie es ist, in bescheidenerem Rahmen», sagt Müller. Das sei eben «eher der Thurgauer Weg».

Und so bleibt Niederwil weiterhin nicht wegen der Pfahlbauer ein Begriff, sondern wegen der Motocross-WM-Rennen, die gleich neben dem Egelsee, auf deranderen Seite der Autobahn, ausgetragen werden. «Aber die dürften es kaum je auf die Liste des Weltkulturerbes schaffen», meint Gemeindepräsident Müller trocken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2018, 10:36 Uhr

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