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Der Atomausstieg verlangt eine neue Philosophie beim Stromnetz

Ohne intelligentes Stromnetz ist der Ausbau der erneuerbaren Energie praktisch nicht möglich.

Von Martin Läubli Der bundesrätliche Entscheid, grundsätzlich aus der Atomenergie auszusteigen, stellt ganz neue Anforderungen an das künftige Stromnetz der Schweiz. Heute fliesst der Strom auf einer Einbahnstrasse vom zentralen Kraftwerk über die Hochspannungs-Übertragungsleitungen hinunter zum Niederspannungsnetz und schliesslich zur Steckdose. In Zukunft wird es einen verstärkten Gegenverkehr geben, falls die dezentrale Energieversorgung massiv gefördert wird. Strom aus Fotovoltaikanlagen, Biogasanlagen und Gas-Blockheizkraftwerken wird nämlich unten in der Netzhierarchie ins Nieder- und Mittelspannungsnetz eingespeist. Eine sichere Stromversorgung in Zukunft verlangt deshalb nicht nur den Ausbau des Übertragungsnetzes, sondern auch einen Ausbau auf der Niederspannungsstufe. Der Netzbetreiber Swissgrid rechnet mit Investitionen von rund 3,2 Milliarden Franken für die Erneuerung und den Ausbau des Schweizer Übertragungsnetzes in den nächsten zehn Jahren. Zusatzkosten für Netzausbau In den nächsten zwanzig Jahren ist aber mit zusätzlichen Investitionen zu rechnen, so heisst es in einem Bericht des Bundesamts für Energie, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Die Gründe: Der Bau von Grosskraftwerken wie etwa Gaskombianlagen erforderten neue Kapazitäten. Wird auf neue Kraftwerke verzichtet, müssten die Netze für Importe ausgebaut werden. Zudem sei eine Anbindung ans europäische Netz fundamental, nur schon, falls die Schweiz mit ihren Pumpspeicherkraftwerken überschüssigen Windstrom aus dem Norden zwischenspeichern will. Kapazitätsengpässe können aber auch auf der Niederspannungsebene auftreten. Heute ist der Anteil an dezentralen Stromquellen zwar noch vernachlässigbar, doch steigt er mittelfristig auf mindestens 25 Prozent, so heisst es im Bericht, ist mit Mehrkosten unter anderem für den zusätzlichen Netzausbau auf Niederspannungsebene zu rechnen. Der Stromversorger hätte in diesem Fall 1,5 Rappen pro Kilowattstunde mehr für die Benutzung des Stromnetzes zu bezahlen. Der Strompreis würde im Vergleich zu heute um etwa 7 Prozent steigen.Die Zusatzkosten senken könnte allerdings ein intelligentes Netzsystem, ein sogenanntes Smart Grid, das Angebot und Nachfrage «clever» ausbalanciert und die bestehenden Netze besser nutzt. Eine effiziente Verteilung des Stroms aus erneuerbarer Energie würde letztlich auch das Hochspannungs-Übertragungsnetz entlasten. Ein massiver Ausbau der dezentralen Stromproduktion ist ohne Smart Grid praktisch unmöglich. «Die bisherige Versorgungsphilosophie wird sich durch die Einspeisung dezentraler Quellen radikal ändern», sagt Rainer Bacher, Experte für intelligente Netzwerke. Es steht nicht mehr nur das Stromangebot im Zentrum, sondern auch die Nachfrage. Die Stromeinspeisungen aus erneuerbaren Quellen müssen geregelt werden, weil sie abhängig von den Wetterverhältnissen unterschiedlich anfallen: Überschüssiger Strom fliesst entweder hinauf in eine höhere Netzebene oder in Speicher direkt bei den Stromverbrauchern. Möglich wären eigene Batterien in Haushalten oder Dienstleistungsbetrieben, oder in Elektroautos, die bei Überschuss Strom speichern und bei Bedarf liefern. Bei Spitzenlast können Geräte in Haushalten abgeschaltet oder das Waschen auf später verschoben werden. Der Stromfluss läuft nicht mehr einseitig vom Stromproduzenten zum Verbraucher. Letzterer soll so weit wie möglich auch selbst bestimmen, wann er von günstigem Strom profitieren oder sich über seinen Speicher versorgen will. Der Verbraucher ist stets im Bild über seinen Stromhaushalt. Diese Freiheit verlangt jedoch, persönliche Daten freizugeben. «Es braucht eine Datenschutzregelung», sagt Bacher.Bereits gibt es verschiedene Pilotgemeinden in der Schweiz. Erste Ergebnisse zeigen, dass es mehr technische Hürden gibt als bisher angenommen. Das Bundesamt für Energie prüft nun das Potenzial von Smart Grid. Später will es eine «Roadmap» dafür entwickeln.

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