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Der erste Werbeprospekt für die Schweiz

Bei den mächtigsten Herrschern Europas sollte die erste Karte der Eidgenossenschaft für die noch junge Schweiz werben. Im Jahr 1479 wendete ihr Erschaffer dabei einige Tricks an.

«Sehen Sie, das ist ein faszinierender Fall», sagt Martina Stercken, Privatdozentin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich. «Auf den ersten Blick sieht die Karte einfach gestrickt aus. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich, wie viel dahintersteckt.» Auf dem Tisch liegt die erste bekannte Karte der Schweiz, gezeichnet um 1479. Im Uhrzeigersinn sind die Schriftzüge der damals zur Eidgenossenschaft gehörenden Orte angeordnet: Uri, Unterwalden, Bern, Luzern, Zürich, Zug, Glarus und Schwyz. In der Mitte steht ein Bergmassiv. Die Karte ist nach den vier Himmelsrichtungen organisiert, wobei im Unterschied zu modernen Karten der Süden oben liegt.

Offensichtlich muss der Betrachter diese Karte ganz anders lesen. Martina Stercken begreift die Karte denn auch nicht nur als eine Abbildung der geografischen Wirklichkeit. Sie sei ein kulturelles Produkt, das einen Zugang zum 15. Jahrhundert eröffne.

Das Wir-Gefühl der Eidgenossen

Blenden wir zurück ins Jahr 1479, als der Dekan des Klosters Einsiedeln, Albrecht von Bonstetten, die Karte anfertigte. Sie ist in der ebenfalls von ihm verfassten Länderbeschreibung der Schweiz «Superioris Germanie Confoederationis Descriptio» enthalten. Die Eidgenossenschaft bestand zu diesem Zeitpunkt aus einem Bündnis von acht Orten. Jahrelang schwächten Konflikte zwischen den Stadt- und Landorten den ohnehin losen Zusammenhalt.

Die Burgunderkriege stärkten dann die Eidgenossenschaft: Mit Spiessen und Hellebarden bewaffnet, schlugen die Eidgenossen das Heer des kriegstechnisch weit überlegenen Burgunderherzogs Karl der Kühne und wurden dadurch als schlagkräftige Kämpfer bekannt. Damals entstand ein Wir-Gefühl unter den eidgenössischen Städten und Ländern. Und eben dieses Wir-Gefühl beabsichtigte Albrecht von Bonstetten mit seiner Karte räumlich darzustellen und zu akzentuieren.

Doch für wen fertigte er dieses Abbild der Eidgenossenschaft an, auf dem die Schweiz zum ersten Mal in ihrer Geschichte als eine eigenständige politische Grösse kartografisch dargestellt wurde? Bonstetten zeichnete die Karte nicht im Auftrag der Eidgenossen. Sie war auch nicht fürs Schweizer Volk bestimmt. Vielmehr verfasste Bonstetten Länderbeschreibung und Karte in Eigenregie und sandte sie an wichtige Herrscher Europas. Der adlige Dekan war in Europa gut vernetzt; unter anderem erhielten der französische König Ludwig XI. und Papst Sixtus IV. je ein in lateinischer Sprache verfasstes Exemplar. Es ging also nicht darum, den Zusammenhalt im Innern zu stärken.

«Das beeindruckende Volk, das die Burgunder besiegte, sollte als politische Einheit präsentiert werden», sagt Stercken. Bonstettens Werk gehörte also zu einer Art Marketingstrategie für die junge Eidgenossenschaft. Eine deutsche Version entstand erst, als die Tagsatzung, das Zentralorgan der Eidgenossenschaft, dies verlangte. Sie wollte vermutlich kontrollieren, welches Bild Bonstetten in Europa von der Eidgenossenschaft verbreitete.

Die stilistischen Mittel für seine Botschaft fand Bonstetten in mittelalterlichen Karten. «Auf denen wurde die bekannte Welt als Kreis und Jerusalem als ihr Nabel im Zentrum abgebildet», sagt die Historikerin Stercken. Analog zu diesen Karten konzipierte Bonstetten die Eidgenossenschaft als eigene Welt. Er passte die Karte auf schweizerische Verhältnisse an, indem er das Bergmassiv der Rigi ins Zentrum rückte.

Warum die Rigi und nicht etwa das Rütli? «Das Rütli besass um diese Zeit noch nicht die symbolische Bedeutung, die ihm heute zugewiesen wird», so Stercken. Hingegen galt die Rigi als Königin der Berge und als heiliger Ort. Sie stellte auch tatsächlich ungefähr das geografische Zentrum der acht alten Orte der Eidgenossenschaft dar.

Diese Karte vergisst man nicht

Mit der Anlehnung an die mittelalterlichen Weltkarten gab Bonstetten der jungen Schweiz erstmals eine kartografische Identität. Es kam also nicht von ungefähr, dass Bonstetten auf die zu seiner Zeit schon als traditionell geltende Art der Kartendarstellung zurückgriff. Indem er die heilsgeschichtliche Ordnung der Weltkarten übernahm, verlieh er der Eidgenossenschaft Legitimität und eine gemeinsame Geschichte. Dies war nötig, da die Schweiz ein Bündnissystem war und ihre Entstehung nicht mit einem alten Herrschergeschlecht in Verbindung gebracht werden konnte. Noch ein dritter Grund sprach für die Übernahme älterer Darstellungsprinzipien, meint Stercken: «Dank ihres einfachen Erscheinungsbilds vergisst man die Karte nie mehr.»

Die erste Karte der Eidgenossenschaft zeigt die acht Kantone und die Rigi geografisch richtig positioniert.

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