Zum Hauptinhalt springen

Der geduldige Revolutionär

Najib Chaouki ist der Star des marokkanischen Aufstands. Mit 32 Jahren. Studiert hat er in München, sein Blog ist Kult. Begegnung mit einem Sonderfall.

Von Oliver Meiler, Rabat Ein Sandwich im Tea Corner, eine Cola, einige schnell gerauchte Gauloises – mehr Zeit bleibt nicht für das viel zu späte Mittagessen. Es ist bald 19 Uhr in Rabat. Gleich schaltet sich Najib Chaouki in eine Sendung von al-Jazeera zu, dem panarabischen Fernsehsender, von zu Hause aus, über Skype. «Ja, das ist alles etwas verrückt», sagt er und lacht müde. Vier Monate sind erst vergangen seit jenem 20. Februar, einem regnerischen Sonntag, als der Wind des arabischen Frühlings auch Marokko erfasste und fast alle Gewissheiten im alten Königreich erschütterte, Tabus aufbrach, die Zungen befreite. «Nichts ist mehr, wie es war.» Weder für ihn, den Revolutionär. Noch für Marokko. Der Server steht in Kanada Der Kellner im Tea Corner wirft uns raus. Er mag keine Interviews in seinem Lokal. Und schon gar keine Bilder. Chaouki ist ein bekanntes Gesicht, das bekannteste der «Bewegung des 20. Februar» – Blogger, Organisator, Stimme. «Die Leute haben Angst, dass man ihnen Probleme macht», sagt Chaouki. Als er kürzlich Flyer drucken lassen wollte gegen das Referendum vom letzten Freitag, lehnte jede Druckerei von Rabat ab. «Wir haben das mit versteckter Kamera festgehalten», sagt Chaouki, «ein Dokument für die Nachwelt.» Alles soll seine historische Tiefe haben. Er verbringt sechs Stunden am Tag zwischen Facebook und seinem Blog, um zu dokumentieren, zu kommentieren, zu analysieren. Wir gehen ins Büro von Lakome, der dissidenten Online-Zeitung mit einem Server in Kanada. Hier schreiben alle unangepassten Autoren Marokkos. Fünf Computer, ein Konferenzsaal, volle Aschenbecher, viele Cola-Büchsen. Najib Chaouki ist 32 Jahre alt, Sohn eines Bauern aus einem Dorf in der Nähe von Marrakesch. «Ich bin das Fünfte von neun Kindern, nein, entschuldige: das Sechste.» Wo er herkommt, gehen die Kinder nur in die Primarschule. Bestenfalls. Sein Vater aber war gereist, hatte etwas Geld und schickte alle seine Kinder auch in die Oberstufe. Najib brachte es an die Universität von Marrakesch. Oft war er aber nicht in den Vorlesungen. Er hing öfter an Versammlungen der Studentengewerkschaft, der wichtigsten Schmiede für marokkanische Aktivisten und linke Politiker. Die Causa der Palästinenser politisierte ihn. Er las Marx und Nietzsche. Er wollte nach Deutschland. «In Görlitz hab ich Deutsch gelernt», sagt er jetzt in fast akzentfreiem Deutsch. Das Studienkolleg machte er in Zittau.Eine ungewöhnliche Wahl. Junge Marokkaner zieht es in der Regel nach Frankreich. Chaouki lebte fünf Jahre in München, studierte Wirtschaft, ging an jede Demo, vor allem an jene gegen George W. Bush. Es war die Zeit der Irak-Invasion. Als er 2007 in die Heimat zurückkehrte, waren seine Positionen etwas weniger linksradikal als davor. «Die deutsche Sozialdemokratie gefällt mir gut», sagt er, «der deutsche Sozialstaat ist ein schönes Modell.» Und er sah sein Marokko plötzlich ganz anders, mit dem Blick eines kulturell und politisch verwandelten Rückkehrers. Es drängte ihn zum Schreiben. Sein Blog, «Halle der Freiheit», wurde schnell bekannt.Chaouki brach darin reihenweise Tabus, engagierte sich etwa für Homosexuelle, für politische Gefangene, gegen die alles erdrückende Korruption im Land. Vor einigen Jahren machte er eine Kampagne für einen Jungen aus Marrakesch, 15 Jahre jung, der es gewagt hatte, auf einem Graffiti die Dreieinigkeit Marokkos «Gott, Vaterland, König» zu deformieren. Der Fan des FC Barcelona machte daraus: «Gott, Vaterland, Barça.» Man steckte ihn ins Gefängnis. Chaouki mobilisierte den Protest über Facebook, bis der Junge nach drei Monaten freikam. Er gehörte auch jener Gruppe an, die sich für das Recht einsetzte, im Fastenmonat Ramadan nicht fasten zu müssen – eine Sünde und ein Delikt. Artikel 222 im marokkanischen Strafgesetzbuch stellt das Nichtfasten für muslimische Marokkaner unter Strafe. «Das braucht Zeit, viel Zeit» Chaouki und seine Freunde waren also bereit, als der Frühling anbrach. «Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag – wir waren sehr nahe dran, als sie in Tunesien und Ägypten die Revolution machten.» Und doch war hier alles anders. Als die marokkanische Jugend am 20. Februar erstmals in 53 Städten auf die Strasse ging, erschallten keine maximalistischen Parolen, wie man sie in Tunis und Kairo gehört hatte. Die Marokkaner skandierten also nicht «König, hau ab!», wie die Tunesier «Ben Ali, hau ab!» und die Ägypter «Mubarak, hau ab!» gerufen hatten. «Wir hatten von Beginn weg ein Projekt fürs Danach», sagt Chaouki, «wir zielen nicht darauf ab, die Monarchie abzuschaffen, eine Leere zu schaffen. Nach allen diesen Jahrhunderten der Königsherrschaft, man stelle sich das mal vor!» Die Monarchie sei in den Köpfen, in der Kultur. «Wir wollen Reformen m i t dem König, eine Demokratisierung mit der Monarchie, oder genauer: Wir wollen die Errichtung einer parlamentarischen Monarchie. Aber das braucht Zeit, viel Zeit.» Das macht Marokko zum Sonderfall. Die Revolution drängt, will viel und bald. Doch sie hat auch Geduld, sieht alles mit historischer Tiefe. Die neue Verfassung, die der König am 1. Juli vors Volk brachte, geht der «Bewegung des 20. Februar» zwar nicht weit genug: «Aber das ist die erste Verfassungsreform, die auf Druck der Strasse entstanden ist», sagt Chaouki, «das ist unser Verdienst. Wer hätte das vor vier Monaten für möglich gehalten. Die Macht konnte nicht anders, sie musste auf uns hören. Andere Reformen werden folgen, wir machen weiter, demonstrieren auch in Zukunft jeden Sonntag für mehr Rechte und Freiheiten, Schritt für Schritt.» Man kann in Marokko nun plötzlich über den König debattieren, über dessen Vermögen, die unselige Verstrickung von Business und Politik. Heute könnte man wahrscheinlich auch «Gott, Vaterland, Barça» auf eine Mauer sprayen, ohne dafür bestraft zu werden. 130 Tage – und alles ist anders. Knüppel statt Kugeln Natürlich hat die Gewalt in Syrien und im Jemen und der Krieg in Libyen den Elan des arabischen Frühlings gebremst. Und natürlich dienen den bedrängten Regimes in den ruhigeren Ländern diese Beispiele als Abschreckung, auch dem marokkanischen: «Unser Innenminister sagt jeweils nach einer niedergeknüppelten Demo: ‹Schaut euch doch Assad und Ghadhafi an, die setzen keine Knüppel ein, die schiessen auf ihr Volk – hier habt ihrs gut.›» Auch Chaouki wurde schon verprügelt. Er beklagt sich nicht. Andere erwischte es viel ärger als ihn. Er fühlt sich auch beobachtet, sein Telefon wird abgehört. «Jede Woche erhalte ich ein Demonstrationsverbot», sagt er, lacht und steckt sich noch eine Gauloise an, «aber egal: Sie lassen mich ja gewähren und schreiben und reden.» Gleich läuft die Talkshow von al-Jazeera. «Worte der Revolution» heisst die Sendung. Mit Najib Chaouki, dem geduldigen Revolutionär aus Rabat. Er wirkt nicht nervös vor seinem Auftritt vor dem Millionenpublikum. Er ist sich das schon gewohnt. Mit 32. Man lernt schnell in diesen verrückten Zeiten. Der Kellner im «Tea Corner» wirft uns raus. Er mag keine Interviews in seinem Lokal. Als der arabische Frühling nach Marokko kam, waren Najib Chaouki und seine Freunde gut vorbereitet. Foto: Oliver Meiler

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch