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Der Junior, der 60 Jahre alt wird

Das farbige «Junior»-Heftli, das Kinder und Erwachsene gratis in Apotheken und Drogerien erhalten, feiert diesen Monat Geburtstag. Es gehört der Familie Hug in Kilchberg.

Von Ev Manz Kilchberg &endash Nur eine kleine, unscheinbare Tafel mit dem «Junior»-Schriftzug deutet darauf hin, dass im alten Riegelhaus in Kilchberg das Heft aufgelegt wird, das jahrelang die höchste Auflage einer Schweizer Zeitschrift präsentieren konnte. «Wir waren Ende der 70er-Jahre die Ersten in der Schweiz, die die Millionengrenze überschritten», sagt Piero Hug. Der braun gebrannte Mann mit Bart hat das Unternehmen bis 2010 während 40 Jahren geführt. «Eine wunderbare Zeit, in der ich mit viel Freiheit so manches gestalten konnte», sagt er und lacht herzlich. Heute ist seine 30-jährige Tochter Julia am Ruder, gemeinsam mit ihrem Ehemann James Rymer. 1951 hatte der Kilchberger Verleger Johann Rudolf Hug, der Vater von Piero Hug, die Idee für das «Junior». Angespornt vom neuen zweifarbigen Druckverfahren im Offset-Druck wollte er eine Zeitschrift lancieren, die sowohl Erwachsenen als auch Kindern gefällt und in Detailhandelsgeschäften, häufig Apotheken und Optikern, gratis aufliegt. Diese kaufen die Zeitschriften und können auf der Rückseite für sich werben. «Diese Geschäftsidee war damals sehr innovativ», sagt Piero Hug. Das passte zu seinem Vater. Eigentlich war Johann Hug auf das Verlegen von Marketingzeitschriften und -büchern spezialisiert, doch er habe viel Fantasie und ausgefallene Ideen gehabt. Waren die Enkel in Kilchberg zu Besuch, frühstückten sie mit dem Grossvater im Wald. «Und im Keller durften sie seine 50 Öllampen anzünden», sagt Piero Hug. Einstieg als Grünschnabel Doch Johann Hug war auch ein exzellenter Verkäufer. «Einer, der gehandelt hat und so andere von seinen Projekten überzeugen konnte», sagt Piero Hug. Die erste Ausgabe ist vor genau 60 Jahren im November 1951 erschienen. Die 32 Seiten widmete Hug Kolumbus’ Entdeckung von Amerika, erzählt mit Bildern und Text. Dazu kamen Beiträge über die Herkunft von Gewürzen, den Vespamotor und die Schweizer Fahne, das Rezept für eine Gemüsesuppe vom «Klugen Hausmütterchen» und diverse Comics. Als er mit dieser Ausgabe in Baden für seine Idee warb, zog er gleich zwölf Aufträge an Land. Damit war das Geschäft mit der Kinderzeitschrift lanciert. Inhaltlich sollte die Zeitschrift für die 4- bis 12-Jährigen Lehrreiches, aber auch Unterhaltendes bieten. Die Comics wurden zu einem wichtigen Bestandteil von «Junior». Über 50 Jahre lang spielte Papa Moll darin die Hauptfigur. Die ersten drei Bände mit gesammelten Geschichten wurden denn auch von Johann Hug aufgelegt. Piero Hug stieg direkt nach der Matura in das Unternehmen ein. Weil der Vater aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten musste, war dieser Schritt für Piero Hug nichts als logisch, denn das «Junior» war ihm ans Herz gewachsen. 1968 schlug er seinem Vater vor, in den deutschen Markt einzusteigen. «Das war damals schwieriger als heute», sagt Piero Hug. Doch die Rechnung ging auf. Als er 1971 die Geschäftsleitung übernahm, war für ihn schnell klar: Der Verlag verdient das Geld vor allem mit dem «Junior», und er setzte fortan voll auf die Kinderzeitschrift. Ende der 70er-Jahre war die Millionengrenze der monatlichen Auflagen geknackt. Später kamen der österreichische Markt, eine französische Ausgabe für die Westschweiz und eine Ausgabe für die Niederlande hinzu. 2001 wurde die Website aufgeschaltet. Heute vertreiben 14 000 Kunden das Heft, 2500 davon in der Schweiz. Die Auflagenzahl stagniert bei 1,1 Millionen, 50 Mitarbeiter in allen Vertriebsregionen sind für das Unternehmen tätig. Ebenso früh wie ihr Vater stieg auch Julia Hug in das Unternehmen ein. «Das ist typisch für die Hugs», sagt ihr Vater. Nach einer Detailhandelslehre übernahm sie 2001 den Anzeigenverkauf in der Schweiz und konnte bald brillante Zahlen vorweisen. «Dieser Erfolg bestärkte mich darin, das Erbe meines Grossvaters weiterzuführen.» Heute ist das «Junior» doppelt so umfangreich wie 1951, insbesondere wegen der Inserate. Mit Klexx ins Bett Ebenfalls 2001, zum 50-Jahr-Jubiläum, konzipierte die Redaktion neue Comic-Reihen, für jede Altersstufe eine. «Die Serie mit ‹Klexx› ist in hellen Farben gezeichnet und für die Jüngeren, die ‹Krimi Gäng› dagegen ist in dunklen Farben gehalten und für die Älteren», sagt Julia Hug. Die Drehbücher für die Comics stammen aus der Feder der «Junior»-Redaktoren, freie Zeichner setzen den Plot um. Heute ist Klexx, der weisse Hund mit farbigen Punkten und dem Zauberknochen aus dem Comic, das Maskottchen von «Junior». Ihn gibts auch zu kaufen: als Plüschtier oder aufgedruckt auf der Bettdecke. Tiere sind bis heute das zweite prägende Element des Hefts. Das zeigt auch die kleine Titelbild-Ausstellung im Kilchberger Redaktionshaus. Auf zehn von zwölf Ausgaben ist ein Tier auf dem Cover. «Sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen kommen Tiere enorm gut an», sagt Julia Hug. Deshalb stehe am Anfang jedes neuen Heftes und Beitrags das Bild. Die Auswahl des Tiersujets wird vorab bei der Zielgruppe geprüft. In den nächsten Ausgaben steht die Schleiereule im Zentrum. Eine Testgruppe konnte aus verschiedenen Schleiereulen-Bildern den Favoriten küren. Dieser wird im Februar das Titelbild zieren. Was nicht gefällt, fliegt raus Auf die Rückmeldung der Kinder legt der Verlag grossen Wert und hat dafür ein einzigartiges System ausgearbeitet. Jedes Heft wird nach Erscheinen von jungen Lesern mit Klebern bewertet. Elemente, die schlecht ankamen, fliegen aus dem Heft. «Wir Erwachsenen haben immer das Gefühl, wir wüssten, was Kindern gefalle. Doch wir irren uns häufig», sagt Julia Hug. Die neue Geschäftsleiterin will an der Strategie ihrer Familie festhalten. «Obwohl wir ein Familienunternehmen sind, haben wir eine sehr moderne Firmenkultur», sagt sie. Das Leitbild ist im Redaktionshaus gross aufgehängt. Ein Grossteil der Angestellten arbeitet Teilzeit, Homeoffice ist selbstverständlich, und auch das interne Kommunikationssystem per Internet sei zeitgemäss. Angst, dass das «Junior»-Konzept dereinst nicht mehr funktioniert, weil Kunden nicht mehr beim Detailhändler einkaufen, hat Julia Hug nicht. «Gleichzeitig suchen wir natürlich nach neuen Vertriebskanälen. So haben wir Onlinehändler als Kunden, die das ‹Junior› bei einer Bestellung mitliefern», sagt sie. Auch zur Lancierung einer «Junior»-App oder zum Eintritt in neue Märkte hätten sie sich schon Gedanken gemacht. «Es müsste jedoch ein Land sein, wo der Detailhandel aufstrebt wie bei uns in den 70er-Jahren», sagt sie. Ganz in die Karten blicken lassen will sich Hug nicht. Nur so viel: Das «Junior»-Heft bleibe erhalten. Eine Familie, ein Heft: Tochter Julia und Vater Piero Hug. Foto: Sophie Stieger

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