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Der Kleinkapitalist Kind

Am Männedörfler Erziehungstreff diskutierten Eltern darüber, wie Kinder zum Erledigen der Hausaufgaben gebracht werden.

Männedorf. - «Und ruhte am siebenten Tag.» Dazu das dritte Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen. So beendete Marjoline Roth, Pfarrerin in Männedorf, den Erziehungstreff. Eigentlich verblüffend: Freizeit ist nicht frei, sie ist verordnet. Die agrarische Gesellschaft vergangener Jahrhunderte hatte sich eben nach den Jahreszeiten zu richten und bekam damit ihre Freizeit eigentlich von der Natur diktiert.

Ganz anders die heutige Auffassung. «Freizeit ist immer dann, wenn ich einfach nichts zu tun habe. Das geschieht plötzlich», erläutert Maribel Garrido ihre Ansicht. Doch bietet die heutige Konsumgesellschaft mit ihrem vielfältigen Angebot überhaupt noch unerwartete Freiräume?

Im Vordergrund standen die Kinder und ihr Dilemma zwischen Hausaufgaben und Freizeit. Beatrix Remensberger, die in Männedorf eine lernpsychologische Praxis führt, versuchte darzulegen, wie junge Menschen zu schulischem Pflichtbewusstsein gebracht werden können. Das Hauptaugenmerk legte sie auf das Langzeitgedächtnis und das Entwickeln von Gewohnheiten. Diese wirkten der Spassgesellschaft entgegen. Erst was Gewohnheit werde, sei nicht mehr unbedingt abhängig vom Spass. Der Spass komme mit der Gewohnheit.

Eiserne Konsequenz

Die Hinführung zur Selbstbestimmung und -verantwortung geschehe, sagte Remensberger, über Lernstrukturen: «Mit den Kindern müssen klare Abmachungen getroffen werden.» In kleinen Schritten soll das Kind weiterkommen, sodass genügend Zeit für Ruhe und Erholung bleibt. Einheiten von 25 Minuten sind dabei lang genug. Entscheidend ist, dass die Abmachungen mit beinahe eiserner Konsequenz eingehalten werden. Nur so entwickeln sich Gewohnheiten, die das Erledigen von Hausaufgaben erleichtert.

Die Eltern müssen auch Anteilnahme an der Arbeit zeigen. «Das positive Eingehen auf die Kinder spornt diese weiter an», schloss Remensberger. Dabei kann sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern umkehren. Das Kind kann zum Lehrer der Eltern werden, indem es diesen erklärt, was es gerade gemacht hat und wie das Gelernte funktioniert. Letztlich bleibt für fast alle das alte Credo: ohne Fleiss kein Preis.

Mit dem Pyjama in den Chindsgi

Eltern greifen manchmal zu unkonventionellen Methoden. «Ich liess meinen Sohn im Pyjama in den Kindergarten gehen, weil er am Morgen nie Zeit hatte, sich umzuziehen», erzählte Jeanette Fuchs in der Gesprächsrunde. Auch das «Kapitalistensystem» schien auf Anklang zu stossen. Dabei werden für erledigte Hausaufgaben und Ämtchen im Haushalt Punkte verteilt. Mit diesen kann sich das Kind etwas «erkaufen»: eine halbe Stunde Gameboy oder ein wenig Sackgeld. Klar ist: Ein Kind braucht Vorbilder. Ausgeglichenheit entsteht kaum, wenn Eltern einen dichtgedrängten Alltag vorleben. Folgerichtig die Frage: Muss denn alles Potenzial immer ausgeschöpft sein, kann die Seele nicht hin und wieder einfach ein wenig baumeln? Jacqueline Stauffer: «Während unserer Ferien am Doubs hausten wir unter bescheidensten Verhältnissen, und dennoch war der Tag ausgefüllt mit Feuer machen, schwimmen, spazieren. Wir waren mit wenig zufrieden und entwickelten dabei die grösste Kreativität.» Beatrix Remensberger.

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