Zum Hauptinhalt springen

Der nackte Bürger Ai Weiwei

Ai Weiwei ist derzeit der berühmteste politische Gefangene Chinas. Seine Werke werden rund um die Welt gezeigt. Wer den Künstler verstehen will, muss sich mit seinen frühen Jahren in Amerika beschäftigen. Ein Freund berichtet hier über diese Zeit.

Von Bei Ling* Wenn man das Werk von Ai Weiwei diskutiert, muss man mit seinem rebellischen Geist beginnen, mit seiner Wildheit. Der Künstler wurde im August 1957 in Peking geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde sein Vater, der Dichter Ai Qing, mit der Familie in ein Dorf in der Region Xinjiang im äussersten Westen von China verbannt. Fünf Jahre lang musste der kleine Weiwei mit seinem Vater jeden Tag vierzig Toiletten und Latrinen sauber machen. Später erzählte er, vielleicht etwas übertreibend, er habe sich erst mit siebzehn zum ersten Mal die Zähne geputzt. Ai Weiwei wurde 1978 in die Pekinger Filmakademie aufgenommen. 1981 gab er dieses Studium auf und ging nach New York. In Amerika belegte er zuerst in Philadelphia und dann in Kalifornien Sprachkurse. 1983 bekam er ein Stipendium für die Parsons School of Design in New York. Ein Jahr später fiel er bei einer Kunstgeschichteprüfung durch, angeblich, weil er die Lehrveranstaltungen zu oft geschwänzt hatte. Sein Stipendium wurde nicht verlängert. Fortan lebte er illegal in New York. Zehn Jahre lang trieb er sich auf den Strassen des East Village herum, zusammen mit Schriftstellern, Sängern, Hippies, Fixern, Dieben, Hehlern, Buddhisten, Sikhs, Punks und Glatzen, «am Rand eines rauchenden Vulkans», wie er es selbst ausdrückte. «Machen wir ein Nacktfoto!» Ich selbst kam zum ersten Mal im Oktober 1988 nach Amerika. Der Dichter und Maler Yan Li brachte mich damals mit Ai Weiwei zusammen. Wenn Weiwei jemanden zum ersten Mal traf, war da immer ein boshaftes und gleichzeitig schüchternes Lächeln auf seinem Gesicht. Er wurde sogar rot, während er daran dachte, wie er den Neuankömmling necken könnte. Schliesslich sagte er zu jedem neu angekommenen Freund oder Bekannten oder Bekannten von Bekannten völlig unbewegt immer dasselbe: «Machen wir ein Nacktfoto! Wir sind in New York.» Damals war ich jung, frisch aus China angekommen und völlig verwirrt vom Durcheinander dieser Stadt. Innerlich war auch ich ein Rebell, aber sofort ein Nacktfoto in Frontalansicht, dazu war ich dann doch nicht bereit. In seiner Kellerwohnung (siebzig Quadratmeter für 700 Dollar Miete) betrieb Ai Weiwei einen Schwarzhandel mit gebrauchten Kameras. Er hatte diese Apparate von fliegenden Händlern erstanden, die ihre gestohlene Ware möglichst schnell wieder loswerden wollten. Mit der Zeit wurde Weiwei ein sehr geschickter Mechaniker. In seiner Wohnung lagen zahllose Kameras herum, die er reparierte und nachher an Freunde verkaufte.Grossmütig, sorgenfrei und unverhohlen – so war Ai Weiwei damals. Später sagte er selbst über seine zehn Jahre in New York: «In diesen Tagen wachte ich morgens auf und wusste überhaupt nicht, was ich den ganzen Tag machen sollte.» Wenn es ihm zu langweilig wurde, fotografierte er sich selbst im Spiegel. Manchmal stand er dabei nackt vor der Kamera, manchmal bekleidet. Die fertigen Fotos sah er sich selbst nicht gern an, wie er mir sagte. Am liebsten machte er solche Bilder auf der Strasse, wo es nicht erlaubt war. Er sah sich um, und wenn kein Polizist herschaute, liess er die Hosen herunter und machte einen Schnappschuss von sich selbst, bevor er sich schnell wieder anzog und verschwand. Ai Weiwei verkauft eine Kamera In Ai Weiweis Wohnung sah ich Dutzende Nacktfotos von Künstlern und Freunden, viele darauf mit Ai Weiwei zusammen. Das beste Bild war eines von ihm mit Yan Li, auf dem Platz vor den Zwillingstürmen des World Trade Center. Zwei schlanke junge Kerle lachen da nackt und frech in die Kamera. Ai Weiwei erzählte: «Yan Li wollte dort mit mir ein Erinnerungsfoto machen lassen, aber das war mir zu langweilig: Ich sagte: ‹Machen wir hier zusammen ein Nacktfoto.› Yan Li zögerte, aber dann meinte er, dass er eine bessere Figur habe als ich, und zog sich deshalb doch noch aus. Das war super, nur wir beide in der Sonne, sonst war niemand dort. Das war eine Zeit ohne Kaiser.» Nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking blieb ich vorerst als «literarischer Flüchtling» in Amerika. Ich besass eine Einladung von Vartan Gregorian, dem Rektor der Brown University. Dort wurde ich Gastschriftsteller und gehörte zum Creative Writing Program der Anglistik, ausgestattet mit einem monatlichen Stipendium von 1500 Dollar. Ich hatte praktisch in der Lotterie gewonnen.Ai Weiwei erfuhr von meinem neuen Status und lud mich jedes Mal zu sich ein, wenn ich nach Manhattan kam. Immer noch lagen unzählige Kameras auf seinem Bett herum, und er erklärte mir lang und breit die Vorzüge jedes einzelnen Apparats. Eines Tages liess ich mich in dem düsteren Kellerloch von seinem verrückten Verkaufsgespräch tatsächlich so sehr beeindrucken, dass ich ihm für mehr als vierhundert Dollar eine Kamera abkaufte. Nachdem Ai Weiwei das Geld eingesteckt hatte, war er darüber so glücklich, dass er mich gleich nach Chinatown schleppte und zum Essen einlud. Ich hatte allerdings keine Objektive dazugekauft, weshalb ich diese Kamera schliesslich nie verwendet habe. Süchtig nach Bedrohung Ich glaube, für Ai Weiwei gab es zu viele aufgesetzt ernsthafte Menschen auf der Welt. Das war ihm einfach zu langweilig, also musste er sich irgendetwas ausdenken, um sich zu amüsieren und dieser Welt die nackte Wahrheit entgegenzuhalten. Ai Weiwei kam in New York jeden Tag aus seiner Kellerwohnung hervor, um in dieser ernsthaften Welt an der Oberfläche Abenteuer und neue Erfahrungen zu suchen. Auch in den frühen 90er-Jahren traf ich ihn noch jedes Mal im East Village und in der Lower East Side, sobald ich wieder in New York war und ein bisschen durch die Strassen schlenderte. Immer noch trug er seinen alten Militärmantel aus den Beständen der chinesischen Volksbefreiungsarmee über der damals schon etwas beleibten Figur. Ich bezweifle sogar, dass er unter diesem grünen Armeemantel überhaupt irgendetwas trug. Diese Gewohnheit hatte wahrscheinlich mit seiner Jugend auf dem Land in Xinjiang zu tun: Er ist ein Kind der weiten Erde; dort hat er sich zuerst seinen Mut angeeignet. Mitte 2009, in einem Interview mit der überregionalen und damals relativ wagemutigen chinesischen Wochenzeitung «Nanfang Zhoumo» (Südliches Wochenende), sagte Ai Weiwei über seine Jahre als Illegaler in New York: «Bedroht zu werden, kann einen süchtig machen. Wenn sich die Staatsgewalt in dich verknallt, dann fühlst du dich sehr geschätzt.» Das sei ein sehr vorteilhaftes Training gewesen, meinte er: «Ich habe damals den Aufbau der Macht begriffen. Es war zwar eine Gesellschaft, die Freiheit und Demokratie propagierte, aber die Macht, die Gewalt ist überall dieselbe, an jedem Ort.»Damals wohnte auch der Dichter Allen Ginsberg, der schon über sechzig war, im East Village. Ginsberg war an jungen Männern aus Asien sehr interessiert und mochte Ai Weiwei besonders gern. Er trug nämlich auch immer eine Kamera mit sich – einen ganz kleinen, aber ziemlich teuren Apparat. Damit trieb sich Ginsberg auf der Strasse und in der U-Bahn wild fotografierend herum. Ich traf ihn oft, er redete abwesend auf mich ein und fotografierte dabei alles und jeden. Weiwei und er pflegten sehr engen Umgang miteinander. Beide waren süchtig nach dem Fotografieren und lichteten die ganze Stadt ab (ich habe auch Nacktfotos von Ginsberg gesehen, aber sie wurden leider nicht von Weiwei aufgenommen).Ai Weiwei unterhielt auch sehr herzliche Beziehungen zu den Strassenkünstlern und zu den Schwarzen im East Village. Er war immer zu spontanen Streichen aufgelegt. Der chinesische Regisseur Feng Xiaogang war in den frühen 90er-Jahren in der Stadt, um seine Fernsehserie «Pekinger in New York» zu drehen. Er sagte über seinen damaligen Regieassistenten: «Ai Weiwei verkuppelt nach Belieben zwei verschiedene Dinge und lässt sie dann eine völlig neue Bedeutung hervorbringen.» Der Chinese im Armeemantel Zum Beispiel steckte Weiwei einen Basketball in eine Stricktasche und warf sie dann von einem Gebäude, um zu beobachten, wie Passanten innehielten und diese hüpfende Stricktasche bestaunten. Ein anderes Mal hatte er einem Schwarzen auf der Strasse eine Schallplatte mit Aufnahmen aus der Zeit der chinesischen Kulturrevolution abgekauft. Ein Sprecher des Fernsehsenders CCTV intonierte darauf mit präziser Diktion und wohltönender Stimme die drei berühmtesten Essays von Mao Zedong: über den alten Mann, der einen Berg versetzt, über den Dienst am Volke und über den kanadischen Arzt Norman Bethune, der in China zum Helden wurde. Weiwei fand einen alten Plattenspieler, schloss Verstärker und Lautsprecher an und drehte das Gerät auf volle Lautstärke. Die Worte des Grossen Vorsitzenden wurden ein durchdringendes Erlebnis für das East Village. Im Herbst 2000 wurde ich aufgrund einer Übereinkunft zwischen der Volksrepublik China und den Vereinigten Staaten aus dem Qinghe-Gefängnis in Peking nach Amerika deportiert. Danach kam ich noch öfter als zuvor nach Manhattan, aber Ai Weiwei war 1993 nach China zurückgekehrt. Bis dahin aber war er ein fester Bestandteil des East Village. Und noch zehn Jahre später erwartete ich, dass ich ihm dort an irgendeiner Strassenecke begegnen würde. Denn ohne diesen Chinesen in seinem Armeemantel, der sich den ganzen Tag auf der Strasse herumtrieb, war das East Village nicht mehr dasselbe. * Der chinesische Schriftsteller Bei Ling, geboren 1959, wurde 2000 in Peking festgenommen, später nach Amerika abgeschoben. Seitdem lebt er im Exil.Aus dem Chinesischen von Martin Winter. © «Frankfurter Allgemeine Zeitung»Rund 100 von Ai Weiweis Bildern aus New York sind ab 28. 5. im Fotomuseum Winterthur im Rahmen der Ausstellung «Ai Weiwei – Interlacing» zu sehen. Nackt, frech, fröhlich: Ai Weiwei und sein Künstlerkollege Yan Li 1986 vor dem World Trade Center. Fotos: Yan Li (FAZ) Ai Weiwei, Yan Li und unser Autor Bei Ling (von rechts) 1989 in New York.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch