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Der neue Cabanas

Die Krise war einmal. Ricardo Cabanas hat die Lösung gefunden, wie er bei den Grasshoppers endlich das zeigen kann, was alle von ihm erwarten - auch er selbst.

Die Frage ist einfach, die Antwort auch. Die Frage heisst: Was hat sich seit dem Spätsommer geändert? Die Antwort: «Die Resultate.»

Ricardo Cabanas sitzt im GC-Campus am Tisch, frisch geduscht nach dem Morgentraining. Ein paar Bartstoppeln spriessen. Augen und Geist sind wach wie immer. Das Thema heute ist anders als damals, als die Saison noch jung war, GC Spiel um Spiel verlor und Cabanas ebenso oft enttäuschte.

Eigentlich möchte er nicht mehr über früher reden, sagt er. Über den Juli, den August, als er von «Tages-Anzeiger» bis NZZ kritisiert wurde und im «Blick» gar lesen musste, er sei «schlicht nicht ligatauglich». Hinter den Angriffen der Boulevardschreiber vermutete er eine «Anti-Cabanas-Kampagne», er stellte sie zur Rede, weil er persönlich getroffen war.

«Dann leide ich»

Schliesslich redet er eben doch über das, was damals war. Das ist auch wichtig, um zu verstehen, was heute so viel besser ist. Cabanas ist nicht mehr der Spieler in der Krise, sondern wirkungsvoll wie lange nicht mehr. Als wäre er nicht nur frisch geduscht, sondern frisch geboren. Der Schlüsselsatz heisst: «Die Freude ist zurück.»

Cabanas ist 31 seit drei Monaten. Er kennt das Raue des Sports, die Erwartungen von Vorgesetzten, Zuschauern, Journalisten, er kennt das Oberflächliche des Geschäfts. Er weiss natürlich, Kritik gehört dazu. Das Problem beginnt für ihn da, wo er glaubt, dass man aus dem Hinterhalt heraus operiert und mit ihm im Gespräch nicht offen umgeht. «Dann leide ich», gibt er zu.

Die versteckten Vorhaltungen innerhalb des Vereins kamen irgendwann auch ihm zu Ohren, die Sprüche aus der früheren Vorstandsetage, man hätte ihn nicht verpflichten dürfen, schon gar nicht für dieses Geld. «Ich bin sensibel, aber ich bin auch clever», sagt er, «ich spüre, was los ist.»

Als er im Sommer 2007 von der alten Führung um Roger Berbig und Erich Vogel aus Köln zurückgeholt wurde, hörte er grosse Versprechungen, was sich bei GC alles tun werde. Zu sehen bekam er davon wenig, dafür einiges an Last zu tragen. Es waren die Erwartungen des Vereins und nicht zuletzt von sich selbst. Darunter litt er lange, bis in diese Saison hinein. Die Konsequenz war eine mentale Blockade. So nennt er den Befund selbst.

Die Blockade gelöst

Daheim trug er nicht Trauerflor, es ging ihm blendend, er war fröhlich, wenn er bei seiner Frau und den Kindern war. Aber das Negative konnte ihn mitten in einem Training anfallen: der Druck, das Misstrauen im Verein. Das war nicht der Boden, auf dem er fussballerisch aufzublühen vermochte. Er machte sich seine Gedanken, wie er aus dieser Situation herausfinden könnte, und wandte sich an einen Mentaltrainer. Es ging ohne Hokuspokus, ohne viele Sitzungen. Zwei Gespräche genügten Cabanas, um ihm zu bestätigen, was er im Grunde genommen selbst schon wusste und was ihm auch Familie und Freunde rieten: dass er nicht mehr das Gefühl haben muss, allen alles recht zu machen, dass es nicht hilft, sich zu viel vorzunehmen, dass weniger manchmal mehr ist.

Cabanas, das ist immer der Mann gewesen, der für die anderen da ist, der dank seines Charakters und seines Sprachtalents als Integrationsfigur prädestiniert ist. Er war stets auch der Spieler, der auf dem Platz überall ist, der jedem Ball nachjagt, als wäre er unverändert ein kleiner Bub. Dafür kreiert er den Begriff des «Ganz-Platz-Fussballers», der vom Ehrgeiz getrieben ist, auch im Spiel jedem helfen zu wollen.

Die Veränderungen nach den Besuchen beim Mentaltrainer spürte Cabanas selbst schnell. Bis sie die Öffentlichkeit wahrnahm, dauerte es länger. Heute springt ins Auge, dass seine Wege effizienter geworden sind. Cabanas ist nicht mehr überall, aber spürbar, er rennt weiterhin viel, aber intelligenter. Er spürt den Druck nicht mehr, dafür die Freude. Die persönliche Gleichung heisst: «Freude gleich Unbeschwertheit gleich Selbstvertrauen.»

Cabanas braucht nicht mehr ein Defensivarbeiter zu sein, eine Sechs, wie das in der Fussballersprache heisst. Ihm kommt entgegen, dass Trainer Ciriaco Sforza das System leicht modifiziert hat und er nun eine Acht sein kann, diese Mischung aus Arbeiter und Regisseur, aus Zweikämpfer und Offensivkraft. Er kann im Zentrum stehen, ohne das Zentrum sein zu müssen.

Der Satz tönt banal: Cabanas fühlt sich wieder wohl. Für einen Gefühlsmenschen wie ihn ist das viel. Der Satz drückt aus, dass es ihm in dieser Mannschaft und unter diesem Trainer gut geht. Die Finanzkrise im November, als der Klub mit 4,5 Millionen Franken an zusätzlichen Schulden belastet war, hätte negative Folgen für die Mannschaft gehabt, wenn sie in ihrem Kern nicht gesund wäre. Glaubt Cabanas. Dass er, zusammen mit Boris Smiljanic, auch prozentual auf einiges mehr an Lohn verzichten musste als andere, dass er den Jungen von heute erklären musste, wie auch er in seinen Anfängen bei GC ein Fixum von nur ein paar Hundert Franken hatte - das erzählt er wohl, ändert aber nichts an seiner Einschätzung dieser Mannschaft.

Und da ist noch der Trainer, der letzten Sommer auf den Campus kam. Cabanas teilte mit Sforza nicht immer die gleichen Ansichten («ich hatte das Heu nicht auf der gleichen Bühne mit ihm») und diskutierte kontrovers mit ihm über das, was gut für die Mannschaft ist. Aber mit der Zeit sah er einen Trainer, der zuhört, der ein Gespür dafür hat, was gut für die Spieler ist, der Freiräume lässt und Disziplin fordert, je nach Bedarf.

Die Hilfe des Trainers

Dass Sforza es bislang in jeder Phase geschafft hat, ein erstaunliches emotionales Gleichgewicht zu halten, hat auch Cabanas geholfen. Der Trainer gab ihm im Spätsommer eine spielerische Denkpause, nicht um ihn blosszustellen, nur um ihn zu schützen. Sein Denken und Handeln war davon geprägt, mit dem Spieler Geduld zu haben.

Cabanas weiss das zu danken. In der Winterpause tat er mehr, als Sforza von ihm verlangte. Seine vielen Läufe, die er auch in den Wäldern seines neuen Wohnorts Dietlikon unternahm, zahlen sich jetzt aus. Er ist in Form, und GC gewinnt und gewinnt, neunmal in den zwölf Spielen des Jahres.

«Die Resultate sind das Wichtigste, das Entscheidendste», hat Cabanas ganz am Anfang des Gesprächs gesagt. Fussball ist ganz einfach - ohne mentale Blockade erst recht. Ein Klub als Herzensangelegenheit: Ricardo Cabanas, GC seit 1992 eng verbunden. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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