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Der Überzeugungstäter

Kampf um den Regierungsrat (4) Er ist ein Urgrüner, wenns um Umwelt und gegen AKW geht. Martin Graf regiert als Stadtpräsident von Illnau-Effretikon pragmatisch und unbürokratisch. Aber er neigt dazu, das Parlament zu überpowern.Von Ruedi Baumann «Fertig, Punkt, Schluss, Amen!», sagt Martin Graf (56). Und versucht, böse dreinzuschauen. Er spricht über die Politik, wie er sie in Zürich machen würde: Klartext reden, klare Entscheide fällen. Dann blitzt wieder der andere Martin Graf auf – der spitzbübische mit dem strahlenden Lachen und dem wasserfallartigen Redeschwall in aufgedrehtem Schaffhauser Dialekt. Er ereifert sich über den Regierungsrat, der bloss «im Zeug herumeiert». Etwa, wenn er zwei neue AKW fordert, aber kein Endlager im Kanton will. Graf ist geladen. Er kämpft um seine letzte Chance. Vor vier Jahren schaffte er das absolute Mehr als Regierungsrat, schied aber auf dem achten Rang aus. Graf ist überzeugt, die Kantonsregierung aus ihrem «Mittelmass» herausreissen zu können. Auch persönlich ist er voll motiviert. Graf sitzt die fünfte Amtsperiode im Stadtrat von Illnau-Effretikon, davon die vierte als Stadtpräsident. Wird er nicht Regierungsrat, muss er sich wohl neu orientieren. Martin Anthony Graf hat eine interessante Biografie. Seine Mutter ist Australierin, sein Vater war General-direktor bei Georg Fischer in Schaffhausen. Nach dem Abschluss als Ing. Agr. ETH war er vier Jahre lang Beratungsleiter eines Milchwirtschaftsprojekts in Tansania. Er spricht Suaheli. Seither arbeitet er, neben dem 50-Prozent-Amt als Stadtpräsident, an der Agridea Lindau in der Entwicklung von land- und betriebswirtschaftlicher Software. Graf ist geschieden und Vater von fünf Kindern. Er lebt heute mit der grünen Kantonsrätin Esther Hildebrand in einem fast 200-jährigen Bauernhaus – wunderbar renoviert: Minergie, Pelletheizung, Lehmwände und Isolation aus Schafwolle. Ein pragmatischer Landgrüner Graf war Mitbegründer der Grünen in Illnau-Effretikon. Er ist ein typischer Vertreter der pragmatischen Land-grünen: grün-grün, wenns um Umwelt, Ökologie und Energie geht. Undogmatisch, eher konservativ und wenig gewerkschaftshörig in der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Graf könnte auch ein Grünliberaler sein. Doch mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Graf war beim Streit und bei der Abspaltung der GLP von den Grünen vorne dabei. Wenn Graf über unnütze Bürokratie vom Leder zieht, tönt das sogar freisinnig. So ist für Graf die Feuerpolizei zunehmend überreguliert, die neue Pflegefinanzierung viel zu kompliziert. «Ich habe wenig Verständnis für komplizierte Lösungen.» Mehr Eigenverantwortung, lautet seine Forderung, auch für die Gemeinden. Zum Beispiel mehr Kompetenzen, um Abfallsünder direkt zu büssen. Glücklicherweise sei das eidgenössische Hundegesetz mit all den Kürsli und Ausnahmen gescheitert. «Da hat man sich nicht getraut, Klartext zu sprechen und gewisse Hunderassen zu verbieten, Punkt Schluss.» Wenn sich Graf ins Feuer redet, zeigt er seine grössten Stärken, aber auch Schwächen. Er kann begeistern, anstecken, er hat einen ganzen Kratten voller Ideen. Für den Wahlkampf hat er ein 42-seitiges Büchlein verfasst und darin über 100 Ziele, Forderungen und konkrete Vorschläge aufgelistet für ein nachhaltiges Zürich. Ein mehr taktisch denkender Politiker würde sich nie so weit aus dem Fenster lehnen. Graf prescht aber nicht nur ungestüm vorwärts. Er neigt auch dazu, das Fuder zu überladen und beim Reden den Faden zu verlieren. Bei der Nominationsversammlung der Grünen 2006 war er nach der vereinbarten Redezeit noch immer bei der Einleitung. Mal Schlitzohr, mal Oberlehrer In Illnau-Effretikon wird Graf von links bis rechts einheitlich charakterisiert: ein Chrampfer, der gestaltet und nicht bloss verwaltet, dossierfest, glaubhaft, idealistisch, angenehme Art, teamorientiert, kommt mit allen aus – ein sympathisches Schlitzohr. Im Stadtrat könne er jedoch hartnäckig und recht lehrerhaft sein. Nach Aussage von FDP und SVP führt Graf die Stadt wirtschaftsfreundlich. Er sei als Stadtpräsident viel weniger links, als er sich jetzt in seinem Profil gebe. Jedoch vertrete er seine «grünen Steckenpferde» im Stadtrat fast gebetsmühlenartig – ein Überzeugungstäter. Mit einer grossen Windturbine ist er gescheitert, eine Holzschnitzelheizung für 400 Wohnungen hat er durchgebracht. Mit Engagement kämpft Graf auch für die Zentrumsüberbauung «Mittim» mit drei Hochhäusern. Diese soll CO2-neutral und 2000-Watt-kompatibel und – beachtlich für einen Linken – von einem privaten Investor entwickelt werden. «Statt mit dem Auto in die Agglo zu fahren, sollen die Leute bei uns im Zentrum einkaufen», sagt Graf. Stammtischartige Ausbrüche Vorgehalten wird dem Stadtpräsidenten im Grossen Gemeinderat eine «kaum zu verbergende Geringschätzung von Parlamenten» und seine ab und zu etwas stammtischartigen Ausbrüche à la Elmar Ledergerber. So habe er den Kantonsrat einmal als «dümmstes aller Parlamente» bezeichnet und auch schon gedroht, keine Steuern mehr nach Zürich zu liefern. Dazu Graf: Er habe sich immer für die Beibehaltung des Stadtparlaments eingesetzt. Es sei heute aber leider so, dass in den Parlamenten – von Illnau-Effretikon bis Bern – einige «Motzer vom Dienst» sässen und sich Parlamente die Konsequenzen von Streitigkeiten und Nichtentscheiden zu wenig überlegten. Hauptfrage: Wäre Graf ein guter und zufriedener Regierungsrat? Oder würde er sich als forscher Macher und Dorfkönig ohne kantonale Erfahrung im Zürcher Beamtenapparat den Kopf einrennen? Einschätzung: Graf könnte das genauso gut wie die meisten der bisher Gewählten. Aber er könnte nicht mehr so schalten und walten, wie er will und wie er das heute tut. Hat viele Ideen – manchmal fast zu viele: Martin Graf.Foto: Dominique Meienberg

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