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Die Frau, die der Schweiz den Ritalin-Boom beschert hat

Lislott Ruf schuf vor 30 Jahren ein Verfahren, das die Diagnose von Verhaltensstörungen vereinfachte.

Von Felix Straumann Ein schmales Taschenbuch mit knapp 200 Seiten machte im Jahr 1987 den Anfang. Unter dem Titel «Das frühkindliche psychoorganische Syndrom» (Thieme-Verlag) ist beschrieben, wie sich verhaltensauffällige Kinder mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom) dank einfacher Tests diagnostizieren lassen. Das Buch schlug in der Schweiz ein. Vor allem Kinderärzte, die bis dahin oft nicht wussten, was sie mit verhaltensauffälligen Kindern anfangen sollten, stürzten sich darauf. Es folgte eine Entwicklung, die Fachleute als logisch empfinden, Öffentlichkeit und Politiker aber bis heute besorgt verfolgen: immer mehr ADHS-Diagnosen und ein stetig steigender Verkauf von Medikamenten wie Ritalin. Inzwischen überlegt sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG), ob künftig nur noch Spezialärzte ADHS-Medikamente verschreiben dürfen (TA vom 3.3.2011). Lislott Ruf-Bächtiger, Autorin des besagten Buchs, sitzt in der Kaffee-Ecke in der Praxis «Zentrum für das kleine Kind» auf dem ehemaligen Sulzerareal in Winterthur. Die Basler Kinderärztin und Entwicklungsneurologin hat soeben einen der Kurse hinter sich, die sie seit rund 25 Jahren gibt. Ihre Zuhörer sind Kinderärzte, Logopädinnen, Heilpädagogen und Ergotherapeutinnen aus der Schweiz und Deutschland, die den nach ihr benannten Ruf-Bächtiger-Test lernen wollen. Allein unter den Pädiatern der Schweiz dürfte inzwischen fast jeder zweite den Kurs absolviert haben. Ruf ist eine Frau, die viel ausgelöst hat, ausserhalb eines eingeweihten Kreises jedoch kaum bekannt ist. Wenn sie spricht, wirkt sie zurückhaltend, verweist immer auch auf die Verdienste anderer. Doch die 74-Jährige weiss um ihre Bedeutung: «Ich habe sicher meinen Anteil daran, dass immer mehr Ritalin verkauft wird», sagt sie. «Vor meinem Buch wussten die Kinderärzte wenig von der Diagnose und Behandlung von ADHS.» Wie die meisten ihrer Fachkollegen ist sie nicht beunruhigt vom Anstieg. «Das hängt damit zusammen, dass bis heute viele Betroffene nicht diagnostiziert werden und keine Behandlung erhalten, obwohl es sinnvoll wäre», sagt sie. Mantel der Traurigkeit Lislott Rufs Ziel war es nie, ADHS-Kinder ruhigzustellen und angepasst zu machen. «Diesen Kindern gehört meine ganze Liebe und Bewunderung», schreibt sie im Vorwort zu ihrem einflussreichen Fachbuch. Es sei ihre tiefe Überzeugung, dass unsere Welt ohne ADHS-Kinder um einiges ärmer wäre. Das Buch habe sie geschrieben, weil sie die vielen ADHS-Kinder vor Augen habe, «über deren Fröhlichkeit, Begeisterungsfähigkeit und kleinkindliche Vertrauensseligkeit sich ein Mantel der Traurigkeit gelegt hat, weil sie Tag für Tag mit ihrem Anderssein auf Unverständnis gestossen sind». Ihr Diagnoseverfahren hat Ruf Anfang der 1980er-Jahre am Kinderspital Basel entwickelt. Auf der Abteilung für Entwicklungsneurologie war sie unter anderem zuständig für die ADHS-Kinder. Damals hiess das Leiden noch POS, kurz für Psychoorganisches Syndrom – eine Bezeichnung, die Ruf auch heute noch bevorzugt, weil er den organischen Ursprung der Verhaltensauffälligkeiten betont. Am Kinderspital wollte sich niemand mit den Müttern befassen, die die ganze Zeit über Schul- und Erziehungsprobleme ihrer Kinder klagten. Das sei «Minggiszeug», mach du das, habe es geheissen. «Ich habe bald einmal gemerkt, dass man bei diesen Kindern mit einer regulären neurologischen Untersuchung nicht weiterkommt», sagt Ruf. In der Folge entwickelte sie ihr zweistündiges Testverfahren. Zusammen mit weiteren Untersuchungen und Gesprächen mit Patient, Eltern und Lehrern erlaubt es eine zuverlässige ADHS-Diagnose in rund vier Stunden. «Für die Kinder sind die Tests wie ein Spiel, es braucht dafür keine Apparate oder ähnliche Hilfsmittel», sagt Ruf. Ein Beispiel ist ein Test, aus dem sich schliessen lässt, wie viele Informationen das Gehirn eines Kindes aufs Mal verarbeiten kann, auch Erfassungsspanne genannt. Der Arzt tippt dabei den Zeigfinger zufällig auf verschiedene Punkte auf dem Tisch. Das Kind muss anschliessend auf die gleichen Stellen zeigen. «Man weiss aus der Erfahrung, dass ein Fünfjähriger drei Punkte imitieren kann, ein Siebenjähriger vier und ein Neunjähriger fünf», erklärt Ruf. Wenn ein Neunjähriger nur drei Punkte nachmachen kann, ist er im Teilbereich der visuellen Erfassungsspanne noch auf der Stufe eines Fünfjährigen – wobei dies andere Tests dann bestätigen müssen. «Das ist häufiger, als man meint», sagt Ruf. In der Schule habe dies gewaltige Auswirkungen, etwa auf die Lesefähigkeit. Von Professoren ignoriert «Lislott Ruf-Bächtiger hat uns Kinderärzte überhaupt auf die ADHS-Thematik gebracht und wesentlich dazu beigetragen, dass die betroffenen Kinder früher und besser beziehungsweise überhaupt erkannt und behandelt werden», sagt Philipp Jenny vom Vorstand der Schweizer Pädiatrie-Gesellschaft. Anders als bei den Praktikern wurde Rufs Test an den Universitäten jedoch ignoriert. «Glauben Sie», sagt Lislott Ruf, «ein etablierter Professor an irgendeiner Universität würde von einer Frau, die nicht einmal Professor ist, irgendetwas Wichtiges annehmen?» Vonseiten der häufig psychoanalytisch orientierten Psychiatrie sei man anfangs zudem gar nicht am Krankheitsbild ADHS interessiert gewesen. «Mit einer Psychoanalyse kann man ein ADHS-Kind nicht wesentlich verändern», sagt Ruf. Doch inzwischen hat sich einiges geändert. «Lislott Ruf-Bächtiger hat sich sehr verdient gemacht um die ADHS-Kinder», lobt Wilhelm Felder, Professor am Berner Inselspital und Präsident der Kinder- und Jugendpsychiater-Gesellschaft. Auch Daniel Barth, Chefarzt des Solothurner Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes, sagt: «Der Ruf-Test war ein genialer Wurf zu einer Zeit, als es noch wenige neuropsychologische Verfahren gab.» Dennoch verwenden Psychiater und Psychologen im Gegensatz zu den Kinderärzten den Test seit längerer Zeit nicht mehr. «Er ist nicht auf dem heutigen Wissensstand und wurde nicht in Studien überprüft», sagt Barth. Ritalin für den Hund Ruf kennt die Vorwürfe: «Man müsste die Tests für jede Altersstufe an 100 Kindern mit und ohne Probleme überprüfen. Das würde etwa drei Millionen Franken kosten – als ich mich darum bemühte, konnte oder wollte das niemand zahlen, weder der Nationalfonds noch die Industrie oder die Universität», sagt sie. Immerhin habe man Erfahrungswerte, mit denen sich arbeiten lasse. «Ich wäre froh, es gäbe bessere Tests.» Die Intelligenztests, mit denen Psychiater und Psychologen unter anderem arbeiten, überzeugen sie nicht. ADHS-Kinder seien normal intelligent, würden aber in solchen Tests oft schlecht abschneiden. Privat hatte Lislott Ruf übrigens nur in einem Fall mit ADHS zu tun. Es litt zwar keines ihrer vier Kinder darunter, jedoch ihr Hund – wahrscheinlich wegen eines Geburtsschadens. «In der wissenschaftlichen Literatur wurde das noch nie beschrieben», sagt Ruf amüsiert. Das Tier sei immer die Treppe hinuntergefallen, habe andauernd gebellt und war auch sonst auffällig. «Ich habe ihm einmal Ritalin gegeben – aber es hat nichts genützt», erinnert sie sich. «Vielleicht hätte ich höher dosieren müssen.» Es ist Lislott Rufstiefe Überzeugung,dass unsere Weltohne ADHS-Kinderum einiges ärmer wäre. «Für die Kinder sind die Tests wie ein Spiel»: Lislott Ruf mit einem Holzturm für die ADHS-Diagnose. Foto: Sophie Stieger

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