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Die Furtwänglers, im Zentrum Elisabeth Das ZKO unter Diego Fasolis überzeugte mit J. S. Bach Wunderglauben in Lourdes, geprüft von Jessica Hausner

Kurz und kritisch Sachbuch Am Montag wird sie 100 Jahre alt: Elisabeth Furtwängler, Witwe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Mutter der Schauspielerin Kathrin Ackermann, Grossmutter der «Tatort»-Kommissarin Maria Furtwängler. Und sie hat nach wie vor vieles zu erzählen, wie Gunna Wendts Sammelbiografie der drei Frauen zeigt. Gunna Wendts Beschreibungen mögen zuweilen etwas süsslich sein, aber wenn es um die Fakten dieses langen Lebens geht, ist das Buch aufschlussreich. Da war die frühe Ehe mit dem Juristen Hans Ackermann, mit dem Elisabeth vier Kinder hatte (unter ihnen Kathrin). Als er im Zweiten Weltkrieg umkam, war sie 32 – und hatte wenige Monate zuvor Wilhelm Furtwängler, den Geliebten ihrer Schwester Maria, erstmals getroffen. Das Leben allein mit vier Kindern war anspruchsvoll, jenes in einer komplizierten Dreierkonstellation ebenfalls. Furtwängler zauderte und schlug die haarsträubendsten Lösungen vor, etwa eine Übergangsehe mit Maria, von der er sich dann für Elisabeth scheiden lassen würde. Als die Hochzeit mit Elisabeth schliesslich doch ohne Umwege zustande kam, hatte sie einen bemerkenswerten Vertrag zu unterzeichnen: Falls er je den Wunsch nach einer Scheidung verspüren sollte, so hiess es darin, würde sie nicht nur auf alle finanziellen Ansprüche verzichten, sondern auch alles tun, «um ihm diesen Wunsch zu erleichtern ohne jede Bedingung». Elisabeth Furtwängler liess sich als «subtile Kämpferin» (Wendt) ihr Glück von solchen Petitessen nicht trüben, und auch nicht von der schwierigen Zeit nach dem Krieg, die sie mit ihrem Mann in der Westschweiz verbrachte, während ihre älteren Kinder in Deutschland blieben. Sie war das Zentrum einer Familie mit bald fünf Kindern, fuhr schnell und gut Auto, wie sie in den Interviewpassagen im Buch betont, und pflegte weiterhin ihr Interesse an der Malerei, das unter anderem zur Freundschaft mit Oskar Kokoschka und seiner Frau führte. Und wenn sie heute, 56 Jahre nach seinem Tod, von Furtwängler erzählt, so tut sie das liebevoll, bewundernd – und kein bisschen unterwürfig. Susanne Kübler Gunna Wendt: Die Furtwänglers – Elisabeth Furtwängler, Kathrin Ackermann, Maria Furtwängler. Langen Müller, München 2010. 252 S., ca. 34 Fr. Konzert Zürich, Fraumünster – Sogenannte Nebenjob-Dirigenten stehen in letzter Zeit oft am Pult des Zürcher Kammerorchesters (ZKO) – was nicht immer überzeugende Resultate zeitigt. Wie das ZKO klingen kann, wenn ein Vollzeit-Dirigent gastiert, der zudem den Ruf eines Vollblutmusikers mit Temperament und Esprit hat, war am zweimal durchgeführten und bestens besuchten Weihnachtskonzert des ZKO zu erleben, das gänzlich der Musik Johann Sebastian Bachs gewidmet war. Der Tessiner Dirigent Diego Fasolis steht nicht in den grellsten Kegeln des medialen Schweinwerferlichts, zählt aber zu denjenigen, die Substanzielles zu bieten haben: Präzis sind seine Vorstellungen, charmant fordernd ist sein Auftreten – er ist ein Erfinder, oder gar ein «Wiederfinder», der den bleiernen Notentexten ihre implizite Lebendigkeit abzuringen vermag. Auch scheinbaren Nebensächlichkeiten wendet sich Fasolis liebevoll zu, ohne sich je in verhätschelnder Haltung zu verlieren. Ruppig kann es bei ihm zugehen, drastisch und aufbrausend, aber auch schwerelos schwebend, wie etwa im wunderbar entspannt gestalteten Anfang der «Messe» A-Dur BWV 234, die mit der jungen Schweizer Sopranistin Catriona Bühler, Max Emanuel Cencic (Countertenor), Simon Lasker Wallfisch (Tenor) und In-sung Sim (Bass) zusammen mit dem bemerkenswerten Zürcher Konzertchor (Leitung: André Fischer) aufgeführt wurde. Die nicht ganz einfachen akustischen Bedingungen im hallenden Schiff des Fraumünsters drohten allerdings die eigentlich geschärften Interpretationen gelegentlich in einem murmeligen Gesamtklang verschwinden zu lassen, sowohl in der Messe wie in den zwei Kantaten BWV 132 und 197a und der sprühenden Ouvertüre BWV 1066 mit ihrer burschikos-raffinierten Abfolge von Tanzsätzen (deren Kenntnis das Zürcher Kammerorchester offensichtlich dem Allgemeinwissen zuordnet, jedenfalls schwieg man sich im Programmheft darüber aus, wann genau eine Courante, eine Forlane oder ein Passepied zu hören war). Tobias Rothfahl DVD Jesus, Maria und der Heilige Geist machen Ferienpläne. Bethlehem? Da waren wir schon, sagt Jesus. Jerusalem? Kennen wir. Und Lourdes? Super, ruft Maria, da war ich noch nie! Diesen Witz erzählt ein Helfer des Malteserordens in Jessica Hausners Spielfilm «Lourdes». Sylvie Testud wurde für ihre Rolle als behinderte Pilgerin Christine unlängst mit dem Europäischen Filmpreis als beste Darstellerin geehrt. Diese Christine kommt im katholischen Disneyland Lourdes als eine von 1000 Gläubigen an, die sich inmitten von Souvenirshops und Marienstatuen Heilung versprechen. Sie wird im Rollstuhl zur Messe gefahren, besucht die Höhle der Marienerscheinung und isst neben anderen Wallfahrern in der Kantine: Den Glauben gibts nur pauschal. Es sei schon touristisch hier, sagt Christine einem Freiwilligen des Malteserordens (Bruno Todeschini), der mit ihr flirtet. Als trotzdem ein Wunder geschieht, bricht unter den Pilgern der irdische Neid aus: Wieso die und nicht ich? Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner ätzt den religiösen Wust mit strengen Einstellungen weg. Ihr Blick ist gnadenlos, aber nicht zynisch: Das Passionsspiel dreht sich um Hoffnungen. Durch die Ästhetik entlarvt der Film den Grusel des Wunderglaubens, und zugleich ist er ihm tief verbunden: Schliesslich glaubt auch das Kino an Wunder. Wo sonst werden Kranke plötzlich gesund? So, wie in Lourdes das Glück am grässlichsten Ort erlebt wird, so bewegt einen im Kino auch der übelste Kitsch. Letztlich handelt «Lourdes» vom Kino: Die Pilger in Lourdes steigen auf zu einer höheren Stufe der Verletzlichkeit. Wie die Zuschauer im Kinosaal. Pascal Blum Lourdes (A 2009). Regie: Jessica Hausner. Xenix Film, ca. 33 Fr. Elisabeth Furtwängler 1930.Foto: Keystone

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