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Die Geschichte der Kennedys

THALIA THEATER Hamburg. - Erstaunlich, dass es das noch nie gab: ein Bühnenstück über den Kennedy-Clan. Über jene Familie, die das amerikanische Jahrhundert darstellt wie keine andere. Alles ist da, verdichtet in einem Haus: Der Aufstieg von Aussenseitern, die kriminelle Energie, die es im fordistischen Kapitalismus dazu braucht, zwei Kriege, eine grosse Grippe, jede Menge Alkohol, Drogen und Tabletten, ein paar Filmstars, ein verstecktes Familienmitglied, zwei Attentate und drei Flugzeugabstürze. Und Glamour jenseits jeder Skala. So was kann man nicht erfinden.

Leider kann man es auch fast nicht erzählen. Vielmehr: Man kann es nur erzählen, und kaum spielen. Es gibt zwar grandiose Einzelleistungen. Etwa die strenge Mutter Rose Kennedy von Bibiana Beglau, die viele Zürcher noch vom Marthaler-Ensemble her kennen. Die Schauspieler reden meistens in der dritten Person über ihre Figuren, und Beglau zeigt die letztlich unterdrückte Matriarchin Rose bis ins hohe Alter nie nur als Besen. Eine Glanznummer liefern sich auch Hans Kremer als korrupter Vater Joe und Bernd Grawert in einem Gesangsduell während der Prohibition. Hier sprechen die Schauspieler für einmal nicht nur frontal nach vorne, sondern treten in einen Dialog, der dem alten Blues-Schema von Ruf und Antwort geschuldet ist. Der ständige Grenzgang zwischen Erzählung und Spiel ist anspruchsvoll, auch die Grundspannung in den Körpern, die gegen die drehende Bühne anrennen müssen, hält sich lange. Das 20. Jahrhundert ist eine Maschine, die zur Atemlosigkeit zwingt. Immer hat einer Asthma oder Herzprobleme. Und doch: Das Thalia Theater kapituliert am Ende vor der Geschichtsstunde.

Auch dann, als Ted Kennedy stirbt. Die Inszenierung von Luk Perceval reagiert ausführlich auch auf diese Aktualität, die das Team mitten in den Proben erreichte. Bernd Grawert als Teddy verzweifelt schreiend, als der Reigen mangels Überlebender aufzuhören scheint.

Und richtet sich nochmal auf, als Erfinder von Barack Obama. Es ist einer der einzigen Sinnangebote des Abends, wenn man will: die Verpflanzung des tragischen Kerns von den irischen Kennedys in den schwarzen Hoffnungsträger. Doch Präsident Obama stammt von keinem Clan ab, die historischen Parallelen - und die darin enthaltene Warnung - bleiben unklar.

Es gibt öffentliche Wirkungen, und es gibt private Wahrheiten, diese simple Unterscheidung gängiger Starbiografien übernimmt der Abend zu unreflektiert. Auch der Erzählfluss sucht sich seinen Weg brav chronologisch - von Ereignis zu Ereignis. Nur der berühmteste Kennedy wird klugerweise nie dargestellt, sondern nur in der Projektion gezeigt. Der Erlöser selbst kommt nicht auf die Bühne, warten auf JFK.

Tobi Müller

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