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Die Idee zum Windenergie-Turm entstand beim Tüfteln im Garten

Zwei Erfinder wollen den Energiemarkt umkrempeln: Sie haben einen Windturm entwickelt. Derzeit testen sie ihn auf dem Militärflugplatz Dübendorf.

Von René Donzé Dübendorf – Patrick Richter hat eine Vision: «In zehn Jahren werde ich auf einer Plattform im Meer stehen und zuschauen, wie unsere Windtürme aufgestellt werden.» Über 100 Meter hoch dürften sie werden – und die Leistung herkömmlicher Windräder bei weitem übertreffen. So weit der Traum des leidenschaftlichen Piloten, Elektronikers, Wirtschaftsinformatikers und zweifachen Familienvaters aus Zürich. Die Realität ist im Moment diese: Richter schwitzt in der prallen Sonne auf dem Militärflugplatz Dübendorf. Arbeiter schrauben an einem Ding auf einem Sattelschlepper, das wie ein umgekipptes, riesiges Hamsterrad aussieht. Zwölf 4 Meter lange Flügel stehen zwischen den beiden Glasfaserverbundrädern mit 4 Meter Durchmesser. Die Flügel sind frei beweglich und haben Querschnitte wie Flugzeugflügel. Beim leisesten Wind beginnt das Rad zu drehen.Nimmt der Sattelschlepper Fahrt auf, können Windgeschwindigkeiten simuliert und gemessen werden. «Damit führen wir verlässliche Testreihen durch», sagt Richter. Noch sei es zu früh, um Zahlen zur Leistung der Anlage zu publizieren, sagt er. Er will auf Nummer sicher gehen. Erste Resultate stimmen ihn aber optimistisch, dass das anvisierte Ziel erreichbar ist: Eine Windanlage, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Eine Idee für die Enkelkinder Begonnen hatte alles vor fünf Jahren als Kinderspiel: Schwiegervater Karl Bahnmüller, ein pensionierter Maschinenbauingenieur und Entwicklungsleiter, baute für seine beiden Enkelkinder einen Spielberg im Garten. Die Pumpe des Bächleins wollte er nicht elektrisch antreiben, sondern mit einem Karussell, das sich im Wind dreht. Das Prinzip probierte Bahnmüller mittels Kartonmodell und Ventilator aus und zeigte es seinem Schwiegersohn. Der war begeistert. «Ich sah das riesige Potenzial», sagt er. Schwiegervater und -sohn setzten sich zusammen in die Werkstatt und entwickelten immer ausgeklügeltere Karusselle. Sie bauten Windkanäle aus Ventilatoren und Gebläsen auf, um Modelle zu verfeinern. Und sie schweissten ihre ersten Flügel im Garten zusammen, später dann nach Instruktionen von Akrobatik-Pilot und Flugzeugbauer Max Vogelsang in dessen Werkstatt. Dabei hielten sie immer alles so simpel wie möglich. Tüftler Bahnmüller hatte als Deutscher in den Nachkriegsjahren gelernt, mit einfachen Mitteln viel zu erreichen. Wie die Segel eines Schiffs «Wir merkten bald, dass wir mit unserem System dem Wind viel mehr Leistung entziehen können», erzählt Richter. Bestätigung lieferten 2008 und 2009 die Tests mit einem 3 Meter grossen Modell im Windkanal der Ruag Aerospace in Emmen. Richter meldete das Patent an. Weltweit. Und gründete die Agile Wind Power AG, die nun schon fünf Mitarbeiter zählt. Er investierte sein ganzes Geld, das er aus dem Verkauf der Anteile an seiner Informatikfirma gelöst hatte. Vertikale Windräder sind an sich nichts Neues. Kleinere, rasch drehende Rotoren werden schon seit Jahrzehnten zur Stromerzeugung eingesetzt. Laut Richter wird der Agile-Turm jedoch die erste langsam drehende vertikale Grossanlage. Möglich wurde dies unter anderem dank der beweglichen Flügel. Sie verhalten sich wie die Segel eines Schiffs, das vor dem Wind kreuzt. So können sie sowohl den Gegen- als auch den Rückenwind nutzen.Ein Windturm besteht aus jeweils drei übereinanderliegenden Rädern. Er dürfte etwa gleich viel Strom erzeugen, wie ein herkömmliches Windrad von gleicher Höhe, schätzt Richter. Da aber auf derselben Fläche mehr Türme nebeneinander aufgestellt werden können, wird die Energieausbeute massiv erhöht. Die einfache Konstruktion und die relativ kleinen Einzelteile sollen für geringe Transport- und Erstellungskosten sorgen. Die Unterhaltskosten sind relativ tief, weil das Maschinenhaus am Boden steht. Üblicherweise hängt es hoch über dem Boden in der Gondel des Windrades. Später soll ein Energiespeicher dazukommen, der dafür sorgt, dass der Strom regelmässiger fliesst und Windspitzen geglättet werden können. Unterstützung der ZHAW Dank einem Beitrag von 130 000 Franken aus dem Klimafonds von Stadtwerk Winterthur konnte das erste Laufrad des Prototyps gefertigt werden, das nun in Dübendorf getestet wird. Die ganze Anlage soll im Herbst in Haldenstein bei Chur aufgebaut werden. Dafür hat auch die Axpo Geld aus dem Naturstromfonds gesprochen, wie Stefan Roth, Leiter Technologiemanagement der Axpo, bestätigt. Egon Lang, Professor für Energietechnik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), bezeichnet das Projekt als «interessant und vielversprechend». Ein Engagement der ZHAW in der Weiterentwicklung sei gut möglich. Bewährt sich die Versuchsanlage, will Richter spätestens 2014 in Serie gehen mit einem rund 75 bis 90 Meter hohen Windturm, dessen Elemente einen Durchmesser von 12,5 Metern haben. Dieser eignet sich für Windpärke auf dem Land. Später sollen noch mächtigere Türme folgen – auch für Offshoreanlagen auf dem Meer. «Wenn unsere Ideen funktionieren, werden wir den Markt umkrempeln», sagt Richter. Und sonst? «Muss ich mir einen neuen Job suchen . . .» Karl Bahnmüller (links) und Patrick Richter vor dem Testobjekt. Foto: Reto Oeschger

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