«Die Jüdin? Das bin ich»

Im Projekt Likrat gehen jüdische Jugendliche auf Schulbesuch. Dort stellen sie sich neugierigen Fragen. Das Motto lautet jeweils: Es gibt keine Tabus.

Liora Abergel (rechts) im Gespräch mit den zwei Sekundarschülern Abul Faz (Mitte) und Mirco Tremonti (links). Foto: Dominique Meienberg

Liora Abergel (rechts) im Gespräch mit den zwei Sekundarschülern Abul Faz (Mitte) und Mirco Tremonti (links). Foto: Dominique Meienberg

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Liora Abergel stellt sich in eine Art Schaufenster. Immer dann, wenn die 20-jährige Zürcherin eine Schulklasse besucht, weiss sie nicht, was sie erwartet. Was sie nicht sieht, bevor sie ins Klassenzimmer tritt, sind die gebannten Blicke. Von den Schülerinnen und Schülern, die darauf warten, endlich einmal mit einem Juden zu sprechen – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben. Wobei sie es vermutlich schon oft getan haben, ohne es zu realisieren. Die meisten Jüdinnen und Juden in der Schweiz sind wie Liora Abergel: äusserlich nicht als solche zu erkennen.

Tuscheleien seien das Erste, was sie wahrnehme, wenn sie ins Zimmer trete. Oft bekomme sie zu hören: «Wo ist er denn jetzt, der Jude?» Abergel weiss mit solchen Situationen umzugehen. Rund 30 Klassen hat sie schon besucht und sich dabei der Neugierde der Schüler ausgeliefert. Sie, die sich selbst als modern-orthodox bezeichnet, stellt sich selbstbewusst vor die Klasse und sagt: «Die Jüdin? Das bin ich!»

Die Klasse verstummt. Erstaunen in den Blicken der meisten. Was die Schüler wohl erwartet haben? Viele von ihnen das Gleiche wie Elio: «Die Juden sind die mit den dunklen Kleidern», sagt der 14-Jährige. Die Männer mit langen Schläfenlocken und Kippa auf dem Kopf, die Frauen mit dichtem, dunklem Haar und langen Röcken. So, wie der Hinwiler Elio sie einst gesehen hatte, als er vor zwei Jahren mit der Familie einen Ausflug nach Zürich-Wiedikon gemacht hatte. Dieses Erlebnis verfestigte seine Vorstellung von den Juden. Bis Liora Abergel kam.

Likrat – der Film. (Quelle: SIG)

Genau dafür ist sie mit einer Kollegin ins Zürcher Oberland gekommen: um mit gängigen Klischees und Stereotypen zu brechen. Jüdische Jugendliche besuchen Schulklassen, um über das Judentum zu berichten. Das Motto für die Fragerunde lautet jeweils: «Es gibt heute keine Tabus.» Die Aktion trägt den Namen Likrat. Was auf Hebräisch «aufeinander zu» bedeutet.

Unterstützung vom Bundesrat

Das Dialogprojekt existiert seit 2002. Seither finden jährlich rund 100 Klassenbesuche statt, etwa 1500 Schülerinnen und Schüler werden erreicht. Jetzt startet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) eine mediale Offensive. Die deutsche Regisseurin Britta Wauer steuerte dazu die Dokumentation «Likrat – der Film» bei. Gedreht in Hinwil, uraufgeführt Ende Mai in Bern, anlässlich des Dialogpreises Schweizer Juden. Unter den Gästen befand sich damals Bundesrat Alain Berset, der viel vom Projekt hält: «Vorurteile sind eine Gefahr für den nationalen Zusammenhalt.» Es brauche Projekte wie Likrat, um sich der sprachlichen, regionalen, politischen sowie religiösen Vielfalt des Landes bewusst zu werden. «Wir müssen miteinander diskutieren, damit wir erkennen können, dass es Vorurteile sind. Schaut man hin, sieht alles anders aus», sagt Berset.

Die offizielle Premiere feierte der Film gestern in der Sekundarschule Breite in Hinwil. Unter den amüsierten Gesichtern von Elio und seinen Schulkameraden, die sich nun selbst auf der Grossleinwand sehen. In einer Szene erklärt Liora Abergel, weshalb gläubige Juden am Sabbat auf elektronische Geräte verzichten: «Wisst ihr was?», sagt sie, «für mich ist es ganz angenehm, einen Tag in der Woche auf mein Handy zu verzichten. Findet ihr nicht auch?» Eine Schülerin schüttelt den Kopf. Sie kann sich ein handyfreies Dasein offenbar unter keinen Umständen vorstellen. Als sie sich selbst nun im Film erblickt, läuft sie rot an: «Oh my god!»

Doch wie lauten sie nun? Die Klischees, mit denen sich Liora Abergel und die anderen Likrat-Mitstreiter regelmässig konfrontiert sehen? Ein Auszug aus der Fragerunde:

– Sind alle Juden reich?

– Arbeitet dein Vater bei der Bank?

– Falls ja, trägt er dabei eine Kippa?

– Esst ihr immer nur koscher?

– Ist es anstrengend, eine Jüdin zu sein?

– Hat es Vor- und Nachteile, eine Jüdin zu sein?

– Sind Jüdinnen beim Sex mit einem Tuch bedeckt?

– Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie viel bedeutet dir Gott?

«Im Dialog werden viele der Klischees beiseitegeräumt», sagt Abergel. Die Kinder würden zudem merken, dass es auf die meisten Fragen keine eindeutigen Antworten gebe. Denn die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz ist vielfältig: Von den knapp 10 000 Jüdinnen und Juden im Grossraum Zürich sind die wenigsten religiös, einige bezeichnen sich als modern-orthodox, ein paar Hundert Familien zählen zu den Streng-Orthodoxen. Nathalie, die gemeinsam mit Liora Abergel vor die Hinwiler Klasse tritt, besucht weder Synagogen, noch ernährt sie sich koscher: «Ich muss die meisten Fragen der Schüler deshalb mit Nein beantworten.» Ihr weltliches Dasein erstaune gewisse Schüler: ein Realitätscheck, der ihnen mitteile, dass jüdische Kinder genau gleich seien wie christliche, muslimische oder konfessionslose. Genau darum gehe es bei Likrat.

Anwendung im Tourismus

Bisweilen sei sie vom Nichtwissen über das Judentum überrascht, sagt Liora Abergel. Als sie etwa einem jungen Muslim habe erklären müssen, dass es in der Schweiz nicht zwei Millionen, sondern nur rund 20 000 Juden gebe. Es sei auch anstrengend, wenn sie erklären müsse, dass der Holocaust nicht dazu geführt habe, dass Juden automatisch alle Deutschen hassen würden. Für Abergel überwiegt aber das Positive: «Wenn wir die Schüler zum Denken anregen, ist das für mich das Grösste. Wenn sie Frage um Frage stellen.»

Der jüdische Verband SIG hat Likrat mittlerweile in Länder wie Deutschland oder Österreich exportiert, es findet auch Anwendung im Tourismusbereich. Letzteres geht auf einen Vorfall in Arosa zurück. Dort wurden jüdische Gäste in einem Hotel per Zettel aufgefordert, vor dem Sprung in den Pool zu duschen. SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner spricht von einem «Extrembeispiel». Es dokumentiere aber, wie stark Unwissen über die jüdische Gemeinschaft verbreitet sei. «Man muss stets zwischen Unwissen und Bösartigkeit unterscheiden.»

Als «Hoffnungsträger» bezeichnet der SIG das Dialogprojekt: «Gerade in Zeiten, in denen viel über einen erstarkenden Antisemitismus und über ein angespanntes Verhältnis zwischen Juden und Muslimen gesprochen wird.» Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Statistik zeigen rund zwölf Prozent der befragten Schweizer feindliche oder negative Einstellungen gegenüber Juden.

Erstellt: 23.06.2018, 19:38 Uhr

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