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Die Lebensschule von Engelberg

An der Schweizerischen Sportmittelschule in Obwalden werden Ski- und Snowboardtalente sportlich und schulisch stark gefordert. Nicola Fürer aus Hedingen steht noch ganz am Anfang.

Die Sonne hat die Wolken, die am Morgen den Himmel bedeckten, verdrängt. Die Winterlandschaft von Engelberg glitzert in Weiss. In den letzten Wochen hat es viel Schnee gegeben - Ski-Wetter wie aus dem Bilderbuch. Die umgebenden Bergketten mit Rotstock, Ruchstock, den Walenstöcken und dem Titlis strahlen. Am Ortsende liegt die grosse Anlage des Benediktinerklosters, ruhig und stoisch. Doch im Innern der Gemäuer aus dem 12. Jahrhundert herrscht an diesem Dienstag emsiges Treiben.

Die Jugendlichen der Sportmittelschule haben ihren letzten Schultag in diesem Jahr. In den raren Freistunden packen sie ihre Koffer, räumen die Internatszimmer auf. Im Esssaal treffen sich die Wintersport-Talente dann zum Mittagessen. Mit Spinat gefüllte Pouletbrust, Risotto, Bratkartoffeln, Blumenkohl und ein Salatbuffet sollen ihnen Energie für den bevorstehenden Nachmittag liefern. Die Stimmung ist gelöst, die Lautstärke höher als an normalen Tagen. In einem kleinen Nebenraum verköstigen sich die Lehrer. Das warme Wetter ist das Thema am Mittagstisch. Fünf Grad hätten sie am Vorabend gemessen, im Tal sei es deutlich kälter gewesen. Der Föhn setzt der Schneedecke zu. Die Ferien kommen also zum richtigen Zeitpunkt.

Verwegen wie Ligety

Auch Nicola Fürer ist froh über die anstehenden Freitage. Der Hedinger hat ein schwieriges Wochenende hinter sich. Zum Training war er nach Gstaad gereist. Er startete zu 15 Slalom-Läufen, gerade mal einen hat er ins Ziel gebracht. «Das hat mich schon runtergezogen», sagt der 14-Jährige. In Gesprächen mit den Trainern habe er seine Fehler analysiert. Ein Grund für die hohe Ausfallquote liegt in seinem Fahrstil. Er fährt immer am Limit, auch in den Einheiten.

Sein Vorbild ist denn auch der US-Amerikaner Ted Ligety, der für seinen knallgrünen Helm und die verwegenen Fahrten bekannt ist. Im Gegensatz zum 25-Jährigen, der im Riesenslalom und in der Kombination seine grössten Erfolge feierte, möchte sich Fürer allerdings später auf den Slalom fokussieren - zumindest ist das der momentane Stand. «Athleten in diesem Alter trainieren vielseitig, die technischen Grundlagen müssen zuerst erarbeitet werden», weiss Eskil Läubli, Geschäftsführer der Schweizerischen Sportmittelschule. Erst viel später fände eine Spezialisierung statt. Die körperlichen Voraussetzungen für einen Spitzenfahrer bringe Fürer mit, glaubt er: «Er ist gross und kräftig. Wir setzen alles daran, dass er sein Potenzial ausschöpfen kann. Der Weg ist aber lang und steinig.»

Kaum Freizeit

Zurzeit startet Fürer in der Kategorie JO (Jugendorganisation). An der Schweizer Meisterschaft dieser Altersklasse (Jahrgang 94/95) wurde er letzte Saison Achter im Riesenslalom. «Die meisten Fahrer waren ein Jahr älter als ich», so Fürer. Seinen grössten Erfolg erzielte er in diesem Frühjahr, als er im Final des Grand Prix Migros eine Gold- und eine Silbermedaille einfuhr. Im nächsten Winter weht dem jungen Säuliämtler dann ein anderer Wind entgegen. Er wird altersbedingt zu den Junioren aufsteigen. «Es wird ein Neuanfang. Die Pisten und die Gegner werden härter», schaut Fürer voraus. Vorerst muss er sich aber auf die anstehende Saison konzentrieren. Die Wettkämpfe beginnen für ihn am 6. Januar.

Neben der Piste wird Fürer schulisch stark gefordert. Er besucht die dritte Sekundarschule, im Sommer wechselt er ins Gymnasium. Ein harter Weg steht ihm bevor. Die Tage sind durchstrukturiert. Schulstunden und Training wechseln sich ab, das Essen am Mittag ist obligatorisch, in den Zwischenstunden wird gelernt. Nach dem Abendessen ist erneut Studiumszeit, um 22 Uhr Zapfenstreich. «Es sind keine normalen Schüler. Sie haben vielleicht ein bis zwei Wochen im Jahr, in denen sie nichts machen», sagt Kommunikationschef Ulrich Naumann. Die Anforderungen sind enorm. Hinzu kommen die Eltern. Schliesslich bezahlen diese 13 500 Franken pro Schuljahr. «Die Erwartungshaltungen sind oft sehr gross», sagt Läubli. Für Nicola Fürer kein Problem: «Ich spüre keinen Druck von zu Hause.»

Zwei Wege zur Auswahl

Anstrengend genug ist der Ausbildungsweg ohnehin. Die Schüler und Schülerinnen der Schweizerischen Sportmittelschule Engelberg - aktuell sind es 63 (49 Ski alpin, 8 Ski Freestyle, 6 Snowboard Freestyle) - sind während 100 bis 150 Tagen im Jahr unterwegs. Oft müssen sie in der Ferne für die Schule büffeln, holen dann Prüfungen nach oder schreiben diese im Voraus. Denise Feierabend etwa lernt zwischen den Weltcuprennen für die bevorstehenden Maturitätsprüfungen. Die 20-Jährige ist derzeit die bekannteste Schülerin in Engelberg. Neben dem Gymnasium steht den Schweizer Nachwuchshoffnungen noch ein weiterer Weg offen. Sie könnten sich an der Hotel-Handelsschule zu kaufmännischen Mitarbeitern in der Hotellerie ausbilden lassen. Andere Möglichkeiten gibt es momentan nicht. Zu komplex sei die Zusammenarbeit mit Lehrstellenbetrieben, sagt Läubli. Pilotversuche seien gescheitert, weil die übrigen Mitarbeiter mit den vielen Absenzen der Sportler nicht zurechtgekommen seien.

Nicola Fürer genügt das Angebot. Sollte es nicht zum Profisportler reichen, will er Grafiker werden. Doch viel lieber träumt er von einer Olympiamedaille im Slalom. Den Weg von der Sportmittelschule Engelberg an die Spitze schaffen aber nur die wenigsten. Zurzeit fahren fünf Absolventen im Weltcup: Dominique und Marc Gisin, Silvan Zurbriggen, Cornel Züger sowie Fränzi Aufdenblatten. Gerade Letztere hat mit ihrem ersten Weltcupsieg im Super-G von Val-d’Isère vor Wochenfrist gezeigt, dass es für die Erfüllung eines Traums oft viel Zeit und Geduld braucht - manchmal 28 Jahre. Nicola Fürer. An der SM im Frühjahr fuhr Nicola Fürer im Riesenslalom auf Platz 8 - später will er sich aber auf den Slalom konzentrieren. Foto: PD

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