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«Die Pflegefachleute erhalten zu wenig Wertschätzung»

Renate Büchi aus Richterswil sitzt für die SP im Kantons- und Gemeinderat. Als Gerontologin beschäftigte sie sich intensiv mit betagten Patientinnen und Patienten. Um Misshandlungen und Überforderungssituationen in den Altersheimen vorzubeugen, brauche es Massnahmen vom Kanton sowie spezifischere Ausbildungen, sagt sie.

Von Daniela Haag Adliswil/Richterswil – Die Pflege von alten und demenzkranken Menschen ist anspruchsvoll und belastend. Ist das Personal überfordert, besteht die Gefahr von Übergriffen. Solche toleriert die Öffentlichkeit aber nicht. So war die Empörung gross, als kürzlich Missbrauchsvorwürfe im Adliswiler Alters- und Pflegeheim an der Badstrasse sowie in der Alterswohngruppe Wolfhaus publik wurden (der TA berichtete). Renate Büchi (SP), Kantonsrätin und Gemeinderätin in Richterswil, fordert bessere Bedingungen in der Pflege von Demenzkranken. Sie reichte kürzlich eine Anfrage an den Regierungsrat ein und fordert eine Demenzstrategie im Kanton Zürich. Renate Büchi ist ausgebildete Psychiatriepflegefachfrau und Gerontologin und arbeitete auf der Gerontopsychiatrie, also mit betagten Patientinnen und Patienten. Was läuft heute schief in den Altersheimen? Die Pflege und Betreuung speziell von Demenzpatienten ist eine grosse Herausforderung. Diese Herausforderung muss in der Ausbildung der Pflegefachleute mehr Gewicht erhalten. Heute ist die Ausbildung sehr allgemein. Liegt das Problem nur beim Personal? Nein, es braucht auch geeignete Pflegeinstitutionen. Alzheimerpatienten beispielsweise verspüren in einer gewissen Phase der Erkrankung einen grossen Bewegungsdrang. Diesen müssen sie ausleben können. Haben sie die Möglichkeit dazu nicht, wirkt sich das auf ihr Verhalten aus. Sie werden anstrengend und schwierig. Das Personal kann an die Grenzen kommen. Es gibt aber nicht genügend Einrichtungen, die über gesicherte Aussenbereiche für solche Patientinnen und Patienten verfügen. Sie haben auch auf diesem Beruf gearbeitet. Wie schätzen Sie die Situation der Pflegefachleute ein? Die Pflegefachleute betreuen die Menschen, die uns Angehörigen am Herzen liegen. Aber die Bevölkerung bringt ihnen zu wenig Wertschätzung entgegen. Sie leisten Knochenarbeit, sind dafür aber unterbezahlt. Es herrscht ein eigentlicher Pflegenotstand, der Markt ist ausgetrocknet. Der Beruf ist für junge Leute offenbar nicht spannend genug. Wie kann man das ändern? Die Arbeit muss mehr geschätzt und zu den Pflegefachleuten Sorge getragen werden. Nebst einer spezifischeren Ausbildung sind auch Angebote für Weiterbildung und Supervision zu schaffen. Was müsste der Kanton machen? Er muss eine Strategie entwickeln, damit die Voraussetzungen für die Pflege von demenzkranken Patientinnen und Patienten stimmen. Nebst geeigneter Ausbildung und Einrichtungen müssen neue Angebote auf medizinischer Ebene geschaffen werden, bevor die Pflege überhaupt ins Spiel kommt. Was wäre das? Ich denke hier vor allem an die Prävention und die Abklärung. Es braucht Einrichtungen wie die Memory-Klinik in Kilchberg, die Patientinnen und Patienten untersuchen, beraten und unterstützen können. Diese könnten eine Demenzerkrankung frühzeitig erkennen und die geeignete Behandlung und Pflege in die Wege leiten. Ausserdem ist dem Thema Öffentlichkeitsarbeit ein grösseres Gewicht zu geben. Die Information zur Vorbeugung, Erkennung und zum Umgang mit Demenzkranken ist wichtig. Es sind hauptsächlich Gemeinden und Stiftungen, welche die Pflegeeinrichtungen führen. Was wäre die Aufgabe des Kantons? Er müsste sich überlegen, was sinnvoll ist. Der Kanton müsste sich für die Zukunft wappnen und eine umfassende Planung und Strategie im Bereich der Pflege und Betreuung von demenzkranken Menschen entwickeln. Könnten dadurch Fälle wie in Adliswil oder im Entlisberg verhindert werden? Handeln Kanton und Bund nicht, nimmt die Überforderung in der Pflege zu, und die Gefahr von Übergriffen steigt. Aber auch wenn die Voraussetzungen besser sind, ist es wahrscheinlich nicht so, dass man alle Zwischenfälle verhindern könnte. Was schlagen Sie vor? Es geht um erkrankte Menschen, die Pflege und Betreuung brauchen. Sie müssen ins Zentrum gestellt werden. Und aus Ihrer Sicht ist zu überlegen, was sie brauchen, damit sie sich wohlfühlen. In Richterswil sind Sie als Gemeinderätin zuständig für das Altersheim. Wie sieht die Situation in Ihrer Gemeinde aus? Wir planen ein neues Alters- und Pflegewohnheim an der Gartenstrasse und möchten spezielle Aussenräume für Demenzkranke schaffen. Heute können wir noch keine ideale Lösung für diese Bewohnerinnen und Bewohner anbieten. Im Altersheim Im Wisli haben wir noch keinen geschützten Garten und es besteht ein gewisses Risiko, dass sich jemand vom Areal entfernen könnte. Wir haben zwar vorgesorgt und elektronische Schranken eingerichtet. Das Wisli wurde aber zu einer Zeit gebaut, als die Demenzerkrankung noch kein Thema war. «Die Pflegefachleute leisten Knochenarbeit, sind dafür aber unterbezahlt. Es herrscht ein Pflegenotstand.» «Handeln Kanton und Bund nicht, nimmt die Überforderung in der Pflege zu, und die Gefahr von Übergriffen steigt.» Renate Büchi fordert den Kanton auf, bessere Voraussetzungen für die Pflege von alten Menschen zu schaffen. Foto: Patrick Gutenberg

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