Zum Hauptinhalt springen

Die S-Bahn ist ein Leuchtturm

Grosse Projekte haben es in Zürich schwer. An einer Podiumsdiskussion stellte sich die Frage: Braucht die Stadt überhaupt visionäre Projekte?

Von Janine Hosp Zürich – Zwei Worte haben in Zürich schon manches Projekt zu Fall gebracht: «Ja» und «Aber». Ihr letztes Opfer war das Kongresszentrum. Die meisten Zürcherinnen und Zürcher wollten zwar eines, aber nicht am See, nicht so gross und nicht mit dieser Trägerschaft. Und so fehlt der Stadt heute – anders als Bilbao oder Luzern – ein sogenannter Leuchtturm, ein Renommierbau. «Braucht Zürich überhaupt visionäre Projekte», fragte zu Beginn der gestrigen Podiumsdiskussion Brigit Wehrli-Schindler, Direktorin von Stadtentwicklung Zürich. Habe die Stadt tatsächlich Chancen verpasst – oder könne sie am Ende gar froh sein, dass viele Visionen nicht verwirklicht worden seien? Die Diskussion wurde als Begleitveranstaltung zur Ausstellung «verwegen, verworfen, verpasst» durchgeführt, die noch bis 12. März im Stadthaus zu sehen ist. Die Frage interessierte: Der Lichthof des Stadthauses war voll besetzt, die Besucher mussten sogar auf die Emporen ausweichen. Die Kunst des Visionärs Die vielleicht überraschendste Erkenntnis des Abends: Zürich hat bereits einen Leuchtturm. Nur nimmt ihn niemand als solchen wahr, wie Architekt Marcel Meili sagte. «Mit der S-Bahn hat Zürich eine Vision europäischen Rangs verwirklicht.» Dabei sei dies äusserst schwierig. Eine Vision definierte Meili als sanfte Gewalteinwirkung an der Wirklichkeit. Die Kunst des Visionärs sei es, jenen Punkt nicht zu überschreiten, an dem ihn seine Zuhörer verliessen. Die Journalistin Esther Girsberger stellt, wie sie selber sagte, keine grossen Anforderungen an Visionen. Für sie ist es bereits visionär, in Zürich einen Platz zu planen, der diesen Namen auch tatsächlich verdient. Etwa indem der Verkehr unter den See, in einen Stadttunnel vom Zürichberg nach Wollishofen, verlegt werde. Die zweite Erkenntnis der Diskussion: Eine Stadt braucht keine Leuchttürme, um erfolgreich zu sein. Wie Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker, erinnerte, steckte Zürich noch 1995 in der tiefsten Krise: Die Wirtschaft darbte, das Image der Stadt war durch den Platzspitz ruiniert. Heute, nur 15 Jahre später, gehe es ihr blendend. So weit habe sie es ganz ohne Leuchtturm gebracht. Kongresszentrum nach Oetwil Und die dritte Erkenntnis des Abends: Wenn Zürich dennoch einen Leuchtturm will, dann soll er nicht in der Stadt, sondern im Umland stehen. «Die Zukunft Zürichs hängt vom Zustand der Vorstädte ab», prognostizierte Thomas Sevcik, dessen Firma Arthesia Städte und Regionen in Marketingfragen berät. In den Städten seien die Probleme weitgehend gelöst, es gebe zum Beispiel kaum mehr No-go-Areas. Die Vorstädte hingegen müssten dringend urbanisiert werden, wenn man verhindern wolle, dass sich Fremdenfeindlichkeit breitmache. So plädierte er: «Wie müssen aufhören, Grenzen zu denken. Stellen wir das Kongresszentrum in Oetwil an der Limmat hin!» Architekt Markus Meili verriet, wie sich grosse Projekte am ehesten umsetzen lassen: «Wenn Sie einen Leuchtturm wollen, reden Sie nicht darüber. Davon bekommt man nur Neurosen.» Am besten, so sagte Thomas Sevcik, seien ohnehin jene Projekte, die überraschend realisiert worden seien. In Zürich ist dies in seinen Augen der Schiffbau: «Manche meiner Bekannten hatten noch vor wenigen Jahren Angst, ihr Auto würde einen Kratzer bekommen, wenn sie damit ins Industriequartier fahren. Dass das Schauspielhaus dort eine zweite Bühne hinstellte, war schon einigermassen merkwürdig.» An der Veranstaltung selbst wurde übrigens ebenfalls ein Plan verworfen: Der ursprünglich angekündigte Apéro musste kurzfristig gestrichen werden – er war dem städtischen Notbudget zum Opfer gefallen. Gescheitert: Das Projekt «Seepark» aus dem Jahr 1974.Foto: PD

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch